Bioware findet mit dem neuen Dragon Age zu alten Stärken zurück.

Nach dem in Genrekreisen relativ glücklosen Vorgänger soll es Dragon Age: Inquisition nun richten. Wir haben uns den Titel in einer weit fortgeschritten Version für Sie angeschaut.

Wiederkehr der Tugenden?

Bioware ist auf dem PC für so legendäre Titel wie Neverwinter Nights verantwortlich. Von dem Zauber des Studios ist jedoch seit der Übernahme durch EA nicht viel übrig geblieben: Der Vorgänger in Form von Dragon Age: Origins war ein seichtes Rollenspiel, das zwar nicht als Fehlschlag bezeichnet werden kann, doch an die Glanzleistungen vergangener Jahre konnten die Entwickler nicht einmal ansatzweise anknüpfen. Auch die neuen Arbeitsplätze lassen diesen Eindruck entstehen: Graue Großraumbüros erinnern allzu schnell an Fließbandarbeit für Electronic Arts. Glücklicherweise täuscht der erste äußere Eindruck in den meisten Fällen, so dass mit Dragon Age: Inquisition möglicherweise tatsächlich ein gutes Rollenspiel mit viel Tiefgang auf RPG-Freunde wartet.

Bioware findet mit dem neuen Dragon Age zu alten Stärken zurück.

Aaryn Flynn, Chef bei Bioware, muss allerdings auch viel verlorenen Boden wiedergutmachen, wenn es um die Entwicklung von Dragon Age: Inquisition geht. Erkennbar ist das unter anderem an seinem ernsten Auftreten: Der Titel ist sein erstes großes Projekt, an dem Millionen von Spielern und hohe Entwicklungskosten hängen. Entsprechend weitreichend sollen die Änderungen im Vergleich zum Vorgänger ausfallen - etwa hinsichtlich des Kampfsystems. So darf das Kampfgeschehen nun wieder jederzeit pausiert werden, wie es eigentlich seit den Zeiten von Baldur's Gate in Biowares Spielen üblich ist. In Dragon Age 2 wurde dieses Feature dennoch ersatzlos gestrichen, ein Kopfschütteln ging durch die Spielerreihen. Nun dürfen Rollenspieler wieder das Geschehen anhalten, die Kamera optimal ausrichten, neue Befehle erteilen und damit einen Kampf taktisch und strategisch bestmöglich austragen. Wer darauf keine Lust darf, kann auch der KI die Steuerung der Kameraden überlassen.

Das Nichts kehrt zurück - aber besser

Zur eigentlichen Handlung von Dragon Age: Inquisition ist derweil wenig bekannt, nur die aus zahlreichen Genrevertretern bekannten Zutaten sind bislang an die Oberfläche gedrungen. Am Anfang öffnet sich ein Riss in das (von Spielern verhasste) Nichts, daraus drängen allerlei Dämonen nach Thedas und die Fraktionen der Krieger und Magier weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Wer letztendlich die Verantwortung tragen muss und was das überhaupt alles zu bedeuten hat, soll der Spieler herausfinden. Gleichzeitig soll er die einzige Person sein, welche die Risse auch wieder abdichten kann.

Theoretisch ist die unbekannte Ausgangslage spannend und lässt Spielraum für praktisch alle erdenklichen Handlungsstränge. Aber: Jenes Nichts war in Dragon Age: Origins einer derjenigen Gründe, weshalb der Titel so lauwarm angenommen wurde. Ein von Spielern erstellter Patch, der diesen Abschnitt einfach aus dem Spiel herausschneidet, verzeichnet unzählige Downloads. Bioware gibt vorsorglich Entwarnung: Das Nichts wurde komplett neu entworfen, die Verwandlung in Tiere beispielsweise wurde gestrichen. Die Designer wären sich der teilweise miserablen Umsetzung im Vorgänger bewusst und würden hart daran arbeiten, diesmal ein wirklich gelungenes Ergebnis vorzulegen.

Eine Prise MMO

Aaryn Flynn hat die Zeichen der Zeit erkannt: Rollenspiele haben sich insbesondere durch die Flut an MMOs gewandelt, so dass auch Dragon Age: Inquisition keine Ausnahme mehr darstellen kann. Die bekannte Dreieinigkeit aus Tank, der die Angriffe der Feinde auf sich zieht, Heilern, welche an den eigenen Gefährten angerichteten Schaden wieder heilen und Schadensverteilern, welche die gegnerischen Horden niederstrecken, gibt es auch in diesem Rollenspiel. Neben diesen Änderungen sollen vor allem Zaubersprüche und das Terrain für Tiefgang sorgen: Bogenschützen, die sich auf erhöhten Positionen befinden, können meist unbehelligt agieren - aber nur dann, wenn sie freie Sicht auf das Ziel haben. Eine plötzlich auftauchende Wand aus Stein kann entweder zerstört oder umgangen werden, doch beide Aktionen kosten viel Zeit.

