Wegen des Hackerangriffs auf den Bundestag muss womöglich die komplette Soft- und Hardware des Parlamentsnetzes ausgetauscht werden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drohen Kosten in Millionenhöhe.

Der Hackerangriff auf das Datennetz des Deutschen Bundestags nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist es auch vier Wochen nach Entdeckung der Cyberattacke nicht gelungen, die eingeschmuggelte Spähsoftware unschädlich zu machen.

Cyber-Angriff auf Bundestag erreicht neue Dimension der Kriminalität.

"Die Trojaner sind noch immer aktiv", bestätigten Parlamentskreise SPIEGEL ONLINE. Nach Angaben von mehreren mit dem Fall vertrauten Quellen fließen weiterhin Bundestagsdaten aus dem "Parlakom"-Netz in unbekannte Richtung ab.

In Parlamentskreisen wird bereits von einem drohenden "Totalschaden" gesprochen: Womöglich müsse nicht nur die Software der "Parlakom"-Rechner neu installiert, sondern auch die komplette Hardware ausgetauscht werden. Dies würde Monate dauern und Kosten in mehrstelliger Millionenhöhe verursachen.

Spur führt in östliche Geheimdienstkreise

Als Konsequenz des Hackerangriffs hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) inzwischen Teile des parlamentarischen Datenverkehrs über das besser gesicherte Datennetz der Bundesregierung umgeleitet.

Unterdessen verdichten sich Hinweise, dass die Spur der Cyberattacke in östliche Geheimdienstkreise führt. Experten liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass der russische Auslandsnachrichtendienst SWR hinter der Spähaktion steckt.

Unbekannte Täter greifen Daten-Netzwerk des Parlaments an.

Am Donnerstag wollen sich die zuständige IuK-Kommission des Bundestags und der Ältestenrat erneut mit dem Fall befassen. Dort soll unter anderem beschlossen werden, wie das angeschlagene "Parlakom"-Netz neu aufgebaut werden kann. Außerdem müssen die Parlamentarier entscheiden, ob sie Spionageabwehr-Experten des Bundesamts für Verfassungsschutz zur Hilfe rufen. Dagegen hatten zahlreiche Abgeordnete teils massive Bedenken geäußert.

Auch gegen das BSI, das einst aus dem Bundesnachrichtendienst hervorging, gibt es im Bundestag weiter Vorbehalte. Mehrere Mitglieder unterschiedlicher Fraktionen weigern sich, der Behörde Zugang zu ihren Rechnern zu gestatten und meldeten verfassungsrechtliche Bedenken an.

Der Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU) kritisiert das Misstrauen seiner Kollegen. Der Innenpolitiker sagte SPIEGEL ONLINE: "Eine Exekutiv-Behörde könnte ja in die Legislative hereinschauen - da lässt man sich lieber von einem Geheimdienst ausspionieren. Es ist zum Verrücktwerden." Ein anderer Abgeordneter, der ungenannt bleiben will, erklärte: "Angesichts der Dimension des Cyberangriffs ist es gefährlich naiv, was hier gerade abläuft."

Die Bundestagsverwaltung wollte auf Anfrage zunächst keine weitere Stellungnahme zu der Hackerattacke abgeben.© SPIEGEL ONLINE