Zur mobilen Ansicht wechseln

19.07.2012, 10:53 Uhr

Gespräch mit einer "Schlecker-Frau"

Anfang Juni wurde das endgültige Aus von Schlecker besiegelt. Nun stehen 25.000 Schlecker-Frauen auf der Straße. Erika Müller* (44), Abitur und gelernte Apothekenhelferin, hat 25 Jahre bei Schlecker in der Eifel gearbeitet - als Kassiererin. Zuletzt war sie auch im Betriebsrat. Sie hat uns erzählt, wie sie heute zurechtkommt und wie es weitergehen könnte.

VonChristian Lenhart für WEB.DE

Überraschend kam es nicht

Nicht die Vorgesetzten teilten ihr das endgültige Aus von Schlecker mit, sie erfuhr es durch einen Anruf der Presse. Ein Zufall, denn man wollte ein schnelles Statement von ihr. Längst war die Großpleite zum Medien-Thema geworden.

Doch auch für Erika Müller kam die schlechte Nachricht nicht wirklich überraschend. "Seit ich hier arbeite, hat sich einfach nichts geändert", erzählt sie. Weder die Läden, noch das Warenwirtschaftssystem seien in ihrer Zeit modernisiert worden. "Die einzige Neuerung in 25 Jahren, das war die Einführung der Scanner-Kasse." So sei Schlecker einfach nicht mehr konkurrenzfähig gewesen. Für Erika Müller wurde das schon lange vor dem Ende deutlich.

Hinzu kam, so Müller, dass nach Euro-Einführung die Preise massiv angehoben wurden. Für den guten Ruf der Läden sei dies tödlich gewesen und Schritte zu einer Verbesserung des Images habe es nicht gegeben. Frau Müller ist nicht nachtragend, doch sie empfindet es als bitter und ungerecht, dass die Fehler Einzelner am Ende 25.000 Mitarbeiter den Job kosteten. Auch der Politik gibt sie eine Mitschuld an der jetzigen Situation. Eine Transfergesellschaft hätte es nach ihrer Ansicht geben müssen. "Frauen werden einfach benachteiligt", findet Müller. Und sie ist sich sicher, dass es in der männerdominierten Automobilbranche eine solche Transfergesellschaft gegeben hätte.

Die Aussage von Meike Schlecker, dass kein Geld mehr da sei, kann Frau Müller nur belächeln. Man habe ja ständig Geld aus dem Konzern herausgezogen, das nun für eine Rettung fehle. Ob es ein persönlicher Schicksalsschlag sei? Nein, das sei ein zu großer Begriff. Sie ist einfach nur wütend.

Die Zukunft ist unsicher

Die meisten ehemaligen Schlecker-Frauen wissen nicht, wie es künftig weitergeht. Viele machen nun zunächst ein unbezahltes Praktikum im Verkauf, obwohl sie seit Jahrzehnten in der Branche tätig sind. Es würden auch verschiedene Programme durch die Agentur für Arbeit angeboten, erzählt Müller. Neue Stellen hätten bisher jedoch nur wenige erhalten, zumindest in ihrer Region. Natürlich, manche Verkäuferin sei direkt zu Rossmann gewechselt, aber eben nur auf 400-Euro-Basis. Trauer und Verzweiflung gebe es da schon. Frau Müller selbst hat noch keine Kündigung erhalten, sondern lediglich eine Freistellung. Kommt das Papier, will sie Kündigungsschutzklage einreichen. Ja, der Anwalt sei bereits eingeschaltet.

Noch weiß Frau Müller nicht, wie der Alltag in Zukunft aussehen wird. Als Betriebsrätin ist sie für weitere zwei Monate an der Insolvenzabwicklung beteiligt und schreibt die Zeugnisse für ehemalige Kolleginnen. Danach will sie die Branche wechseln und wird eine Umschulung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin antreten. Allerdings muss sie dann auch eine Bezuschussung bei der Bundesagentur für Arbeit beantragen. Anders sei nicht über die Runden zu kommen.

Ihre Zeit bei Schlecker wird sie vermissen, da ist sich Müller schon heute sicher. Und warum der Begriff "Schlecker-Frau" ein Kandidat für das Unwort des Jahres werden könnte, das versteht sie schon gar nicht. Sie sei immer stolz gewesen, eine "Schlecker-Frau" zu sein. Und nicht nur sie. Als der Ausverkauf in ihrer Filiale startete, habe man das Geschäft gemeinsam in Würde verabschiedet. "In dieser Zeit gab es keine einzige Krankmeldung." (mac)

* Name von der Redaktion geändert.

