Rollen- oder Rennspiel? The Crew in der Vorschau.

Driveclub hat es nicht geschafft, jetzt soll The Crew das Rennspiel-Eisen für die PlayStation 4 aus dem Feuer holen. Ob das gelingen wird, soll unsere Vorschau klären.

Was ist das denn?

Fest steht, dass der Spieler in The Crew ausschließlich mit einem Auto unterwegs ist - und dennoch bezeichnet Ubisoft den Titel als MMORPG. Ein Grundstein dafür ist bereits gelegt: Es handelt sich, ähnlich wie bei Forza Horizon 2, um ein Open-World-Rennspiel. Schauplatz der Abenteuer sollen die (um einige Maßstäbe verkleinerten) USA sein. Einen "Charakter" wie in echten MMOs gibt es derweil nicht, stattdessen ist das Auto selbst eine Art spielbarer Avatar. Jeder Wagen kann rollenspielähnlich in unterschiedlichen Kategorien aufgewertet werden - und so bezeichnet Chefentwickler Julian Gerighty das Spiel als das Pokémon der Rennspiele.

Rollen- oder Rennspiel?

Das klingt wie eine verrückte Mischung, und genau das könnte angesichts der recht innovationsarmen Spiele auf PS4 und Xbox One auch genau den Puls der Spieler treffen. Das anfangs verfügbare Basismodell verhält sich dabei ähnlich wie ein Rollenspielcharakter auf Level 1 und muss erst eine Spezialisierung erlangen: Die Street-Spec hilft bei Straßenrennen, eine Dirt-Spec hingegen ist bei Geländefahrten besser - oder doch lieber die Circuit-Spec, welche für echte Autorennen gedacht ist? Die unterschiedlichen "Klassen" von The Crew sollen teilweise gravierende Unterschiede offenbaren.

Erfahrung, Items und Quests!

Klingt wie World of Warcraft, ist aber The Crew: Verstreut über die USA befinden sich Skill-Events, in welchen der Spieler unterschiedliche Medaillen abstauben kann. Das geschieht über schnelle Zeitfahrten, präzises Durchfahren eines Zielscheiben-Slaloms und dergleichen mehr. Als Belohnung für diese Quests gibt es Erfahrung und Teile, welche in den eigenen Wagen eingebaut werden dürfen. Nach kurzer Zeit kommt dann tatsächlich MMO-Feeling auf: In den elf Tuningbereichen kann jeweils getrennt Erfahrung gesammelt werden, der Wagen wird also von Mission zu Mission stärker.

All das hat den Nachteil - welcher vielleicht gar keiner ist -, dass The Crew zu Beginn recht überladen daherkommt. Zahllose Menüs, Optionen, Spezialisierungen und Tuningelemente erschlagen gerade Einsteiger. Im Interesse der Langzeitmotivation dürfte dies aber die richtige Entscheidung seitens der Entwickler sein. Anfangs wird der Spieler außerdem an die Hand genommen, so dass es vom Beginn bis zum ersten Straßenrennen recht linear zugeht. Erst später öffnet sich The Crew und entlässt den zukünftigen Rennfahrer auf den Asphalt.

Fahrkünste erwünscht?

Diese Frage schwebt noch ein wenig unbeantwortet im Raum. Klassische Rennspiele sind auf die Fähigkeiten des Spielers ausgelegt. Wer besser fährt, gewinnt in der Regel auch das Rennen. MMORPGs belohnen jedoch auch diejenigen Spieler, die einfach sehr viel Zeit in das Spiel investieren. In der Tat fühlt sich das Fahrverhalten zu Beginn ein wenig schwammig an und kann mit Genregrößen (noch?) nicht konkurrieren. Ob sich das bis zum Release noch ändern wird oder ob ein Fokus auf andere Merkmale des Spiels - abseits vom Fahrverhalten - von Ubisoft gewollt ist, werden wir am 2. Dezember erfahren.

Weniger überraschend hingegen ist die Tatsache, dass mit mehreren Gruppenmitgliedern alles einfacher ist - wie in einem MMO. Der Spieler darf sich schnell mit Gleichgesinnten zu einer der namensgebenden Crews zusammenschließen, um bestimmte Aufgaben schneller zu erledigen. Mehr Erfahrung oder bessere Tuningausrüstung gibt es dafür zwar nicht, aber das schnellere Erledigen der Quests sorgt dafür, dass sich The Crew mit Unterstützung erheblich flüssiger spielt. Eigene Missionen sind möglicherweise ebenfalls geplant, doch zum Release ist damit nach bisherigem Stand noch nicht zu rechnen.

Die Vereinigten Staaten leben!

Beeindruckend an The Crew ist unter anderem das Ausmaß der Spielwelt: Wer von New York nach Miami fährt, ist selbst ohne Störungen und bei höchster Geschwindigkeit 20 Minuten unterwegs. Von der Ost- bis an die Westküste vergehen gleich zwei Stunden bei kontinuierlicher Fahrt. Im Vergleich zur Realität ist das noch immer nicht viel, für ein Spiel (jeglichen Genres) ist das jedoch eine Messlatte, die so schnell nicht übertroffen werden dürfte. Sehr schön: Die Landschaft wirkt extrem lebendig, Passanten, unbeteiligte Autos, Flugzeuge am Himmel und auch ein wenig Polizeipräsenz versüßen das Fahrvergnügen. Wichtige Locations wie die Rocky Mountains sind ebenso in The Crew integriert wie Mount Rushmore oder andere Sehenswürdigkeiten.

Das ist technisch gleichzeitig beeindruckend wie auch ernüchternd: MMO-typisch rangiert die Optik des Titels nicht unbedingt auf allerhöchstem Niveau, Fahrzeuge und auch die Landschaft selbst ziehen gegen Titel wie Forza Horizon 2 oder auch das zumindest technisch ansprechende Driveclub den Kürzeren - aber dafür sind diese Spiele ja auch nicht so umfangreich.

Wer holt sich den Zündschlüssel?

Für einen Blindkauf ist The Crew wahrscheinlich zu speziell. Es bleibt zu hoffen, dass Ubisoft eine Demo veröffentlicht, wie es eigentlich bei allen MMORPGs der Fall ist. Gerade das Fahrverhalten, welches eigentlich DAS Kernstück eines jeden Rennspiels ist, könnte Käufer nämlich nachhaltig stören. Bis zum Release am 2. Dezember ist aber auch noch ein wenig Zeit - und MMO-typisch dürfte Ubisoft schon bald erste Patches und DLCs nachschieben, falls The Crew ein Erfolg wird.© IDG