Der Pferdefleischskandal verdirbt vielen Fleischliebhabern den Appetit. Die Möglichkeiten, sich vor solchen Betrügereien zu schützen, sind leider begrenzt. Der radikale Weg: Auf Fertigprodukte verzichten und Fleisch nur noch beim Öko-Bauern kaufen. Noch radikaler: Einfach gar kein Fleisch mehr essen. Ich habe es ausprobiert.

In ihrer Kolumne "Ausprobiert" testet unsere Gesundheitsredakteurin Silke Stadler am eigenen Leib, worüber sie schreibt.

Lange habe ich meinen Fleischkonsum überhaupt nicht in Frage gestellt. Aber dann brauchte es nicht erst Gammelfleischskandal, Antibiotika-Mast und Pferdefleischbetrug, um mich ins Grübeln zu bringen. Seit etwa einem Jahr greife ich immer öfter zu Bio-Lebensmitteln. Sobald Produkte mit diversen Siegeln in meinem Einkaufskorb landen, frage ich mich unweigerlich: Reicht das als Beitrag für eine bessere Lebensmittelwirtschaft?

Billig-Fleisch nicht ohne schlechtes Gewissen

Mittlerweile bin ich überzeugt, dass Bio nur dann für alle lebbar ist, wenn wir insgesamt nicht mehr so viele Tiere futtern. Die Massen an Fleisch, die wir jährlich verdrücken, können auf ökologische Weise nicht dauerhaft produziert werden. Und Billigfleisch gibt's nur, wenn am Tierwohl gespart wird.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät zum maßvollen Fleischgenuss (mehr als 300 bis 600 Gramm pro Woche sollten es nicht sein). Entgegen dieser Empfehlung verschlingen die meisten Deutschen täglich Fleisch- und Wurstwaren. Auch ich habe mich nie eingeschränkt. Bis jetzt. Wochen vor dem Pferdefleischskandal beschließe ich, für die nächsten zwei Monate Fleisch und Fisch komplett von meinem Speiseplan zu tilgen.

Und ich bin nicht die Einzige. Ob in Familie, Freundeskreis oder am Arbeitsplatz: Vegetarisch ist in meinem Umfeld ziemlich angesagt. Die fragwürdigen Bedingungen, unter denen Tiere für unsere Ernährung oft gehalten werden, treiben Hardliner sogar dazu, völlig auf tierische Produkte zu verzichten: Keine Eier, keine Milch, keine Lederwaren. Veganer sind die neuen Vegetarier! Sie haben alle Argumente auf ihrer Seite. Trotzdem begegnet man ihnen nicht allzu häufig. Zu hart scheint ihre Lebensweise, zu groß der Verzicht, um eine breite Anhängerschaft zu finden. Ganz anders der Veggie-Lifestyle.

Vegetarisch leben leicht gemacht – der Test

Vegetarier haben es heutzutage ziemlich gut. Vorbei sind die Zeiten, wo sie sich mangels fleischloser Hauptgerichte durch Beilagen mümmeln mussten. Stattdessen finden sich mittlerweile in jedem Restaurant und jeder Kantine fleischlose Alternativen. Das macht auch mir den Umstieg überraschend leicht. Ich habe nicht einmal besonderen Appetit auf Fleisch. Das soll sich noch ändern.

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Vorsicht, da ist Tier drin!

Gelatine in Frühstücksflocken, Tierhaar-Substanzen in Brötchen: Organisationen wie Foodwatch kritisieren des Öfteren Produkte, in denen sich tierische Bestandteile verstecken. Manche Hersteller haben darauf reagiert, doch bei noch immer heißt es bei vielen vermeintlich vegetarischen Lebensmitteln aus dem Supermarkt: Vorsicht, hier ist Tier drin.

Meine eingefahrenen Kochgewohnheiten schmeiße ich notgedrungen über Bord: Spaghetti Bolognese, Lachs in Kräutersauce, Schnitzel mit Pommes – viele Lieblingsgerichte muss ich vom Speiseplan verbannen oder zumindest stark modifizieren. Doch das ist gar nicht so schwer: Kochbücher und Apps für Vegetarier bieten hunderte Rezepte, die sich schnell und leicht kochen lassen und mir eine ganz neue Genusswelt eröffnen. Ich wage mich an Kichererbsen-Polenta mit Auberginen und Ziegenfrischkäse oder Penne mit Belugalinsen und Minz-Knoblauch-Dip. Nach einem Besuch im Bioladen landen auch Spaghetti mit Tofu-Bolognese und Burger mit Gemüse-Bratling auf meinem Teller.

Ersatz für Fleisch? Nicht wirklich

Womit ich nicht gerechnet habe: Der Verzicht, der mir anfangs so leicht fällt, wird nach einigen Wochen mühsamer. Beim Gedanken an ein saftiges Steak, ein goldenes Wiener Schnitzel oder eine fettige Bratwurst läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Ersatz muss her. Ich bestelle ein "Kennlern-Paket" bei einem vegetarischen Lebensmittelversand im Internet. Für 19 Euro gibt’s Veggie-Schnitzel, Soja-Gyros, Veggie-Wiener, "Fleischsalat vom Tofu-Tier" und einiges mehr. Die Soja-Salami wird zu Testzwecken gleich in der Redaktion vertilgt. Fazit meines Fleisch vergötternden Kollegen Andy: "Schmeckt überraschend lecker und eignet sich für alle, die weniger Fleisch essen wollen". Aber als kompletter Ersatz taugt die Veggie-Salami in seinen Augen nicht.

Das sehe ich ähnlich. Wer Geschmack und Konsistenz von Fleisch vermisst, wird seine Sinne mit fleischlosen Lebensmitteln nicht austricksen können. Aber die Tofu-Produktpalette ist riesig und für mich eine tolle Bereicherung.

Zum Abendessen mache ich mich daher auch gleich über die Soja-Wiener her und bin zuerst verwirrt: Die Haut ist so zäh, dass ich das erste Würstchen nur mit Mühe runterbekomme. Ein Blick auf die Verpackung. Hoppla, die nahezu unsichtbare Schutzhülle hätte man also vorher abfriemeln sollen. Anfängerfehler.

Die passieren mir nach nun zwei Monaten Vegetarismus nicht mehr und auch mein Verdauungstrakt hat mir den Würstchen-Fauxpas stillschweigend verziehen. Im Gegenteil: Mir geht es richtig gut. Obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich mich körperlich als Vegetarierin anders fühle. Ich habe weder abgenommen, noch bin ich merklich fitter geworden. Der Appetit auf Fleisch ist mir übrigens immer noch nicht vergangen. Ich freue mich schon, endlich wieder in ein saftiges Steak zu beißen. Trotzdem hat der Veggie-Test Spuren hinterlassen: Fleisch wird künftig etwas Besonderes sein. Und das darf dann auch einiges kosten.

Lesen Sie auch den vorangegangenen Beitrag der "Ausprobiert"-Kolumne: Mit dem E-Bike auf der Überholspur.

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