Mainz (dpa/tmn) - Kreativität haben Berufstätige oder eben nicht - so denken viele. Doch das ist ein Trugschluss. Nicht nur Genies kommen auf zündende Ideen. Dafür brauchen Berufstätige allerdings zweierlei: Einen Chef, der Querdenken zulässt - und Mut.

Ein neues Produkt entwickeln - ich? Nie im Leben! So denken viele. Ein Fehler, findet Prof. Jörg Mehlhorn von der Deutschen Gesellschaft für Kreativität. Oft unterschätzen Berufstätige ihr kreatives Potenzial.

Muss man ein Genie sein, um kreativ zu sein?

Prof. Jörg Mehlhorn: Nein. Dieser Ansatz ist veraltet. Inzwischen hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass jeder Mensch im Grunde kreativ ist. Natürlich sind wir nicht alle Maler geworden. Das Problem ist, dass die kreative Begabung oft nicht gefördert wird. Für den Einzelnen heißt das: Du bist kreativer, als du glaubst.

Welche Hürden gibt es für kreative Arbeit?

Mehlhorn: Zum einen den Chef, wenn er ein Bremser ist. Er darf kein Ideenkiller sein. Ein bisschen "Verrücktsein" muss erlaubt sein. Auf der anderen Seite muss man bei sich selbst anfangen. Man muss den Mut haben, kreativ zu sein. Angst ist der Todfeind der Kreativität. Kreativ sein heißt, aus dem Mainstream herauszuspringen. Die graue Maus eckt nicht an. Wer dagegen mit rot gefärbten Haaren herumläuft, bekommt eher Gegenwind. Und wer etwas Abwegiges sagt, wird auch mal schief angeguckt.

Was heißt das konkret für kreative Arbeit?

Mehlhorn: Beim Brainstorming zum Beispiel heißt das: Kritik ist verboten. "Alles ist erlaubt" muss das Motto sein. Man muss zuerst die innere Zensur überwinden, um gute Ideen zu entwickeln.

Und wenn mir partout nichts einfällt - wie komme ich auf Ideen?

Mehlhorn: Am Schreibtisch fällt einem oft nichts ein. Daher hilft oft ein Tapetenwechsel. Gehen Sie nach draußen! Oder in die Kaffeeküche. Geschirr abwaschen oder die Spülmaschine einräumen, kann auch helfen. Das funktioniert aber nicht immer. Es braucht eine gewisse Vordenkzeit. Wenn man zuerst länger über ein Problem brütet und es bereits in einem gärt - dann kommt einem beim Abspülen eventuell plötzlich der Geistesblitz.

Zur Person:

Prof. Jörg Mehlhorn lehrt Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing an der Hochschule Mainz. Außerdem ist er erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kreativität. Der gemeinnützige Verein setzt sich für die Breitenförderung von Kreativität ein.

Spaß ist beim kreativen Arbeiten ein Muss

Einige Übungen zum kreativen Arbeiten klingen zunächst etwas komisch. Mancher dürfte schmunzeln, wenn er auf der Suche nach Ideen etwa Hüte tauschen und bunte Assoziationsketten auf Flipcharts malen soll. Das sei keineswegs schlecht, beruhigt der Innovationscoach Benno van Aersen. Beim kreativen Arbeiten gilt: Ein bisschen Spaß muss und darf sein. Man dürfe zwar nicht nur herumalbern. Eine verkrampfte Ernsthaftigkeit sei aber auch hinderlich. Gut sei ein Zustand zwischen Entspannung und Anspannung. Ein Schmunzeln sei dabei ein gutes Zeichen: "Dann ist das Gehirn im richtigen Modus."© dpa