Großer Aufschrei bei Pädagogen: Pisa-Sieger Finnland will ab 2016 das Erlernen der Handschrift in Schulen abschaffen. Deutsche Fachleute wittern den Verlust von motorischen und koordinativen Fähigkeiten.

Finnland galt viele Jahre deutschen Schulpraktikern wie auch Wissenschaftlern als Vorbild, schließlich räumten die Skandinavier bei dem internationalen Schüler-Leistungstest Pisa (Programme for International Student Assessment) regelmäßig die besten Plätze ab. Doch beim neuen Vorschlag aus Suomi regt sich Widerstand.

Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem ist mangelhaft.

Ab 2016 soll dort das Erlenen der Handschrift der Vergangenheit angehören, wie der "Spiegel" berichtet. "Flüssiges Tippen auf der Tastatur ist eine wichtige Fähigkeit", sagte Minna Harmanen den "Helsinki Times". Harmanen überarbeitet gerade dem "Spiegel" zufolge für das finnische Bildungsministerium die Vorgaben zum Schreibenlernen. Den Lehrern sei es in Zukunft freigestellt, zusätzlich das Texte-Abfassen per Hand zu unterrichten.

Deutsche Experten wollen Erlernen der Handschrift beibehalten

Unter den hiesigen Bildungsexperten stößt der Plan auf heftige Kritik. "Den Kindern darf unter dem Dach der Schule auf keinen Fall eine Beschränkung ihrer motorischen Fähigkeiten zugemutet werden", entrüstet sich Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), im Gespräch mit dem "Spiegel".

Unstrittig ist jedoch, dass auch deutsche Schüler Probleme mit der Handschrift haben. "Lehrer beklagen, dass die Handschriften unleserlich sind, das Schriftbild nicht genügend ausgeformt ist und vor allem beim schnelleren Schreiben auseinander fällt", sagt dem "Spiegel" Christian Marquardt, wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts im fränkischen Heroldsberg.

Handys kontrollieren verboten: Lehrer dürfen die Inhalte von Mobiltelefonen ihrer Schüler nicht durchsuchen.

Laut dem Forscher ist eigenes Abfassen mehr als die Eingabe von Informationen. Es gehe ebenso um einen kognitiven und koordinativen Prozess. "Durch händisches Schreiben werden Lernen und Erinnerung verbessert, im Gehirn werden dabei viele Modalitäten angesprochen und trainiert", so der Wissenschaftler zum "Spiegel".

Schreibenlernen: Lehrerverband fordert Alternative zu Finnland

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, will deshalb einen anderen Weg als die Finnen einschlagen. "Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen", gibt er im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin zu bedenken.

Christian Marquardt hat zudem einen Tipp für Eltern parat. "Zwei Faktoren sind entscheidend: das richtige Üben und die Motivation", sagt er dem "Spiegel". Langweiliges Nachmalen von Vorlagen sei genauso falsch wie die Vorstellung, ohne häufiges Üben werde sich irgendwann und irgendwie eine eigene Schrift beim Nachwuchs einstellen. (cfl)