Er ist eine der größten, aber auch umstrittensten Neuerungen 2015: Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland trat zum Jahreswechsel in Kraft. Für Befürworter wie Gegner bleibt er ein Reizthema. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Seit Donnerstag gilt in Deutschland ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Auch zum Start der umstrittenen gesetzlichen Regelung geht die Debatte um das Für und Wider einer allgemeinen Lohnuntergrenze aber unvermindert weiter.

Der Mindestlohn ist für viele Arbeitnehmer eine gute Nachricht.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte die Arbeitgeber davor, den Mindestlohn nicht direkt ab seiner Geltung komplett umzusetzen. "Der Mindestlohn gilt ab 00.01 Uhr in der Neujahrsnacht - zum Beispiel für die Menschen, die im Hotel- und Gaststättengewerbe in dieser Nacht arbeiten", sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Was tun, wenn der Mindestlohn nicht gezahlt wird?

Falls Arbeitnehmer um ihren Lohn geprellt würden, müssten diese zwar ihr Recht individuell geltend machen. "Aber es ist am einfachsten, sich über die Gewerkschaft zu organisieren und zu sagen: Jetzt gehe ich mit meiner Gewerkschaft gegen diese Machenschaften vor", sagte Körzell. "Dazu laden wir ausdrücklich ein."

Pkw, Steuern, Porto, Miete: 2015 bringt wichtige Neuerungen.

Der DGB will am Freitag eine Telefon-Hotline (0391/4088003) schalten. Sie soll zunächst bis Ende März in Betrieb bleiben. Eine weitere Hotline hat das Bundesarbeitsministerium eingerichtet (030/60280028).

Welche Ausnahmen gibt es?

Bei einer 40-Stunden-Woche entspricht der Mindestlohn 1.473 Euro brutto im Monat. Profitieren von ihm sollen rund 3,7 Millionen Beschäftigte im Niedriglohnsektor. Es gibt allerdings Ausnahmen.

Um Langzeitarbeitslosen den Job-Einstieg zu erleichtern, kann bei ihnen in den ersten sechs Monaten vom Mindestlohn abgewichen werden. Bei unter 18-Jährigen ohne Berufsabschluss, Auszubildenden und Menschen mit Pflichtpraktika oder Praktika unter drei Monaten greift die Lohnuntergrenze nicht. Bisher galten für rund 4 Millionen Beschäftigte in 13 Branchen einzeln ausgehandelte Mindestlöhne.

Was ist mit laufenden Tarifverträgen?

Für einige Bereiche gelten bis 2017 Übergangsregeln. So können Branchen mit Tarifverträgen von der gesetzlichen Lohnuntergrenze für zwei Jahre nach unten abweichen. Das gilt unter anderem für Friseure, Fleischindustrie, Land- und Forstwirtschaft sowie dem Gartenbau. Der Deutsche Taxi- und Mietwagenverband BZP sprach sich bei seiner Mitgliederversammlung in Hannover für eine Satzungsänderung aus, die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi möglich macht. Der Verband befürchtet den Verlust von rund 50 000 Arbeitsplätzen. Das sei jede vierte Stelle.

In welchen Branchen gab es schon davor Mindestlöhne?

Schon vor dem Jahr 2015 gibt es viele Branchen, für die ein Mindestlohn gilt. Unter anderem sind das die Abfallwirtschaft, das Baugewerbe, Bergbauspezialisten, Dachdecker, Elektrohandwerker, Fleischwirtschaft, Maler und Lackierer, Zeitarbeiter sowie Maler und Lackierer. Für diese Branchen gelten weiterhin teilweise deutlich höhere Vereinbarungen.

Mit 8,50 Euro pro Stunde kommt 2015 der flächendeckende Mindestlohn.

Bleibt der Mindestlohn die nächsten Jahre auf dem gleichen Niveau?

Eine Mindestlohnkommission berät alle zwei Jahre über eine Anpassung des Mindestlohns und wird sich dabei an der Tariflohnentwicklung der vergangenen zwei Jahre orientieren. Die Kommission besteht aus stimmberechtigten Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie beratend Sachverständigen aus der Wissenschaft. Am Ende befindet die Bundesregierung darüber, ob sie den gefundenen Kompromiss per Rechtsverordnung in Kraft setzt. Erstmals wird die Kommission im Jahr 2016 tagen und über die Erhöhung des Mindestlohns zum Januar 2017 beraten.

Was sind mögliche Folgen?

"Wir freuen uns, dass Deutschland jetzt den gesetzlichen Mindestlohn hat. Mit dieser unteren Haltelinie wird jenen Arbeitgebern ein Strich durch die Rechnung gemacht, die ihr Geschäft auf Lohndumping aufgebaut haben", sagte Gewerkschafter Körzell am Donnerstag laut Mitteilung. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi betonte: "Mit dem Mindestlohn haben wir sozialpolitisch eine historische Leistung vollbracht und Dumpinglöhnen endlich einen Riegel vorgeschoben."

Verdi-Chef Frank Bsirske sagte der dpa, der Mindestlohn werde für Millionen Menschen mit Verbesserungen einhergehen. "Und er wird von Versuchen begleitet sein, ihn zu unterlaufen." Er sei sich sicher: "Es bleibt bei der Umsetzung noch vieles zu tun. Aber er ist ein historischer Fortschritt."

Arbeitgeber und einige Ökonomen befürchten wegen der Neuregelung der großen Koalition Job-Verluste. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) kritisierte die mit dem Mindestlohn verbundene neue Bürokratie. "Ich frage mich, ob diejenigen, die jetzt Verordnungen für die Dokumentation der täglichen Arbeitszeiten verfassen, ernsthaft geprüft haben, was das für die betroffenen Arbeitgeber bedeutet", sagte sie der dpa über Verordnungen der Bundesregierung.

Auch Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer warnte vor neuen bürokratischen Belastungen. "Es darf nicht so weit kommen, dass sich der Handwerksmeister mehr um die Arbeitszeiterfassung kümmern muss als um die Akquise von Aufträgen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Mittwoch). Vor allem mit Blick auf die Mini-Jobber sei in diesem Punkt "dringend eine praktikable Lösung" nötig.

Bereits Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hatte sich vehement gegen die Dokumentationspflichten gewandt, die neu auf Unternehmen zukämen. In einem der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mittwoch) vorliegenden Positionspapier verlangte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) zudem, die möglichen Folgen des Mindestlohns für gering Qualifizierte zu bedenken.

Der Chef des Münchner Info-Instituts, Hans-Werner Sinn, befürchtet Einschnitte auf dem Arbeitsmarkt. "Langfristig wird uns der Mindestlohn sehr viele Arbeitsplätze kosten", sagte er "Focus Online". Nur einige Branchen könnten die Zusatzkosten in höhere Preise übersetzen. "Andere jedoch stehen im internationalen Wettbewerb. Die werden Jobs streichen müssen." (cfl/dpa)© dpa