Cupertino/Berlin (dpa) - Apple steht mit seiner ersten Datenuhr nicht nur vor der Herausforderung, einen Computer am Handgelenk sinnvoll im Alltag unterzubringen. Der erfolgsverwöhnte US-Konzern prescht damit auch ins Revier einer Branche vor, die auf Jahrhunderte an Erfahrung aufbauen kann - die Uhrmacher.

Mit dem Top-Modell seiner Apple Watch in 18-Karat-Gold lässt der iPhone-Erfinder keine Zweifel daran, dass er auch den Markt für Luxus-Uhren im Visier hat. Die Platzhirsche dort zeigen sich bisher demonstrativ gelassen.

So begrüßte der Chef des Uhren-Riesen Swatch Group, Nicolas Hayek Jr., den neuen Rivalen mit bissiger Ironie. "Ich muss gratulieren", stichelte er am Tag nach der Apple-Präsentation, wie in einem Video beim Schweizer "Tagesanzeiger" zu sehen ist. Denn er habe gesehen, "dass die Innovation, die jetzt in Cupertino präsentiert wurde, die Krone ist". Erfunden worden sei sie aber vom Luxus-Uhrenmacher Abraham Louis Breguet, der von 1747 bis 1823 lebte.

Nun funktionierte Apple das gewohnte Rädchen an der Seite der Uhr eigentlich zu einem Navigations-Werkzeug für das Display seiner Uhr um. Hayek brachte aber dennoch, begleitet von Lachern der Anwesenden, den Rest seiner Pointe ins Ziel: "Ich sage: Wunderbar. Wir fühlen uns da überhaupt nicht benachteiligt."

Hayeks Swatch Group ist so etwas wie eine Supermacht im Uhren-Geschäft. Zum Konzern gehören weltbekannte Marken wie Omega, Breguet, Longines, Tissot oder Glashütte Original. Ganz zu schweigen von den erschwinglichen Swatch-Uhren und der Flik Flak für Kinder. "Wir leben nicht im Rhythmus von Cupertino", sagt Hayek mit dieser Marktmacht im Rücken. Vom Kurs des Schweizer Franken komme mehr Druck als von den Smartwatches der Computer-Industrie. "Die Apples, die Samsungs, die LG Electronics, die Sonys - die sind hypernervös." Das habe man gesehen. "Wir sind nicht nervös. Wir wissen, was wir tun."

Hayeks Tirade weckt Erinnerungen daran, wie sich Microsoft-Chef Steve Ballmer einst über das iPhone lustig machte. Das Apple-Handy gab dann die Richtung für die modernen Smartphones vor und trug dazu bei, dass Microsoft sich am Rand des Mobilfunk-Marktes wiederfand. Wiederholt sich die Geschichte? Oder wagt sich Apple in einen fremden Markt, der so sehr von eigenen Regeln bestimmt wird, dass ein Quereinsteiger dort nicht Fuß fassen kann?

Jean-Claude Biver, der Chef der Uhren-Sparte des Luxus-Giganten LVMH, erklärte, was Apple falsch mache. "Die Uhr hat kein Sex-Appeal. Sie ist viel zu feminin und zu ähnlich zu den anderen Smartwatches am Markt", sagte er der Tageszeitung "Die Welt". Dann setzte Biver, der das Kommando über Marken wie TAG Heuer und Hublot hat, noch eins drauf: "Die sieht aus, als hätte sie ein Designstudent im ersten Semester entworfen."

Apple gibt sich bei seiner Uhr allerdings noch mehr Mühe als Samsung, LG oder Motorola, den Mini-Computer am Handgelenk zugleich zu einem Mode-Accessoire zu machen. Und der Konzern nistet sich häuslich in dem neuen Geschäft ein. In den vergangenen Monaten wurde ein Dream-Team von Experten zusammengestellt. Der Chef des Modehauses Yves Saint-Laurent, Paul Deneve, verschwand hinter den Kulissen im Rang eines Vizepräsidenten für Sonderprojekte. Aus dem Team von Biver warb Apple den Verkaufschef der Marke TAG Heuer ab. Und jüngst stieß auch der Stardesigner Marc Newson dazu, der in seiner Zeit bei der Firma Ikepod eine Menge Uhren entworfen hatte.

Im Uhren-Geschäft geht es um Mode, Stil, Prestige und Wertigkeit. Die Uhren sind zum Teil auf Generationen ausgelegt, während ein technisches Gerät nach wenigen Jahren veraltet ist. Zugleich ist die Struktur der Branche Apple gar nicht so fremd, wie man annehmen könnte. So machte das Segment der Uhren zwischen 150 und 1000 Dollar, in das die Apple Watch mit ihrem Startpreis von 350 Dollar fallen dürfte, im vergangenen Jahr ein Fünftel des Marktes aus - lieferte aber ein Drittel der Erlöse. Zugleich entfielen mehr als drei Viertel vom Absatz auf Uhren für weniger als 150 Dollar - eine Klasse, die Apple eh nicht interessieren dürfte.© dpa