Hunderttausende Flüchtlinge kommen in Schulen und Kitas. Schafft das deutsche Bildungssystem das? Es wird sich verändern, sagen Experten - und sehen darin auch eine Chance.

Ali ist nahezu Analphabet, Tom hochbegabt, Lena entwicklungsverzögert, und Ahmad spricht kein Deutsch. Alle sollen unter einem Schuldach gefördert werden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt zur Flüchtlingsfrage: "Wir schaffen das." Aber schafft auch das deutsche Bildungssystem das?

Mit den anstehenden Herausforderungen befasst sich die weltgrößte Bildungsmesse Didacta in Köln. Didacta-Präsident Wassilios Fthenakis sieht enorme Aufgaben, vor allem aber Bereicherung und Nutzen: Die Zugewanderten seien "wie Hefe im Teig. Sie bewegen das System nach oben."

"Unser Bildungssystem wird sich verändern"

Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung an der Uni Köln, sagt: "Unser Bildungssystem wird sich verändern. Der Unterricht und die Schulen werden sich verändern." Nach groben Schätzungen sind allein 2015 rund 100 000 Jungen und Mädchen im Vorschulalter und rund 550 000 Sechs- bis 25-Jährige gekommen, wie er erläutert.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft geht von etwa 300 000 bis 400 000 Flüchtlingen im schulpflichtigen Alter aus. Genau weiß es niemand - auch nicht, wie viele 2016 hinzu kommen werden.

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"Die absolute Zahl ist nicht das Problem. Sondern die ungleiche Verteilung der neu Zugewanderten - mit einem Schwerpunkt auf den Ballungsräumen - und die Schnelligkeit, mit der sie an die Schulen kommen", analysiert Becker-Mrotzek.

Einheitliche Standards für die Bundesländer

Länderübergreifende, einheitliche Standards seien nötig: "Wie groß sollen die Klassen sein, in denen auch die Geflüchteten unterrichtet werden? Wie lange sollen sie in den parallel geführten Vorbereitungsklassen bleiben? Wie lange soll die sprachliche Förderung in den Regelklassen dauern?" Ein großes Problem sei auch, dass es noch zu wenig geeignetes Lernmaterial gebe.

"Wir müssen dauerhafte Strukturen aufbauen, denn wir werden immer Zuwanderung im Schulsystem haben", fordert Becker-Mrotzek. "Wir brauchen mehr Lehrer, Aus- und Fortbildung, Sprachcoaches in den Schulen. Dort werden immer stärker multiprofessionelle Teams mit Psychologen und Sozialarbeitern tätig sein." Die Inklusion - gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen - habe einen Umbau angeschoben, der werde forciert. "Wir haben mehr Heterogenität. Vielfalt wird der Normalfall."

Lehrer fehlen überall. Die meisten Länder seien bereit, Geld für deutlich mehr Pädagogen in die Hand zu nehmen, sagt GEW-Chefin Marlis Tepe. "Aber es ist teilweise extrem schwierig, Lehrer zu bekommen." Seiteneinsteiger und Pensionäre seien im Einsatz.

Anpassung der Unterrichtsmethoden gefordert

Tepe rät, die Kompetenzen der Flüchtlinge früh nutzen: "Unter den Geflüchteten sollten wir die Qualifizierten ansprechen, sie zum Beispiel Mathematik in ihrer Herkunftssprache noch in den Erstaufnahme-Einrichtungen unterrichten lassen." Mit dem wachsenden Anteil an Migrantenkindern müsse man auch die Unterrichtsmethoden und in manchen Fächern die Lehrpläne überprüfen.

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Die Schulen würden bisher weitgehend alleine gelassen, kritisiert Sanne Kleff, Bundeskoordinatorin des Netzwerks Schule ohne Rassismus. Praktisch ohne zusätzliche Ressourcen, Schulungen, Strukturen oder Konzepte werde die große gesellschaftliche Aufgabe den Schulen übertragen. "Wir können stolz sein auf unsere Schulen und Lehrer, dass sie diese Herausforderung annehmen und meistern, rein mit Intuition und menschlicher Zuwendung. Aber es muss Unterstützung geben."

Deutsch als Zweitsprache soll etabliert werden

Sie sehe viele Defizite, sagt Kleff. Deutsch als Zweitsprache solle für jeden Erzieher und Lehrer fester Bestandteil der Ausbildung werden. Die Sprachvermittlung funktioniere nicht gut genug. Bei der psychosozialen Betreuung kriegstraumatisierter Kinder liege noch viel im Argen - ohne diese sei der Zugang zu den Jungen und Mädchen schwierig.

Auch die Kitas stehen vor einem Kraftakt, betont Jens Hoffsommer von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. "Es ist extrem wichtig, dass die Flüchtlingskinder in die Kitas kommen. Die Kita ist der erste Ort der Sicherheit, der Geborgenheit." Die Bildungsinstitution bilde die Basis für das Ankommen in der Gesellschaft und für die schulische Laufbahn. Wachsende Heterogenität werde auch die Kitas verändern und verlange den Erzieherinnen einiges ab.© dpa

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