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21.12.2011, 12:00 Uhr

Wie wollen wir wohnen?

Wohnen und Einrichten ist etwas, was eher nebenher und fast unmerklich geschieht - in den seltensten Fällen liegt einer Wohnungseinrichtung ein ausgefeiltes Konzept, ein Masterplan zugrunde -, in keinem anderen Lebensbereich ist der Beratungsbedarf und auch das Mitteilungsbedürfnis ähnlich groß. Wohnen ist wichtig. Aber warum eigentlich? Es unterscheidet den Menschen vom Tier, das höchstens haust, aber keinesfalls wohnt.

Wir richten uns ein, weil wir so viele Gerätschaften zum Leben brauchen: ein Bett zum Schlafen, einen Stuhl zum Sitzen. Von Kühlschrank und Stereoanlage erst gar nicht zu reden. Wir statten unser Leben aus und schaffen uns unser eigenes Bühnenbild. Dabei kämpfen wir mit zwei widerstreitenden Bedürfnissen: dem nach Repräsentation und dem nach Authentizität.

Wohnzeitschriften errreichen Millionenauflagen

Deutsche Wohnzeitschriften erreichen eine Auflage von 2,45 Millionen Heften im Erscheinungsintervall. Dabei reicht das Spektrum vom Hochglanzmagazin "AD", das den International Style in Deutschland durchsetzte, bis zu handfesten Selbermachtipps in "Lisa Wohnen & Dekorieren". TV-Sendungen wie "Einsatz in vier Wänden" oder "Zuhause im Glück" bedienen zwar einerseits den Schicksalsvoyeurismus der Zuschauer, aber funktionieren gleichzeitig auch als Ideengeber und Wohnanleitung, wobei sie stets in einer Art von modernem Kitsch münden.

Sehnsucht nach Vollkommenheit

Während Zeitschriften wie "AD", die den Claim "Die schönsten Häuser der Welt" als Untertitel trägt, die Sehnsüchte ihrer Leser nach Vollkommenheit bedienen und Träume verkaufen, in denen störender Kabelsalat einfach wegretuschiert wird und selbst die Blumenvase zum Teppich passt, versteht sich "apartamento", ein englischsprachiges Magazin aus Spanien, als "an everyday life interiors magazine". Es zeigt den Alltag mit wie zufällig geschossen wirkenden Fotos von Wohnungen, die aussehen, als habe man die Bewohner nur mal kurz aus dem Zimmer geschickt. "apartamento", das im Pocketformat und auf mattem Papier daherkommt, ist keine "Designmöbelpornografie" ("Das Magazin" aus der Schweiz), sondern eine Art - gedrucktes - Interior-Pendant zu Streetstyle-Modeblogs wie "Ilikemystyle" und "The Sartorialist".

Seelenlose Kulissen versus das wahre Leben

Die gezeigten Wohnungen sind sicher nicht die schönsten der Welt, aber was sie so anziehend macht, ist die Tatsache, dass offensichtlich in ihnen gelebt wird. Sie wirken nicht wie seelenlose Kulissen, die einen Idealzustand abbilden, den man niemals erreichen wird, sondern sie sind auf seltsame Weise beruhigend: Auch Kreative - und die meisten der abgebildeten Wohnungen gehören Mode-, Grafik- und Produktdesignern, Magazinmachern, Musikern und Musikproduzenten - besitzen nur in den seltensten Fällen ein keimfrei durchgestyltes Zuhause. Das wahre Leben. Denn Wohnen ist das, was irgendwo zwischen den Polen Repräsentation und Authentizität stattfindet.

© Axel Springer AG

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5 Meinungen zu "Wie wollen wir wohnen?"

  • CrimsonTid
    Montag, 26.12.2011, 15:13 Uhr
    Ich habe meine Wohnung komplett im Jugendstil eingerichtet...ich mag diesen wunderbar verspielten Dessign des 19.th Jahrunderts einfach. Momentan ist dieser Stil auch wieder sehr angesagt....doch im Gegensatz zu heute habe ich noch originales Möbel aus dieser Zeit. Ich kann einfach mit dieser Massenware von heute einfach nichts anfangen.
  • Drusberg
    Donnerstag, 22.12.2011, 17:42 Uhr
    Wichtig ist mir, dass die Wohnung so eingerichtet ist, dass das ganze in sich stimmig ist und gleichzeitig Seele hat. Nichts ist furchtbarer als eine Designerwohnung wie auf der Abbildung gezeigt, oder eine teuer eingerichtete Wohnung, deren Einrichtungsgegenstaende wahllos zusammengewuerfelt scheinen. Auf mich wirkt das seelenlos und kalt, wenig anheimelnd. Es fehlt die persoenliche Note, gleichzeitig wirkt das Ganze so steril als ob ueberhaupt niemand darin wohnen sollte. Ich ueberlege mir beispielsweise gerne ein Grundthema fuer verschiedene Zimmer und orientiere mich lose an diesem beim Einrichten. Das Grundthema erschlaegt einen dabei nicht, ist aber der rote Faden, der sich durch die Einrichtung des Zimmers zieht und das Ganze rahmt und zusammenhaelt. Es muss einfach passen und man sich darin wohlfuehlen, schließlich muss man ja auch vor allem selbst darin wohnen und nicht andere damit beeindrucken. Das funktioniert sowieso nicht, denn dazu sind die Geschmaecker einfach zu verschieden. Was der eine mag, gefaellt dem anderen vielleicht ueberhaupt nicht, und am Schluss ist es wichtig, dass man es sich selber gemuetlich macht.
  • nOnASE
    Donnerstag, 22.12.2011, 16:55 Uhr
    Ich wohne lieber pragmatisch und meinen Bedürnissen gerecht, z.B. in entspannter Atmosphäre. In einer Designwohnung mit schreiende Farben inmitten einer grau-in-grau Welt (Loriots: "Darf es vielleicht ein ganz frisches Steingrau empfehlen?" bekommt hier seine Berechtigung) würde ich nicht wohnen, sondern "hausen". Das Wohnen unterscheidet den Menschen eben keineswegs von den Tieren!
  • moltoscandaloso
    Donnerstag, 22.12.2011, 07:51 Uhr
    Die Vorstellungen um zu wohnen sind sehr unterschiedlich. Hier muss man auch der goldene Mittelweg finden. Viel zu modern ist nicht einladend, familiär und dem menschlichen Bedürfnissen entsprechend. Aber sehr trendy. Wenn man etwas traditionell einrichtet, ist zwar weniger "in", aber beruhigend, kuschelig und sehr menschlich. Man fühlt sich da drin einfach pudelwohl! Was kann man noch mehr wollen?
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