Alle News vom: 19. Juli 2012 Zur Übersicht: Finanzen

468 Meinungen zu ""Frauen werden benachteiligt""

  • Clemens80
    Dienstag, 19.03.2013, 14:57 Uhr
    "Männer verdienen nach wie vor deutlich mehr als Frauen. Um die Kluft von im Schnitt 22 Prozent zu schließen, dringt der DGB auf Gesetzesänderungen - und zwar bei den vor allem von Frauen ausgeübten Minijobs: Für diese sollen künftig von Anfang an Sozialversicherungsbeiträge fällig werden, flankiert von einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Mit einem Brutto-Stundenlohn von 15,21 Euro lag der Verdienst von Frauen 2012 deutlich hinter dem der Männer, die auf 19,60 Euro kamen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, hat sich die Differenz seit 2006 kaum verändert." --------------------------------------- Wie das statistische Bundesamt weiter mitteilt(es aber nicht in die Mitteilung geschaft hat, weil nicht aufhetzend genug): "Etwa zwei Drittel der Lücke erklären die Statistiker mit strukturellen Gründen, dass nämlich Frauen eher in schlechter bezahlten Berufen und im Schnitt auf niedrigeren Führungsstufen arbeiten. Das letzte Drittel der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern (Gender Pay Gap) lässt sich daraus nicht interpretieren. Im Osten ist die Brutto-Lücke kleiner als im Westen." Was also nichts anderes aussagt, als das die Zahl keinerlei Aussagekraft hat, sondern einfach nur veröffentlicht wird, damit sich Frauen benachteiligt fühlen können. Weil man genauso den Lohnunterschied zwischen Tellerwäscher mit dem Vorstandsvorsitzenden von VW betrachten könnte und meinen das erstmal der Lohnunterschied bei Männern ausgeglichen gehört.
  • blizzardmaria
    Dienstag, 19.03.2013, 13:14 Uhr
    Frauen werden grundsätzlich benachteiligt - nicht nur bei Schlecker.
  • taratata
    Freitag, 20.07.2012, 17:46 Uhr
    schlecker war schon immer ein angestaubter altbackener verein.. und für den kauf von drogerieartikeln nur eine notlösung. die schlimmste aktion war vor einigen jahren die lösung über umfirmierung in schlecker xxl filialen um altgediente mitarbeiter zu schassen und die löhne mit neuen mitarbeitern zu senken. aber, im grunde kann man der firma nicht das avorwefen,was alle anderen seit jahren intelligent praktizieren, outsourcing. nur hat sich der tölpel anton so dumm dabei angestellt ,das es allen aufgefallen ist. jetzt wird die firma zu grabe getragen.. irgendwann haben die alle mal mit engagement und ehrgeiz begonnen.. die deutschen traditionsfirmen werden alle vom börsenvirus angesteckt geld geld noch mehr geld! insolvenz!
  • vividtour
    Freitag, 20.07.2012, 17:41 Uhr
    @Alingi ich rede hier nicht vom Spitzenpersonal sondern von der unteren Führungsebene..hast du ne Ahnung was durch den Betriebsrat alles gemauschelt wird..das ist teilweise unfassbar
  • Alinghi
    Freitag, 20.07.2012, 17:35 Uhr
    @ vividtour Kein auf Gewinnerzielungsabsicht ausgerichtetes Unternehmen der Welt kann und wird es sich leisten relevante Positionen mit unfähigen Leuten zu besetzen.
  • vividtour
    Freitag, 20.07.2012, 17:26 Uhr
    @amoro Fast ALLE Frauen werden in nahezu ALLEN Berufen benachteiligt. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern traurige Wirklichkeit. ---------------------------- das ist deine Wirklichkeit ..in großen Firmen gibt es sowas nicht...wenn dann wird sofort nach den Gleichstellungbeauftragten geschrien ..ich kenne einige Fälle wo es unbedingt eine Frau sein sollte die eine Führungsposition besetzen sollte ..völlig unabhängig von können und Qualifikation ..die gerechte Welt gibt es sowiso nicht
  • vividtour
    Freitag, 20.07.2012, 17:21 Uhr
    @grape So hab ich die Erfahrung gemacht, daß man dann als Frau Unterhalt an den Mann zahlen darf. Denn dieser (zumindest in meinem Fall) hat es dann nicht mehr für nötig befunden weiter arbeiten zu gehen. Sondern auf krank zu machen. Und bei der Scheidung wurde ich verdonnert, Rentenanteile an ihn abzugeben! ----------------------------------------------- ist wohl in der Regel er andersrum also da bist du aber ganz sicher die Ausnahme.
Schwarze Silhouetten vor der Deutschen BankQuiz

Die Wirtschaft, die Politik und das liebe Geld. Erinnern Sie sich? >

Bill Gates

"Forbes": Microsoft-Gründer ist wieder der reichste Mensch der Welt. >

Weidmann

Defizitabbau: Bundesbank-Chef kritisiert Aufschub für Frankreich. >

Staatscheds beim EU-Gipfel

EU-Gipfel: Merkel sieht "Riesenschritt" im Kampf gegen Hinterziehung. >


Internet Made in GermanyWEB.DE 2013 - Marke des JahrhundertsIhr WEB.de-Postfach ist grünWeb.de unterstützt Unicef

Sie lesen gerade: "Frauen werden benachteiligt". Schlecker ist Geschichte, wir sprachen mit einer Ex-Mitarbeiterin.