Hannover (dpa) - David war schon in der Grundschule pummelig. "Rollmops" haben seine Mitschüler ihm manchmal auf dem Schulhof hinterhergerufen. Mit zwölf Jahren entschloss sich der blonde Junge aus Hannover dazu, grundlegend etwas zu ändern.

"Man hat es leichter im Leben, wenn man weniger Kilos mit sich herumschleppt", sagt er. Seit dem Frühjahr speckt David mit Hilfe eines Programms für stark übergewichtige 8- bis 17-Jährige ab. In den Kursen am Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover sollen nicht nur die Pfunde purzeln. Ziel ist es, die ganze Familie zu einem gesünderen Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu motivieren.

Ein Sechstel der Kinder und Jugendlichen zu dick

Die Menschen in Deutschland werden immer schwerer. Über die Hälfte der Erwachsenen sind übergewichtig, Tendenz steigend. Nach den jüngsten zur Verfügung stehenden Daten des Robert-Koch-Instituts waren 2007 etwa 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen zu dick.

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Rund sechs Prozent litten unter Adipositas, also extremem Übergewicht; bei den 14- bis 17-Jährigen waren es sogar acht Prozent. Hänseleien und seelische Belastungen sind für diese Jugendlichen nicht das einzige Problem. Diabetes, Haltungsschäden, nächtliche Atemaussetzer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sogar Krebs können folgen.

Seit zehn Jahren bietet das Kinderkrankenhaus in Hannover die sogenannten Kick-Kurse für adipöse Jungen und Mädchen an. Kick steht für Kindergewicht intensiv Coaching im Krankenhaus. Das über ein Jahr laufende Programm ist von der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder- und Jugendalter zertifiziert. "Leider bieten bisher viel zu wenige Klinken zertifizierte Programme an", sagt Chefarzt Thomas Danne. So seien viel zu wenige betroffene Kinder in Behandlung.

Die aktive Mitgliedschaft in einem Sportverein ist Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm. Am Anfang gibt es wöchentlich ein bis zwei Schulungsnachmittage. Einmal in der Woche steht ein Sporttraining mit den anderen Kursteilnehmern an. Der zwölfjährige David ist an diesem Abend eines der schlanksten Kinder in der Turnhalle. Innerhalb von sechs Monaten hat er fünf Kilo abgenommen und ist drei Zentimeter gewachsen. Damit gilt er nicht mehr als adipös, sondern nur noch als leicht übergewichtig. "Bei uns zu Hause gibt es statt Apfelschorle jetzt Wasser und keinen Süßigkeiten-Teller mehr", erzählt David nach dem Training.

28 Stück Würfelzucker in einem Liter Eistee

Während ihre Kinder Sport treiben, werden die Eltern von einer Diätassistentin über den Zucker- und Fettgehalt von Lebensmitteln aufgeklärt. Dabei gibt es praktische Ratschläge, etwa Apfelschorle durch Wasser oder Mortadella durch fettarmen Kochschinken zu ersetzen. Beeindruckend ist auch, wie der Zuckergehalt von Getränken durch Würfelzucker veranschaulicht wird. 28 Zuckerstücke stecken zum Beispiel in einem Liter Eistee. "Milch ist kein Getränk, sondern eine Mahlzeit", erklärt die Diätassistentin und die Mütter und Väter staunen.

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Der Ärztliche Leiter des Kick-Programms, Thomas Danne, sieht beim Thema Adipositas aber nicht nur die einzelne Familie in der Verantwortung. "Wir müssen gesundes Leben leichter machen", betont der Diabetes-Experte. Dazu gehöre eine verständliche Lebensmittel-Kennzeichnung, etwa mit Hilfe einer Ampel. Dabei werden die Produkte unter anderem nach ihrem Zucker-, Fett- und Salzgehalt als rot, gelb oder grün eingestuft.

Die 15-jährige Annika aus Hohenhameln im Landkreis Peine hat ihren Kick-Kurs bereits beendet und deutlich abgenommen. "Joggen im Schulsport habe ich früher gehasst, jetzt geht es viel besser", erzählt die Zehntklässlerin. Dass sie niemals Modelmaße haben wird, ist ihr bewusst. "Ich messe mich nicht mit anderen", sagt sie selbstbewusst.

