Nürnberg (dpa) - Der Chef macht Druck, doch die Arbeit ist kaum zu schaffen. Allzu hoch ist der Berg an Aufgaben, der erledigt werden muss. Seit Jahren wird der Stress am Arbeitsplatz immer größer. Betriebsärzte merken dies an der Art der Klagen, die sie erreichen.

Viele Aufgaben, knappe Abgabefristen, hoher Druck: Die moderne Arbeitswelt setzt viele Beschäftigte unter Stress. Das kann zu gravierenden psychischen Problemen führen, berichtet Friedemann Bohlen, der beim derzeit in Nürnberg stattfindenden Kongress der deutschen Betriebsärzte (22. bis 25. Oktober) den entsprechenden Programmpunkt leitet. Die gute Nachricht: Man kann etwas dagegen tun.

Herr Bohlen, wie unterscheidet sich die heutige Arbeitswelt von früher?

Bohlen: Wir haben in den letzten 10, 20 Jahren ganz erhebliche Änderungen erlebt, vom eher handwerklichen Arbeiten hin zu mehr Technik am Arbeitsplatz und zu vielen Dienstleistungen. Die Firmen verlangen von ihren Mitarbeitern, dass sie zunehmend flexibel sind, dass sie auch mobil sind. Und die Arbeit wird mehr, sie intensiviert und verdichtet sich. Zudem sind die Arbeitsplätze nicht mehr so sicher wie früher, das schafft zusätzliche Beunruhigung.

Was sind die Folgen?

Bohlen: Die Mitarbeiter klagen im Gespräch mit den Betriebsärzten über zunehmenden Zeit- und Leistungsdruck. Sie fühlen sich überfordert, manche auch unterfordert. Und die Probleme mit Vorgesetzten und Kollegen nehmen zu, das Betriebsklima ist oft nicht mehr so gut wie früher. Hinzu kommt, dass gerade Frauen durch die Doppelbelastung Beruf/Familie zunehmend beeinträchtigt werden.

Wozu führt dieser ständige Druck?

Bohlen: Das macht Stress, und die Symptome sind im körperlichen Bereich Kopf- und Rückenschmerzen, Magen-Darm-Probleme oder Probleme mit dem Schlafen. Im psychischen Bereich erzählen die Leute, dass sie nicht mehr die gleiche Leistung wie früher bringen können, sie sind schneller erschöpft und weniger produktiv. Im persönlichen Bereich wird geklagt, dass man sich schlechter konzentrieren kann, nervös, bedrückt oder depressiv ist.

Worin unterscheiden sich positiver Stress und negativer Druck?

Bohlen: Stress per se ist absolut nicht negativ. Wenn ich das richtige Maß an Belastung habe, kann mich das sogar zu Höchstleistungen anspornen. Die Belastung wird dann zu negativem Stress, wenn ich mich überfordert fühle, wenn ich den Eindruck habe, ich kann diese Belastung nicht mehr bewältigen. Dann ist der Stress schädlich. Es ist also eine Frage der richtigen Dosis.

Wie kann ich mich vor zu viel Stress schützen?

Bohlen: Wichtig ist zu schauen, wie ich meine Stressreaktion verringern kann. Positiv wäre zum Beispiel das Erlernen einer Entspannungstechnik oder dass ich ganz bewusst zwischendrin Pausen einplane. Dass ich auch für ausreichenden körperlichen Ausgleich sorge, also regelmäßig Sport treibe, mich gesund ernähre, genug schlafe.

Zur Person

Friedemann Bohlen ist Facharzt für Arbeitsmedizin und Innere Medizin und Vorsitzender des Landesverbands Westfalen-Lippe im Verband deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW). Auf dem aktuellen Betriebsärztekongress des VDBW ist er einer der beiden Leiter des Programmpunkts: "Psychische Gesundheit in der veränderten Arbeitswelt".© dpa