Leitungswasser trinken und Möbel verkaufen: Das Jobcenter Pinneberg hat in einer Broschüre fragwürdige Spartipps für Hartz-IV-Empfänger veröffentlicht. Ebenfalls pikant ist, dass sich manche Tipps so lesen, als ob sie für Grundschulkinder verfasst wurden. Der Vize-Chef der Bundesagentur für Arbeit lobt die Broschüre aber als "tollen Ratgeber".

Ja, das Leben ohne viel Geld wäre so einfach – wenn es nach dem Jobcenter Pinneberg geht. Sollte ein Hartz-IV-Empfänger knapp bei Kasse sein, dann könne er einfach auf Fleisch verzichten oder am besten gleich Vegetarier werden. Oder er verkauft seine Möbel. Denn für einen elf Jahre alten Schrank kann man laut einem Beispiel in der Broschüre noch 243 Euro bekommen und dazu die spannende Aktion sogar live im Online-Auktionshaus verfolgen. Ein Unterhaltungsprogramm ist beim Verkauf also inklusive.

Die Broschüre romantisiert das Schicksal der fiktiven Hartz-IV-Familie Fischer. Viele Ratschläge wie die Befreiung von der GEZ sind zwar logisch und auch richtig, dennoch macht es sich das Jobcenter mit manchen Tipps ziemlich einfach. Als die Familie beispielsweise beschließt, "für eine Woche auf Fleisch zu verzichten", jubelt Tochter Lara: "Ich will sowieso Vegetarier werden."

Ein Beispiel aus der Broschüre

Als Sylvia ein Sechserpack Selter in den Einkaufswagen hieven will, hält Martina sie zurück.

Martina: "Wusstest du eigentlich, dass Leitungswasser oft eine bessere Qualität hat als Mineralwasser?"

Sylvia: "Aber es schmeckt nicht so gut."

Martina: "Vielleicht müsst ihr euch nur daran gewöhnen. Bei Getränken könntet ihr eine Menge sparen."

"Ben trinkt nichts außer Cola", erwidert Sylvia skeptisch.

"Jetzt wohl schon", erwidert Lara und grinst.

Hartz-IV-Ratgeber im Comic-Look

Das Jobcenter Pinneberg lockert die Hartz-IV-Spartipps in ihrer Broschüre mit Comic-Bildern auf. Der Ratgeber könnte dadurch genauso gut als bebildertes Grundschulbuch durchgehen. Der Vize-Chef der Bundeagentur für Arbeit, Heinrich Alt, ist aber von der Umsetzung begeistert: "Jobcenter Pinneberg hat einen tollen ALG2-Ratgeber herausgegeben", schreibt er auf Twitter. Mit der Broschüre werde Hartz 4 "einfach erklärt".

Doch nicht jeder ist von dem Ratgeber begeistert. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, kritisiert: "Es ist absolut albern, wenn Hartz-IV-Beziehern nahe gelegt wird, ihre Möbel zu verhökern, nur noch Leitungswasser zu trinken, Vegetarier zu werden und das Gemüse am besten gleich selbst anzubauen", sagt Schneider der "Bild"-Zeitung.

Auch für den Einkauf hat das Jobcenter einen ganz besonderen Tipp parat: "Gehen Sie nie hungrig einkaufen." Was der Hartz-IV-Empfänger vorher isst, ist ihm aber selbst überlassen. Doch er hat die Möglichkeit, sich durch die Broschüre inspirieren zu lassen. Auf Seite 83 rät das Jobcenter dazu, sich mit billigen und haltbaren Lebensmitteln wie Mehl, Nudeln und Dosengerichten einzudecken. Denn Geschmack spielt keine Rolle. Das hat das Jobcenter Pinneberg mit seinem Ratgeber bewiesen. (am)