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09.07.2012, 15:18 Uhr

Reich der 1.000 Gesichter

Nebelschwaden umhüllen den alten Bauernhof in der bayerischen Gemeinde. In der Dämmerung reicht der Blick weit hinein in die beleuchtete Stube. Zwischen den bunten Fensterläden erkennt man eine Frau, in der linken Hand hält sie einen Puppenkopf, in der rechten einen Pinsel. Abwechselnd tunkt sie den Pinsel erst in ein Gläschen mit Wasser, streicht ihn dann an einem Tuch ab und taucht ihn schließlich in einen Farbkasten. Mit jedem Pinselstrich wird das Gesicht des kleinen Trolls lebendiger. Sein freches Grinsen lässt kleine Lachfältchen und Grübchen hervortreten.

Figuren hängen von der Decke

Auf dem Tisch liegen noch mehr Puppenköpfe. Es scheint, als richteten sie ihren Blick auf Maximiliane, um ihr zu bedeuten, dass sie, bittschön, als Nächstes an der Reihe sein möchten. Betritt man die Werkstatt, fühlt man sich gleich von tausend neugierigen Augen fixiert: von Köpfen, die zum Trocknen aufgestellt sind, von Skizzen an den Wänden und von Figuren, die an Fäden von der Decke hängen. Sie wirken so echt, dass einem fast ein bisschen mulmig wird. "Mich schauen die nicht an", sagt Maxi trocken und legt den fertigen Kopf beiseite. Kein Wunder: Seit beinahe 25 Jahren schon begleiten die Wesen aus der Welt der Fantasie ihr Leben. Trolle, Zauberer, Waldfeen, Harlekins und Hexen. Maxi ist Marionettenbauerin.

Tausend einzigartige Gesichter

Mehr als tausend verschiedene Charaktere hat Maxi bislang geschaffen. "Jeder Einzelne hat ein anderes Gesicht, eine eigene Persönlichkeit - genau wie bei uns Menschen", erklärt sie. Auch denen widmet sie sich: Auf Wunsch baut sie Porträtfiguren anhand von Fotos. Fragt man nach der Zahl der Puppen, die sie gebaut hat, zuckt sie nur mit den Schultern. Die Figuren mit ihren detailgetreu modellierten Gesichtern, Händen und Füßen sind zwar bespielbar; für die Bühne sind sie aber nicht gemacht. Mit ihrem Gewicht von fast einem Kilo wären sie dafür auch zu schwer. Sie sind kleine Kunstwerke, die mit ihrem Anblick Liebhaber auf der ganzen Welt verzücken.

Weltweite Nachfrage

Die meisten Kunden kommen aus Europa und den USA, aber auch in Singapur oder Australien finden die Figuren ein Zuhause. Rund 30 Stunden Arbeit stecken in jeder. Allerdings vergehen Wochen von der Idee bis zur fertigen Marionette. "Ich überlege mir erst, wie die Figur einmal aussehen soll", erklärt die Künstlerin, "bin aber flexibel im Kopf. Beim ersten Entwurf bleibt es selten." Zunächst modelliert sie eine Styroporkugel mit Knetmasse zu einem Gesicht, danach setzt sie die Glasaugen ein. Der Kopf wird grundiert und muss vor dem Schleifen und Bemalen zwei Wochen trocknen. Hände und Füße werden ebenfalls modelliert. Die Haare sind aus gefärbtem Hanf und werden angeklebt, anschließend wird das hölzerne Innenleben individuell angepasst, damit die Harmonie der Figur stimmt.

Kleider werden selbst geschneidert

Mit Schaumstoff polstert Maxi den Körper auf. Bommel, Glöckchen und Bordüren - auch die fantasievoll verzierten Kleider schneidert sie selbst. Als Letztes werden alle Einzelteile zusammengesetzt. Das Modellieren der Gesichter bereitet ihr am meisten Freude. Hier kann sie sich künstlerisch ausleben. Ein Bedürfnis, das sie überhaupt erst zu den Marionetten brachte: Nach dem Besuch der Münchener Meisterschule für Mode hatte Maxi als Stylistin gearbeitet. "Das war mir viel zu unkreativ. Ich wollte selber etwas herstellen."

Leidenschaft für Fabelwesen

Ihre erste Marionette war ein Geschenk für ihren Mann Wolfgang. Dieser witterte sofort eine Geschäftsidee. "Als ich mich ganz den Marionetten widmete, kam auch die Leidenschaft zurück", sagt die Vollblutkünstlerin. Ihr Mann, ein gelernter Kaufmann, zieht bis heute die Fäden im Hintergrund. Als typischer Freigeist hat Maxi so ihre Prinzipien. Zum einen hat sie sich ausschließlich auf Fabelwesen spezialisiert, reale Tiere baut sie nicht. Bei Vierbeinern sei die Technik eine ganz andere. Zum anderen fertigt sie Porträtpuppen viel lieber von Männern als von Frauen. Weil Letztere die eigene Schönheit höher bewerten und deshalb auf künstlerische Freiheit gelegentlich verschnupft reagieren. Andererseits sieht Maxi ihre Kunst dann auch wieder ganz pragmatisch: "Ich kann mich an der Materie begeistern, lasse etwas Schönes entstehen. Aber am Ende des Tages ist es meine Arbeit."

Der Traum von Tiffany

Und die rentiert sich - erst recht, nachdem sie ihr Repertoire erweitert hat. Seit einigen Jahren fertigt sie auch Standfiguren wie Weihnachtsmänner an. Die sind bei Kaufhäusern und Vergnügungsparks gefragt. Einige Maxi-Marionetten schafften es sogar schon in die Schaufensterdekoration der Nobelkaufhäuser Fortnum & Mason in London, Bergdorf Goodman in New York und ins Delikatessengeschäft Dallmayr in München. "Ruhm und Ehre sind nur Streicheleinheiten", meint die Künstlerin. Ein paar Träume hat aber auch sie noch. So würde sie ihre Figuren gern einmal im edlen Ambiente des New Yorker Schmuckhauses Tiffany präsentieren. Doch auch ohne das ist sie zufrieden, hat die Entscheidung für die Welt der Trolle, Hexen und Harlekins nie bereut. "Das Glück hat mich begünstigt: Ich wohne in einem schönen Haus, kann von meiner Kunst leben - und ich habe noch viel vor!"

© Axel Springer AG

Alle News vom: 9. Juli 2012 Zur Übersicht: Freizeit

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