Beim Übergewicht spielt die genetische Veranlagung eine große Rolle, wie Familien- und Zwillingsstudien belegen. Forscher schätzen den Einfluss der Gene auf 50 bis 90 Prozent. Aus diesem Grund leiden bei vielen Jugendlichen, die massenweise süße Getränke in sich hineinkippen, allenfalls die Zähne, während andere massiv an Gewicht zulegen.

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Viele Experten sprechen bereits von einer Adipositas-Epidemie. Um diese einzudämmen, fordert unter anderem die Deutsche Adipositas-Gesellschaft mehr Sportunterricht in der Schule. Annika treibt auch nach Abschluss ihres Kick-Kurses in Hannover weiter Sport. In den Herbstferien hat sie Stand Up Paddling ausprobiert. "Ich hatte Angst, dass sie beim Abnehmen eine Essstörung entwickeln könnte", erzählt die Mutter der 15-Jährigen. Ihre Tochter sei aber toll psychologisch unterstützt worden. "Sie hat nicht nur abgenommen, vor allem strahlt sie jetzt mehr."

Schon im Babyalter gegensteuern

Um Übergewicht vorzubeugen, ist es wichtig, dass Kinder schon im Säuglingsalter ein gesundes Verhältnis zum Essen entwickeln und lernen, auf ihr Hunger- und Sättigungsgefühl zu achten.

Selbst bestimmen: "Ein zentraler Punkt ist, Kinder selbst bestimmen zu lassen, wie viel sie essen möchten", sagt Maria Große Perdekamp. Sie ist Leiterin der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Das heißt: Eltern sollten das Sättigungsgefühl des Kindes nicht einfach übergehen - das gilt schon beim Stillen oder Fläschchengeben. "Es ist ganz normal, dass Babys und Kinder mal mehr und mal weniger Hunger haben." Das habe vor allem mit Wachstumsschüben zu tun, in denen die Kinder unterschiedlich viel Energie brauchen. Eltern müssen sich dann keine Sorgen machen und sollten nichts erzwingen.

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Geregelte Strukturen: Wichtig ist auch, dass Kinder schon früh geregelte Essenszeiten kennenlernen. "Eltern sollten nicht ständig etwas zu Essen anbieten", sagt Große Perdekamp. Das gilt für jede Art von Essen - auch Gesundes sollte nicht immer bereitstehen. "Kinder sollten im Buggy kein Brötchen in die Hand bekommen, und es sollte auch nicht permanent eine Obstschale bereitstehen." Stattdessen sollte es feste Essenszeiten geben - für Kleinkinder sind das manchmal mehr als bei Erwachsenen oder größeren Kindern. Hat ein Kind zu dieser Mahlzeit keinen Hunger, sollten Eltern es nicht zum Essen zwingen.

Süßigkeiten nicht verbieten

Essen und Aufmerksamkeit: "Essen ist auch ein wichtiges Beziehungsthema, Kinder müssen erfahren, dass Beziehungen nicht über Essen funktionieren", sagt die Expertin. Quengelt beispielsweise das Baby wirklich, weil es Hunger hat? Nicht immer sollten weinende Säuglinge sofort gefüttert werden. "Oft sind Babys müde oder wollen einfach nur Aufmerksamkeit - bekommen sie stattdessen etwas zu essen, verknüpfen sie das miteinander." Das Gleiche gilt für den gemeinsamen Fernsehabend der Familie - werden jedes Mal Chips dazu gegessen, verbinden Kinder das positive Zusammensein mit dem Essen. Generell sollten Süßigkeiten und Knabberkram aber nicht verboten werden - das macht sie nur besonders reizvoll.

Seelenfutter: Gerade Jugendliche essen oft aus Frust. "Ist ein Kind übergewichtig oder nimmt in kurzer Zeit viel zu, sollten Eltern auch nach seelischen Ursachen schauen", sagt Große Perdekamp. Manche essen aus Frust oder um sich etwas Gutes zu tun, wenn sie beispielsweise in der Schule Probleme haben. Dann kann vielleicht ein Kinderarzt helfen - Eltern sollten sich aber auch nicht scheuen, einen Psychologen oder Pädagogen zurate zu ziehen.© dpa