Berlin (dpa) - Wo steckt bloß das verflixte Ladegerät? Und wieso ist das Kabel schon wieder verknotet? Drahtloses Akkuladen verspricht Abhilfe: Ähnlich wie bei elektrischen Zahnbürsten legt man das Smartphone einfach auf eine Ladefläche. Kein Kabel, keine Stecker, kein Verschleiß der USB-Buchse.

"Das ist eine sehr einfache Möglichkeit, das Endgerät zu laden", sagt Johannes Weicksel vom IT-Verband Bitkom. Man könne die Ladestation etwa auch in Möbel wie dem Nachttisch integrieren: Liegt das Handy darauf, lädt der Akku.

Das kabellose Laden funktioniert per Induktion: Im Ladegerät sitzt eine Spule, durch die Wechselstrom fließt, wodurch sich ein Magnetfeld aufbaut. Auch im Smartphone ist eine sehr flache Spule eingebaut, durch die Wechselstrom fließt, sobald das Handy auf dem Ladegerät liegt. Dieser wird dann in Gleichstrom umgewandelt, der in den Akku fließt. Derzeit gibt es drei verwandte Standards für drahtloses Laden, die (noch) nicht kompatibel sind: Qi (gesprochen: Tschi), Rezence und Powermat.

Drahtlosladestationen können Holzoberflächen haben, wie Steine aussehen oder wie im Bild gleich Platz für mehrere Smartphones bieten.

Beim vom Wireless Power Consortium (WPC) etablierten Qui-Standard sowie beim Powermat-Standard der Power Matters Alliance (PMA) kommt die einfache induktive Energieübertragung zum Einsatz. Rezence nutzt dagegen Magnetresonanz, eine Erweiterung der Induktion. Diese Technologie ermöglicht es, mehrere Geräte gleichzeitig mit Strom zu versorgen - und sie kann einen größeren Radius abdecken. Das Mobilgerät muss beim Laden also nicht exakt ausgerichtet werden. Dafür ist aber die Energieeffizienz geringer. Hinter Rezence steht die Alliance For Wireless Power (A4WP), der sich unter anderem Intel und Samsung angeschlossen haben. Mit Rezence ausgerüstete Geräte wie Laptops sind aber noch nicht auf dem Markt.

Powermat-Ladestationen finden sich etwa in US-Filialen von Starbucks und McDonald's, ansonsten spielt der Standard aber bislang kaum eine Rolle. "Bisher ist der Powermat-Standard nur in Samsungs S6 integriert", sagt Hannes Czerulla vom "c't"-Magazin. Das Nachrüsten bei anderen Handys per Akku oder Schutzhülle sei eher umständlich. Deshalb gibt es in den USA auch Powermat-Lade-Dongle zum Anstecken ans Handy. Im Juni 2015 sind die PMA und A4WP fusioniert.

Denn auf dem Smartphone-Markt ist derzeit Qi der am häufigsten anzutreffende Standard, getrieben von prominenten Herstellern wie HTC, LG, Motorola, Nokia, Samsung oder Sony, die hinter WPC stehen. Apple ist allerdings nicht dabei. Seit rund fünf Jahren erlaubt Qi kabellose Energieübertragung bis zu fünf Watt.

In US-Filialen von Starbucks oder McDonald's finden sich Powermat-Ladepunkte. Unterstützt das Handy drahtloses Laden nicht, kann man sich mit einem Adapter-Dongle (grün im Bild) behelfen.

Dennoch kommen die Hersteller nicht so richtig in die Gänge. "Noch sind nur wenige Mobilgeräte von Werk aus fürs kabellose Laden vorbereitet", heißt es in einem Testbericht des "c't"-Magazins. Darunter sind einige Nokia-Modelle, Samsungs Galaxy-S6-Geräte, das LG G3 oder die Google-Nexus-Modelle 4, 5 und 6. Das etwas ältere Nexus 7 sei das bisher einzige Tablet, das induktives Laden unterstützt. Mit voranbringen könnte die Entwicklung Ikea: Der Möbelriese verkauft seit kurzem Ladestationen: separat, in Möbeln oder zum Nachrüsten.

Die Stiftung Warentest hat die Ladestationen einem Schnelltest unterzogen und festgestellt: Das Laden ohne Kabel dauert länger und ist weniger effizient, braucht also etwas mehr Strom. Bei einer Ladung täglich müsse man pro Jahr mit Strom-Mehrkosten von einem Euro rechnen. Das S6 ließ sich mit einem Schnellladegerät am Kabel sogar in 90 Minuten aufladen - kabellos dauerte es doppelt so lange. Das Fazit der Tester: "Das kabellose Aufladen funktioniert, ist aber besonders im Standby stromhungriger als das klassische Ladekabel."

Aber auch die Vorteile zeigen sich: Stecker und Ladekontakte können nicht verschmutzen oder kaputt gehen. Und: "Das Ladegerät lässt sich in die alltägliche Umgebung integrieren, man kann es zum Beispiel in eine Arbeitsplatte einbauen", sagt Christian Schlüter von der Stiftung Warentest.

Immerhin ein Problem haben die Hersteller angepackt: Das kabellose Laden soll bald deutlich schneller gehen. Das WPC hat angekündigt, den Qi-Standard bis 15 Watt auszulegen. Damit soll es dann auch möglich sein, Akkus von Tablets zu laden.

Dennoch sei der praktische Nutzen der kabellosen Ladegeräte derzeit eher gering, sagt Czerulla. Die Idee, dass kabellose Ladegeräte an vielen öffentlichen Orten integriert sind, sei noch Zukunftsmusik. Zudem könne man das Handy beim kabellosen Laden nicht benutzen, ohne den Ladevorgang zu unterbrechen.

Drathloses Laden nachrüsten

Bei einigen Autos sind Ladestationen schon ab Werk integriert - etwa in Ablageflächen.

Qi-Adapter zum Nachrüsten sind für die meisten populären Smartphones erhältlich. Androiden mit austauschbarem Akku lassen sich oft mit hauchdünnen Adapter-Folien (rund 15 Euro) fürs kabellose Laden herrichten. Sie lassen sich unauffällig auf den Akku kleben. Hannes Czerulla vom "c't"-Magazin hat das etwa beim Samsung Galaxy S5 getestet: "Den Adapter kann man leicht am Handy verstecken", sagt er.

Anders bei Handys mit fest verbautem Akku wie etwa den iPhones: Hier wird der Adapter mit dem Lightning-Anschluss verbunden. Dann benötigt man noch eine Schutzhülle, um die Folie darin zu verstecken. "So richtig schick sind diese Nachrüstlösungen fürs iPhone meiner Meinung nach nicht", sagt Christian Schlüter von der Stiftung Warentest.

Qi-Ladestationen können dagegen richtige Design-Schmuckstücke sein - vom bunten Ladekissen über Holz-Puks bis hin zu Stationen, die wie ein Stein aussehen. Auch im Auto kann man sein Handy bequem drahtlos laden: Es gibt Ladegeräte-Adapter für den Getränkehalter oder gleich Handyhalterungen mit eingebauter Station. Einige Hersteller liefern auch schon Autos mit Ladeflächen in der Mittelkonsole aus.© dpa