Mehr als jeder Dritte hat bereits eine oder mehrere Diäten hinter sich. Wir jagen einem Schönheitsideal nach, das für die Mehrheit unerreichbar scheint. Dabei hätten die Models von heute vor einigen Jahrhunderten statt Bewunderung vermutlich nur mitleidige Blicke geerntet.

Zum Anti-Diät-Tag unterhielten wir uns mit Martin Gründl, Diplom-Psychologe und Attraktivitätsforscher, über Schönheitsideale im Wandel der Zeiten und Kulturen.

In den 1950er Jahren galt sie als Schönheitsideal: Welche Chancen hätte Marilyn Monroe heute bei einer Show wie Germanys Next Topmodel?

Martin Gründl: Wir würden Marilyn Monroe bestimmt auch heute noch als eine schöne Frau bezeichnen. Das Gesicht spielt bei dieser Bewertung schließlich eine entscheidende Rolle. Aber mit einer Kleidergröße von – je nach Form – 38 bis 42, hatte sie eine Figur, die wir heute eher als "zu dick" empfinden. Als Topmodel hätte sie sicherlich keine Chance.

Umgekehrt: Wäre Kate Moss zur Zeit von Monroe genauso erfolgreich gewesen?

Wie kommt es zum Jojo-Effekt und wie kann ich ihn vermeiden?

Mit Sicherheit nicht. In den 1950er Jahren waren Kurven angesagt, die Sanduhrfigur galt als das Ideal. Erst mit den 1970er und 1980er Jahren setzte sich die Auffassung durch, dass eine attraktive Frau vor allem schlank sein muss.

Menschen, die sich heute als zu dick empfinden, wären zu einer anderen Zeit also zufriedener mit ihrer Figur?

Vermutlich. Was die Mehrheit bei einer Figur als schön empfindet, hat sich deutlich gewandelt. Das erkennen wir vor allem, wenn wir längere Zeiträume betrachten. Über Jahrhunderte galten Frauenkörper als schön – das sieht man ja auch in Gemälden der Alten Meister – die wir heute als zu dick bezeichnen würden.

Woran liegt das?

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Körpergewicht ist – wie übrigens auch die Hautfarbe – ein Merkmal, das offensichtlich einen Rückschluss auf den sozialen Status des Menschen zulässt. Früher konnten viele Menschen nicht essen bis sie satt sind und darüber hinaus. Nahrung war knapp und der Großteil der Bevölkerung schlank. Nur der Adel konnte es sich leisten, Fett anzusetzen. Deshalb galt eine molligere Figur als erstrebenswert. Heute ist es genau umkehrt: Nahrung ist im Überfluss da und Übergewicht ist statistisch gesehen sogar eher ein Problem in sozial schwachen Schichten. Vor allem in den USA ist dieser Zusammenhang klar nachweisbar.

In ärmeren Ländern gelten also nach wie vor andere Schönheitsideale?

Ja, das Schlankheitsideal lässt sich hauptsächlich auf Industrienationen begrenzen. Die Mehrzahl der Kulturen auf dieser Welt bevorzugen nach wie vor Frauen, die etwas fülliger aussehen. Aber auch hier lässt sich ein Wandel feststellen. Eine kleine Oberweite und ein großer Po galten in Südamerika lange als erstrebenswert. Zur Not half man chirurgisch nach. Doch langsam passt sich das dem US-amerikanischen Ideal an – daran haben sicherlich auch die Massenmedien ihren Anteil.

Wir haben über Frauen geredet – gibt es bei Männern keine Figurentrends?

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Durchaus, aber der Wandel ist nicht so stark. Männer galten vor einigen Jahrhunderten auch als attraktiv, wenn sie etwas korpulenter waren. Das hat sich ebenfalls geändert. Doch ein durchtrainierter, muskulöser Körper galt bereits in der Antike als schön – er zeichnete Sportler und Krieger aus. Dieses Ideal blieb. Allerdings – wenn man Frauen befragt, wünschen sie sich den männlichen Körper lange nicht so muskulös, wie Männer das oft denken.

Sie erwähnten zuvor, dass es auch bei der Hautfarbe einen Wandel gab.

Genau. Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitete früher auf dem Feld, war braungebrannt. Eine blasse Haut galt als vornehm. In den 1920er Jahren hat Coco Chanel noch für einen Skandal gesorgt, als sie braungebrannt aus dem Urlaub zurückkam. Das galt als vulgär. Heute sitzen alle im Büro und wer sich einen Urlaub leisten kann oder viel Sport im Freien macht, zeigt seine gebräunte Haut gerne. In Japan und Südostasien gilt eine helle Haut übrigens nach wie vor als vornehm. Im Sommer nutzen die Frauen Sunblocker, tragen Hüte und Sonnenschirme, um ihren hellen Teint zu bewahren.

Schönheit ist also immer relativ…

…zumindest was bestimmte Merkmale angeht. Doch zusammenfassend kann man sagen, dass wir alles, was auf Gesundheit und Jugend schließen lässt, als schön empfinden. Das wird sich auch nicht ändern – Falten werden nie ein Trend werden. Auch wenn es durchaus erstrebenswert wäre, etwas von diesem Jugendwahn wegzukommen.

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