Mehr als 4.000 Menschen sind bereits an Ebola gestorben. Bisher deutet nichts darauf hin, dass der Virus eingedämmt werden kann, Medikamente oder Impfstoffe gibt es nicht. Die Epidemie macht deutlich: Gegen manche Keime ist selbst der Mensch machtlos. Autor Bernd Neumann erklärt in seinem neuen Buch "Ebola und andere Killerkeime", warum die Bedrohung in unserer modernen Welt größer ist als je zuvor. Er selbst rechnet mit dem Schlimmsten: Einem "Apokalypse-Keim", der einen Großteil der Menschheit dahinraffen wird.

Seit Urzeiten haben wir mit Bakterien, Viren, Pilzen, also mit Keimen aller Art, zu tun. Allein die Pest tötete im Mittelalter geschätzte 25 Millionen Menschen. Zwar können wir heutzutage "gezielt Medikamente und Impfstoffe herstellen, die Bakterien töten (Antibiotika), die Vermehrung von Viren hemmen (Virostatika) und das Immunsystem fit gegen ganz bestimmte Viren machen (Impfstoffe)", schreibt Bernd Neumann. Trotzdem sind wir besonders gefährdet für tödliche Epidemien.

Unsere moderne Welt ist anfällig für Killer-Keime

Dass die Bedrohung durch Krankheitserreger nicht sinkt, sondern steigt, hat mehrere Gründe. Zum einen dringen Menschen immer weiter in die Tierwelt vor. Beispiele dafür sind die Rodung von Regenwäldern, der Konsum von Fleisch aus dem Urwald oder der Export von exotischen Tieren. Mikroben, die zuvor in einem geschlossenen Ökosystem zu finden waren, dringen so auch in die Menschenwelt ein.

Bernd Neumann: „Ebola und andere Killerkeime“, erschienen am 13.10.2014 im riva-Verlag.

Ein weiterer Faktor ist die Haltung von Nutztieren. Massentierhaltung gilt als Brutkasten für neue Krankheitserreger, schreibt Neumann. Durch den Kontakt zum Menschen werden diese Keime übertragen und breiten sich durch Verstädterung und zunehmende Mobilität der Menschen rasend schnell aus: "Durch den internationalen Flugverkehr gelangen Krankheitserreger in nicht einmal einem Tag um den gesamten Erdball."

Wir verfügen heutzutage zwar über etliche Wirkstoffe gegen Krankheiten. Doch diese versagen immer öfter. Infektionskrankheiten nehmen gefährlich zu, weil Keime Resistenzen gegen die eingesetzten Medikamente, zum Beispiel Antibiotika, entwickeln.

Auch der Klimawandel mit seinen milderen Temperaturen hat laut Neumann Auswirkungen auf die Verbreitung von Krankheitserregern.

Wir müssen mit dem "Apokalypse-Keim" rechnen

Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis ein Krankheitserreger die gesamte Menschheit bedroht? Ja, glaubt Neumann: Das Auftreten eines "Apokalypse-Keims", wie er ihn bezeichnet, hält der Autor für "sehr wahrscheinlich". Dieser Keim zeichnet sich durch fünf Eigenschaften aus:

  • Seine genaue molekularbiologische Beschaffenheit ist unbekannt oder hat sich genetisch verändert. Daher stehen keine Medikamente oder Impfstoffe zur Verfügung.
  • Er besitzt eine hohe Replikationsrate, sodass eine erkrankte Person mehrere weitere ansteckt. Der Keim breitet sich wie in einem Schneeballsystem aus.
  • Er ist hoch ansteckend. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, sich beim Kontakt mit einem Infizierten anzustecken, ist sehr hoch.
  • Er ist extrem tödlich: Die meisten Erkrankten sterben. Die Sterblichkeitsrate bei der Pest beispielsweise lag bei bis zu 100 Prozent. Doch auch Ebola ist mit einer Letalität von 50 bis 90 Prozent sehr gefährlich.
  • Er hat eine lange Inkubationszeit, das heißt, die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit ist lang. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, andere zu infizieren.

Behörden könnten versagen

3.842 Menschen erkrankten im Jahr 2011 nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) innerhalb kurzer Zeit in Deutschland an EHEC, 53 starben an den Folgen. Der Ausbruch, den mit Bakterien kontaminierte Sprossen auslösten, hat gezeigt, dass es um das deutsche Krisenmanagement bei Epidemien nicht gut bestellt ist:

Am 1.Mai 2011 infizierte sich der erste EHEC-Patient in Hamburg, danach wurden täglich Dutzende Kranke in Kliniken eingeliefert. Das RKI, Deutschlands oberste Seuchenschutzbehörde, erfuhr allerdings erst knapp drei Wochen nach Beginn der Seuche, wie ernst die Lage war. Danach dauerte es noch einmal fast zwei Wochen, bis am 3. Juni eine EHEC-Taskforce gegründet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der Neuerkrankungen bereits wieder abgeklungen. "Man mag sich gar nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn es sich um ein Killervirus gehandelt hätte, das hochansteckend und tödlich gewesen wäre", schreibt Neumann.

Auch eine Übung im Jahr 2007 vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit dem Namen LÜKEX - Länderübergreifende Krisenmanagementübung (EXercise) - verlief offenbar nicht zufriedenstellend. Zwar bekräftigte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Das Ergebnis der LÜKEX-Übung kann sich sehen lassen. Wir sind gut vorbereitet für einen größtmöglichen gesundheitlichen Schutz der Bürgerinnen und Bürger."

Doch ein Jahr später war der Abschlussbericht immer noch Verschlusssache. "Focus Online" zufolge, dem nach eigenen Angaben geheime Auswertungen der Übung vorlagen, ist im Abschlussbericht von "Schwachstellen", "Defiziten" und "Missverständnissen" die Rede.

Ebola zeigt, wie machtlos wir sind

Dass bei der Seuchenbekämpfung nicht alles ideal klappt, sieht man auch am diesjährigen Ebola-Ausbruch. Mehr als 4.000 Menschen sind seit Ende August gestorben, die Dunkelziffer liegt weit höher.

Patient Zero soll ein zweijähriges Kind in einem Dorf in Guinea gewesen sein. Es steckte seine Familie und eine Krankenschwester an. Letztere verbreitete den tödlichen Virus im Krankenhaus, schreibt Neumann: "Nach nur zwölf Wochen umfasste das Seuchengebiet mehrere Zehntausend Quadratkilometer." Und mittlerweile auch Europa.

Experten waren zu Beginn noch zuversichtlich, dass das Virus Europa nicht erreichen werde. Mittlerweile weiß man es besser: Eine Krankenschwester einer Madrider Klinik infizierte sich bei einem aus Westafrika eingeflogenen Ebola-Patienten, der schließlich an der Krankheit starb. Weitere Fälle in anderen europäischen Ländern drohen. Nicht nur in Westafrika, sondern auch bei uns ist man machtlos gegen das Fieber: Noch immer gibt es keine Impfungen und Medikamente.

Selbst wenn es gelingt, Ebola einzudämmen, steigt die Bedrohung durch andere Keime wie Influenza, EHEC, Vogelgrippe oder gänzlich unbekannte Erreger weiter an. Es ist nur eine Frage der Zeit, davon ist Neumann überzeugt, bis der "Apokalypse-Keim" die Menschheit heimsucht.