Bremen (dpa/tmn) - Intuition wird oft unterschätzt, auch im Berufsleben. Sie hat gerade nichts mit Bauchgefühl zu tun, betont Prof. Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. "Bauchgefühle sind starke Affekte und fast immer falsch."

Intuition speist sich dagegen aus dem Langzeitgedächtnis, in dem Erinnerungen an alles abgelegt sind, was wir erlebt haben. Diese Informationen aus dem Vorbewussten können einem beim Treffen von Entscheidungen durchaus helfen. "Intuition ist das Ergebnis von sehr vielen Erfahrungen", so der Wissenschaftler.

Das gelte gerade in komplexen Situationen, in denen man mit rationalem Abwägen zahlreicher, widersprüchlicher Argumente überfordert ist. "Wir können nur über wenige Aspekte nachdenken und müssen das nacheinander tun", erklärt der Hirnforscher. Intuitives Entscheiden sei dann nachweislich die beste Alternative. Eine Möglichkeit dafür ist, zunächst die Zahl der Optionen nach rationalen Gesichtspunkten deutlich zu verringern, dann darüber zu diskutieren, ein oder zwei Tage abzuwarten, ohne über die Entscheidung weiter nachzudenken, und dann zu entscheiden - dabei kann man dann von der Intuition profitieren.

Intuitives Entscheiden habe keine Nachteile, außer, dass man dafür Zeit brauche, sagt Prof. Roth. Denn die richtige Eingebung komme manchmal erst morgens unter der Dusche. "Man muss dafür locker lassen, und man darf nicht in Panik geraten." Genauso falsch sei, eine intuitive Entscheidung erzwingen zu wollen. Das könne nicht klappen.

Und auch unter Zeitdruck und sonstigem Stress kann man nicht richtig intuitiv entscheiden. Deshalb sei es gut, in solchen Situationen zum Beispiel eine Stunde spazieren zu gehen. "Danach sieht die Welt oft anders aus." Wer etwa aus beruflichen Gründen umziehen soll, muss eine ziemlich komplexe Frage entscheiden. Das muss man diskutieren und abwägen. "Aber dann sollte man sich eine Bedenkzeit nehmen - und plötzlich ist dann oft das Gefühl ganz klar, was man machen soll." Prof. Roth hält intuitives Entscheiden insgesamt für unterschätzt: "Man müsste sich im Berufsleben noch viel mehr auf seine Intuition verlassen."

Aber was tun, wenn die Vernunft scheinbar für das eine und die Intuition für etwas anderes spricht? "Wenn mich die Intuition vor etwas warnt, dann ist das schon verdächtig", sagt Prof. Roth. Dann sei es wichtig herauszufinden, warum die Intuition diese Signale sende. Möglicherweise erkennt man, dass etwas Irrationales, nicht Relevantes dahintersteckt - dann muss man nicht auf sie hören. Aber vielleicht gibt es eben doch gute Gründe, ihr den Vorzug zu geben.© dpa