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18.07.2012, 10:55 Uhr

Wie der Zebrastreifen in den Verkehr kam

in Kooperation mitDIE WELT

Mehr als 60 Jahre lang beherrschte das Auto den Straßenverkehr, bis die ersten Fußgängerüberwege der Macht des Stärkeren Grenzen setzten. Nach der "Lex Zebra" nahmen die Todesfälle sogar zu.

VonHolger Kreitling

Achtung, Beatles-Freunde! Obwohl die Idee so nah liegt, werden wir hier nicht über das Cover der LP "Abbey Road" berichten. Sagen wir der Vollständigkeit halber, die vier Musiker überqueren auf dem berühmten Bild die Straße, einer barfuß. Na und? Sollen sie doch. Und nun zu etwas komplett anderem: dem Zebrastreifen.

Stau

Unser Staumelder zeigt die aktuelle Verkehrslage in Deutschland. >

Ach, der Verkehr ist seit der Erfindung des Fuhrwerks dem Menschen ein Ärgernis. Erst Pferde und dann Autos ließen die jeweils Steuernden glauben, sie seien die Herren des Verfahrens, und alle Fußgänger müssten sehen, wo sie bleiben. Ein britischer Leserbriefschreiber seufzte 1911: "Könnten Sie etwas unternehmen, damit Fußgänger auf öffentlichen Straßen wieder sicher sind? Wenn ein Fußgänger heute auch nur kurz zögert oder einen Fehler macht, ist seine Chance, einem schrecklichen Tod zu entrinnen, viel geringer als zu Zeiten, als die Fahrzeuge langsamer fuhren." Klingt zeitlos.

Die bürgerliche Gesellschaft stellt sich also von jeher am Straßenrand anders dar als im Wagen. Die Achtsamkeit hinter Knautschzonen ist geringer. Erst der Zebrastreifen hat für ein wenig Gerechtigkeit gesorgt, das gute Gefühl wird vermittelt, auch der Schwächere habe ein Recht auf zivile Freiheit. Man kann heute in Deutschland besonders gut auf Autobahnen beobachten, wie dummdreiste Verdrängung noch erfolgreich läuft. Allerdings will und darf niemand Autobahnen zu Fuß überqueren.

1952 gab es den ersten Zebrastreifen

Viele Jahre mussten vergehen, bis Autofahrer von sich aus hielten, um die Straßenquerung für Passanten möglich zu machen. In London gab es 1948 erste Straßenmarkierungen mit punktierten Linien. 1949 fand der Zebrastreifen in einem Genfer Protokoll über Straßenverkehrszeichen Erwähnung. In Großbritannien wurden zuerst die Farben Gelb und Blau abwechselnd genutzt, weshalb der Begriff "zebra crossing" natürlich nicht sofort zum Einsatz kam.

In Berlin gab es vermutlich im März 1952 einen ersten Zebrastreifen. Vor 60 Jahren dann, am 8. Juli 1952, wurden zwölf Zebrastreifen in München offiziell auf Straßen gemalt. Am 24. August 1953 führte der Gesetzgeber mit dem Paragrafen 26 der Straßenverkehrsordnung (StVO) erstmalig die Fußgängerüberwege bundesweit ein. In Hamburg wurde die Neuigkeit "Dickstrichkette" genannt, das "Hamburger Abendblatt" reklamiert, in einer Kampagne den Begriff "Zebrastreifen" geprägt zu haben.

Doch der Vorrang für Fußgänger galt nur für solche, die sich schon auf den Zebrastreifen befanden. Die Autofahrer mussten nicht halten, schon gar nicht vorsorglich. Ihre freie Fahrt für freie Bürger sorgte für viele Unfälle.

85.650 Unfälle mit Personenschaden

Eine Doktorarbeit über Zebrastreifen führt Statistiken für Nordrhein-Westfalen an. 1955 gab es 85.650 Unfälle mit Personenschaden auf Zebrastreifen – allein in NRW. Fast 4000 Menschen starben. Bis 1964 stieg die Unfall-Zahl auf fast 98.000. Der Berliner "Tagesspiegel" ärgerte sich 1963: "Warum sind nicht wenigstens diese Übergänge neutrales Gebiet in dem brutalen Jeder-gegen-jeden, das auf Deutschlands Straßen unausrottbar scheint?"

Die Situation besserte sich erst am 1. Juni 1964, als der Vorrang für Fußgänger eingeführt wurde, die "Lex Zebra". Besondere Rücksicht zu nehmen und nötigenfalls zu halten" wurde Pflicht. Sehr schön auch § 37 Abs. 2 StVO: "Fußgänger haben die Fahrbahnen in angemessener Eile auf dem kürzesten Weg quer zur Fahrtrichtung zu überschreiten." Das gelingt nicht jedem!

In der Folge nahmen Unfälle erst zu, Todesfälle aber deutlich ab. Dann gewöhnte sich das Land nach und nach an das Prozedere vor dem Zebrastreifen. 2009 gab es in Deutschland noch 5500 Unfälle, 26 Menschen starben.

Übrigens: Die Vorteile auf Zebrastreifen genießen laut Gesetz nur Fußgänger, Fahrer von Krankenfahrstühlen und Rollstuhlfahrer. Nicht Radfahrer. Fairerweise halten Autos mittlerweile auch dann, wenn Radfahrer die Straßen queren wollen. Wir werden keinesfalls dagegen protestieren.

© DIE WELT

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11 Meinungen zu "Jubiläum: 60 Jahre Zebrastreifen"

  • Inlandsvagen
    Mittwoch, 18.07.2012, 15:02 Uhr
    Die strikte deutsche Regelung, dass ein Autofahrer anhalten muss, finde ich grundsätzlich sehr gefährlich. Der Fußgänger fühlt sich so sicher und schaut gar nicht mehr nach links oder nach rechts und geht einfach so rüber - die Autos halten ja eh alle an. Zumindest wird so gedacht.
  • Zarifeh
    Mittwoch, 18.07.2012, 14:10 Uhr
    ...dann wird er ja bald in Rente gehen, man trampelt doch eh nur auf ihm herum. Ein gesetzlicher Feiertag ihm zu Ehren, darüber sollte man mal Nachdenken.
  • bayernreiner
    Mittwoch, 18.07.2012, 13:30 Uhr
    Macht dieses Ereigniss doch zum Feiertag, dann haben wir alle was davon.
  • Dardos
    Mittwoch, 18.07.2012, 13:06 Uhr
    Er lebe der Zebrastreifen- ja ich behaupte Deutschland muss ein einziger Zebrastreifen werden. So- und jetzt weiter mit ner richtigen Meldung !
  • alias13
    Mittwoch, 18.07.2012, 13:01 Uhr
    @Brechmich, du kannst sogar als Fußgänger an einer Ampel grün haben und es interessiert einige Autofahrer herzlich wenig.Sie haben auf jede Fall die stärkeren Argumente.
  • Brechmich
    Mittwoch, 18.07.2012, 12:48 Uhr
    Sicher über die Straße, seit 60 Jahren eine Illusion. Wenn man das Leben satt hat, geht man am Zebrastreifen einfach los.
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Sie lesen gerade: Jubiläum: 60 Jahre Zebrastreifen. Seit 1952 geleiten weiße Streifen Fußgänger sicher über die Straße.