Selbstdarstellung um jeden Preis oder echte Hilfe? Viele Menschen gehen mittlerweile sehr offen mit ihren Krankheiten um. Über die sozialen Medien suchen sie Unterstützung, Rat und Trost. Manchmal jahrelang, manchmal ist der "Hype" nach wenigen Tagen oder Wochen vorbei.

Im persönlichen Kontakt kann es auch in den Zeiten von Social Media "peinlich oder sogar rücksichtslos sein, über Krankheiten zu sprechen", schreibt Erik Qualman in seinem Bestseller "Socialnomics. Wie Social Media Wirtschaft und Gesellschaft verändern". Krankheit ist nach wie vor für viele Privatsache. Das ändert sich im Netz. "Social Media eliminiert diese Peinlichkeit."

Doch was versprechen sich die Betroffenen von dieser Teilung ihres Leidens in sozialen Medien? Immer mehr suchten im Internet in Gesundheitsfragen "Kontakt zu anderen Konsumenten zwecks Informationsaustausch oder gegenseitiger Unterstützung."

Justnotsad oder Icbucketchallenge zählen 2014 mit zu den bekanntesten Hashtags. Einige Beispiele, wie Menschen im Krankheitsfall Social Media nutzen:

#notjustsad

Depressive wollen mit #NotJustSad für mehr Verständnis werben.

"Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen." So lautete der erste Tweet von Jana Seelig: Es wurde der Hashtag #notjustsad daraus und binnen Handumdrehen twitterten Tausende von Depression Betroffener oft erschütternde Sätze und Erlebnisse. Die Berliner Bloggerin war überrascht von der Resonanz. Am 17. November veröffentlicht sie auf ihrem Blog i-say-shotgun.com eine Stellungnahme: "Vor einer Woche habe ich versehentlich auf Twitter eine Diskussion losgetreten, deren Ausmaß mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war: (…) Seit Montag steht meine Krankheit ganz öffentlich im Fokus. Leider nicht nur die Erkrankung Depression an sich und der von Malaika eingeführte Hashtag #NotJustSad, sondern ganz speziell auch meine." Sie werde über ihre Geschichte nicht mehr sagen als das, was sie bereits auf Twitter gesagt habe. "Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht im Internet."

#feelingnuts

Wie Jana Seelig twittert und postet auch der australische Schauspieler Hugh Jackman normalerweise über andere Dinge aus seinem Alltag. Im Oktober 2013 schickt ihn seine Frau zum Arzt, er solle sich einen auffälligen Fleck auf der Nase untersuchen lassen. Hautkrebs wird diagnostiziert. Der Wolverine-Darsteller zeigt auf Instagram seine verbundene Nase, mit der eindringlichen Warnung an mehr als eine Million Follower, sich auch untersuchen zu lassen und vor allem Sonnencreme zu verwenden. ("Get yourself checked. And USE sunscreen!!!") Im Sommer 2014 beteiligt sich Jackman mit einem Instagram-Video an der Kampagne #feelingnuts, die für die Früherkennung von Hodenkrebs wirbt.

Ice Bucket Challenge

Geht's noch irrer als mit Eis?

Die Ice-Bucket-Challenge, die derzeit weltweit ihre Kreise zieht, hat inzwischen auch Promis wie George W. Bush, Bill Gates oder Sylvie Meis in ihren Bann gezogen. Doch der Trend ist nicht der erste seiner Art. © bitprojects

Wer kannte vor dem Sommer 2014 die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose ALS? Die Idee, sich einen Kübel Eiswasser für einen guten Zweck über den Kopf zu gießen, nutzte effektiv das Scheeball-Prinzip. Es ergoss sich eine globale Eiskübel-Welle und Spendengelder in Höhe von 100 Millionen Dollar. Im Zuge dessen wurde in den sozialen Netzwerken auch Kritik laut: an der Verwendung der Spenden bei der amerikanischen ALS Association, an Tierversuchen, am "Spendensport".

Faith4fabian

In dem Blog faith4fabian machten Darell und Lydia Bate den jahrelangen Kampf ihres jüngsten Kindes Fabian gegen Leukämie öffentlich: um ihre Hoffnungen und Ängste zu teilen und zusammen mit den Lesern zu lachen, zu weinen und zu beten. ("We want you to laugh, cry and pray with us as we share our hopes and fears along the way.") Herzogin Kate besuchte Fabian im Oktober 2011 im Krankenhaus und machte ihm danach durch einen persönlichen Brief Mut. Am 11. November 2014 ist Fabian im Alter von 12 Jahren gestorben.

La cura

Bei dem italienischen Künstler und Open Source-Experten Salvatore Iaconesi wurde im Sommer 2012 ein Gehirntumor diagnostiziert. Der Arzt empfahl eine sofortige Operation. Der 39-Jährige zweifelte. Er vertraute seine Heilung, "la cura", dem Netz an, lud seine Krankenakte inklusive sämtlicher Aufnahmen seines Gehirns hoch und bat um Unterstützung. Dieses führte zu einer "World Wide Sprechstunde", wie das Magazin DER SPIEGEL titelte. Er bekam eine halbe Million Antworten, darunter mehrere 10.000 Ratschläge aus der Schulmedizin, der chinesischen Medizin, von Betroffenen und Geistheilern." Ich fand es hochspannend, wie er mit der Flut an Informationen umgegangen ist", sagt der Neurologe Dr. Johannes Schenkel, bei der Bundesärztekammer Referent für den Bereich Telemedizin. Ein Netzwerk mehrerer Experten half Iaconesi die Informationsflut zu ordnen und seinen eigenen Therapieweg zu wählen. Iaconesi unterrichtet derzeit Interaction Design und Digital Design an verschiedenen Universitäten Italiens.

Mahner vor zu viel Offenheit

Der Neurologe Schenkel sagt: "Wir Ärzte beobachten dieses Öffentlich machen der eigenen Krankheiten sehr intensiv. Es gibt dabei sicher begrüßenswerte Aspekte in Sachen "empowerment", der Stärkung der Selbstbestimmung. Aber die Betroffenen dürfen auch die anderen Konsequenzen nicht vergessen: wie sie mit der großen Öffentlichkeit umgehen und eben der Fülle an Reaktionen."

Für die Krankheit Brustkrebs etwa hält Gudrun Kemper vergleichbare Aktivitäten für sehr problematisch. Die Berlinerin ist bei dem unabhängigen Info-Portal "Breast Cancer Action Germany" aktiv und sagt: "Ein Problem bei Brustkrebs ist eine extreme Allgegenwärtigkeit, die wir schon kritisch bewerten. Ich glaube nicht, dass wir noch mehr Bewusstsein brauchen. Vielmehr ist die Öffentlichkeit inzwischen nahezu terrorisiert oder zumindest 'hyperbewusst'." Kemper hält die Selbstdarstellung persönlicher Geschichten für "eine sehr schwierige Gratwanderung".