Eine Anbiederung an Gelegenheitsgamer will sich Bioware aber ohnehin nicht erlauben. Als einziges bislang bekanntes Komfortfeature gilt die automatische Wiederbelebung von toten Gruppenmitgliedern, sobald ein Kampf vorbei ist. Allerdings werden sie nur mit einem Bruchteil ihrer eigentlichen Lebensenergie wieder auferstehen. Heiltränke gibt es zwar, aber die sind selten. Mana für Heilzauber regeneriert sich automatisch, aber gleichzeitig zu langsam, um damit nur so um sich zu werfen. Wichtig ist den Designern dabei, dass jeder Kampf eine potenzielle Gefahr darstellen kann, damit der Spieler niemals entnervt abwinkt und nur stupide Aktionen wiederholt, während die wahre Herausforderung an ganz anderen Stellen in Dragon Age: Inquisition wartet. Offensichtlich wird das knifflig werden, denn die ohnehin langwierige Arbeit des Balancings in Rollenspielen wird durch diesen Anspruch noch einmal schwieriger.

Aber wo ist die Action?

Der Vorgänger hat nicht alles falsch gemacht: Die actionreichen Scharmützel waren durchaus spaßig, so dass Bioware diese auch nicht ersatzlos über Bord werfen will. Wer möchte, darf wieder aus der Sicht der Kämpfer spielen, als Schurke beispielsweise über das Spielfeld rollen, um Angriffen auszuweichen und direkt im Nahkampf austeilen (und nicht nur über einmal eingegebene Befehle). Flynn betont dabei, dass es anfangs durchaus möglich sei, auch die Actionvariante von Dragon Age: Inquisition zu spielen. Gerade in den härteren Schwierigkeitsgraden soll das jedoch früher oder später beinahe unmöglich werden, da dann auch die Steuerung der anderen Kameraden zunehmend wichtiger sein würde. Ebenso wie im Prequel sollen auch diesmal wieder mehrere Schwierigkeitsgrade zur Auswahl stehen, um Anfänger und Veteranen gleichermaßen zu begeistern.

Bei den Klassen gibt es altbekannte Gesichter, was allerdings nicht negativ zu bewerten sein muss. Manchmal ist es eben besser, auf bewährte Prinzipien zu setzen. Magier, Krieger und Schurken stehen zur Auswahl, zahlreiche Spezialisierungen verleihen den Mitstreitern taktische und persönliche Tiefe. Jene Klassen dürfen sich in unterschiedliche Rassen aufteilen, wozu unter anderem Zwerge, Elfen, Menschen und auch die neuen Qunari gehören. Welche Kombinationen dabei genau möglich sein sollen, hat Bioware bislang noch nicht verraten.

Dank Frostbyte in die Moderne

Dragon Age: Inquisition ist wohl eines der schönsten Rollenspiele, die derzeit über den Bildschirm flimmern. Dafür sorgt die aus Battlefield 4 entliehene Frostbyte-3-Engine, welche für allerlei optische Highlights verantwortlich ist: Dazu zählen etwa ein realistischer Wellengang in Flüssen und an Stränden, vom größten Berg bis zum kleinsten Ziegelstein sind alle Polygone mit sehr scharfen Texturen überzogen. Fallender Regen sammelt sich in Pfützen und lässt Flusspegel ansteigen, so dass sogar spielerische Einflüsse zu erwarten sind. Ein Zugeständnis an die begrenzte Leistungsfähigkeit aktueller Konsolen macht Bioware offenbar nicht. Auch die hohe Weitsicht spricht für Dragon Age: Inquisition - und hat sogar spielerische Vorteile. Insgesamt soll die Spielwelt die Ausmaße von Skyrim erreichen, so dass die besagte Sichtweite praktisch schon ein Muss ist.

Zwar handelt es sich nicht um ein typisches Open-World-Rollenspiel, aber zumindest der Eindruck wird somit erweckt. Auch mit der Lebendigkeit der Spielwelt stimmt es: Hier wartet ein Tempel auf Erkundung, dort wachsen Pflanzen für Tränke, an anderer Stelle sollen Tiere erlegt werden, um als Lederlieferant zu dienen. Die Fülle an Optionen und Quests erinnert ein wenig an Far Cry 3, welches dem Spieler ebenfalls Unmengen an Nebentätigkeit direkt in der Wildnis geboten hat.

Reicht es zum Blindkauf?

Aller Voraussicht nach: ja! Die teilweise fragwürdigen Designentscheidungen aus dem Vorgänger wurden wieder über Bord geworfen, die Änderungen wirken durchdacht und genügend Zeit hatte Bioware nun ebenfalls. Am 20. November dürfen sich die Spieler also wahrscheinlich auf die Reise begeben, um am Ende eines der 33 möglichen Enden von Dragon Age: Inquisition zu erleben - ein Ziel, das je nach Spielweise bis zu 150 Stunden entfernt sein kann.© IDG