Bio boomt. Doch auf dem Weg zum Massenprodukt verliert sich leicht der ursprüngliche Biogedanke von artgerechter Haltung und gesunden Lebensmitteln. Kann sich der Verbraucher mit billigem Bio ein ruhiges Gewissen verschaffen oder handelt es sich um einen riesigen Nepp?

Fleisch, Eier, Milch von glücklichen Tieren und dann noch so gesund! Dieses Bild entspringt eher einer gelungenen Marketingstrategie als der Realität. Eine Meta-Analyse der Universität Stanford, die im Fachblatt "Annals of Internal Medicine" erschienen ist, überrascht mit ihren Ergebnissen: Demnach sind biologische Lebensmittel zwar weniger mit Pestiziden kontaminiert, weisen jedoch eine ähnliche Belastung mit Krankheitserregern auf und sind zudem nicht nährstoffreicher als konventionell erzeugte Produkte.

Auch in der Herstellung ähneln Bio-Produkte aus dem Supermarkt in erschreckender Weise der industriellen Massenware: Dreckige Ställe, kranke und tote Tiere, eingepfercht auf engstem Raum. Darf Bio so aussehen? Offenbar ja, wie eine ARD-Reportage am Montag enthüllte.

Schweine in Bio-Haltung: Bio-Haltung unterscheidet sich häufig nicht sichtbar zur industriellen Tierhaltung.

Ein Biobauer gestattete dem Medienteam einen Besuch auf seinem Hof, Tiere sah man jedoch keine. Der "freie Auslauf", mit dem Bio-Produkte so häufig beworben werden, kann nach Gutdünken der Bauern über längere Perioden ausgesetzt werden und findet ohnehin meist auf wenigen Quadratmetern statt. Die Ställe durften die Reporter nicht betreten geschweige denn filmen. Aufnahmen von "Die Tierfreunde e.V." auf verschiedenen Bio-Höfen zeigen da schon mehr. Und zwar, dass Bio nichts mit artgerechter Haltung zu tun haben muss: Dunkle Ställe, überall Dreck, Schweine mit verkotetem Hintern, tote und halbtote Hühner mit zerrupftem Gefieder und sichtbaren Verletzungen.

Doch wer glaubt, solche Bauern dürften sich nicht "Bio" nennen, irrt: Mit dieser Art der Tierhaltung verstoßen sie nicht gegen die EU-Biorichtlinien. Diese gewährleisten lediglich die geringsten Anforderungen im Biobereich - und die sehen eben nicht viel anders aus als bei industrieller Tierhaltung. "Tierquälerei und eine riesige Verbrauchertäuschung", meint Jürgen Foß, Mitglied von "Die Tierfreunde e.V.", gegenüber der ARD.

Der Einzug in die Discounter hat dem Biogedanken offenbar geschadet: Immer mehr Ware zu immer geringeren Preisen – schnell landet man da wieder im industriellen Herstellungskreislauf.

Doch es gibt sie: Bauern, die sich dem echten, ursprünglichen Biogedanken verschrieben haben. Ein Besuch der ARD-Reporter bei Karl Schweisfurth, dem Leiter der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, zeigt ein Bild, das viele Verbraucher im Kopf haben, wenn sie "Bio" hören: Tiere, die sich entspannt im Freien tummeln und denen man ihre Gesundheit ansieht. Das kostet: Ein Kilo Schweinefleisch, das im hauseigenen Verkauf vertrieben wird, ist rund 50 Prozent teurer als das Biofleisch im Supermarkt. "Man kann nicht so weit rationalisieren, dass es immer billiger wird und die Qualität, die Art der Tierhaltung dabei nicht leidet. Das hat nun mal seine Kosten", sagt Karl Schweisfurth.

Fazit: Wer sein Fleisch mit gutem Gewissen verzehren möchte, muss sich vom Gedanken an billige Bioprodukte wohl radikal verabschieden.