Der Verzicht auf tierische Produkte ist nicht nur gesund, sondern auch besser für die Umwelt – so das Credo vieler Veganer. Aber ist das wahr? Welche Ernährung beschert uns tatsächlich ein reines Gewissen?

Veganer wollen kein Blut sehen – meistens jedenfalls. Bei Felix Olschewski würden einige vielleicht eine Ausnahme machen. Denn der Blogger hatte auf seiner Seite urgeschmack.de die provokante These aufgestellt: Verursachen Veganer mehr Blutvergießen als Fleischesser? Die Argumente: Monokulturen wie zum Beispiel Soja rauben Lebensraum, bei der Ernte gibt es Kollateralschäden wie den Tod von Kleintieren.

Ein Shitstorm prasselte auf den Blogger ein und zeigte deutlich: Wenn sich Fleischesser und Veganer gegenüberstehen, ist die Diskussion mehr als erhitzt. Abgesehen von den körperlichen Auswirkungen der jeweiligen Ernährungsweisen beanspruchen beide Seiten für sich, aus ethisch-moralischen sowie umweltspezifischen Aspekten richtig zu handeln.

Löst vegane Ernährung das weltweite Hungerproblem?

"Von den 11,9 Millionen Hektar Ackerland in Deutschland werden etwa 5,3 Millionen Hektar zur Futtererzeugung verwendet", erklärt der Deutsche Bauernverband in seinem Situationsbericht 2013/2014. Etwa die Hälfte der hiesigen Ackerflächen wird also zur Ernährung der Tiere genutzt. Problematisch, sagen die Befürworter der veganen Ernährung. Denn dabei gibt es den sogenannten Veredelungsverlust zu beklagen.

Komplettverzicht auf tierische Produkte bekommt tatsächlich nicht jedem.

"Für die Produktion von Fleisch und Milch wird mehr Soja und Getreide gebraucht als für die Produktion pflanzlicher Alternativen", erklärt Rieke Petter von der Albert-Schweitzer-Stiftung. "Die Tiere wandeln nur einen Bruchteil der ihnen zugeführten Kalorien und Nährstoffe in Fleisch und Milch um. Den Rest verwenden sie für den Skelettaufbau, die Körperfunktionen und so weiter." Als Rechenbeispiel: Um ein Kilo Schweinefleisch zu produzieren, werden fünf Kilo Futter benötigt – Nahrung, die theoretisch auch viele hungernde Menschen ernähren könnte.

"Der Anteil der hungernden und mangelernährten Menschen geht weltweit laut Welternährungsorganisation (FAO) zurück", erklärt hingegen der Bauernverband. "Wesentlicher Grund dafür ist eine effizientere und besser betriebene Landwirtschaft in den Entwicklungsländern." Der Albert-Schweitzer-Stiftung als Befürworter des Veganismus reicht eine effiziente Landwirtschaft allein aber nicht: Durch einen gänzlichen Verzicht auf Fleisch würde mehr pflanzliche Nahrung für Menschen zur Verfügung stehen.

Massentierhaltung versus Weidehaltung

Ein Kompromiss, den auch der eingangs beschriebene Blogger Felix Olschewski anführt, wäre die Fleischproduktion aus Weidehaltung – denn Massentierhaltung und damit eine Verschwendung von Nahrung in Form von Mastfutter hält auch er für "indiskutabel". Durch den Verzehr von Weidegras würden Tiere aber in keiner Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehen.

"Das ist zwar richtig", räumt Rieke Petter ein. "Aber es werden mehrere Aspekte ignoriert: Neben der Tötungsfrage wird auch ausgeklammert, dass sich durch Weidetiere nur kleine Mengen Fleisch und Milch produzieren lassen. Der weltweite Konsum dieser Produkte beträgt derzeit aber ein Vielfaches dessen, was durch Weidetiere produziert werden kann." Folglich müssten also zahlreiche Menschen auf ihren bisher hohen Fleischkonsum verzichten – denn nach dem Deutschen Fleischatlas werden allein hierzulande jährlich 58 Millionen Schweine, 630 Millionen Hühner und 3,2 Millionen Rinder geschlachtet. Der Gesundheit käme ein geringerer Fleischverzehr allerdings zugute. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch oder Wurst wöchentlich zu verzehren.

Ist Veganismus tatsächlich besser für die Umwelt?

Veganer argumentieren ja oft, ihre Ernährungsweise sei insgesamt besser für Umwelt und Klima. Und tatsächlich gibt es Studien, die das belegen: Nach Angaben der FAO (Food and Agriculture Organization der UN) werden durch die Produktion von Fleisch, Milchprodukten und Eiern mehr Treibhausgase ausgestoßen als durch den weltweiten Verkehr.

"Auch gelangen im Rahmen der industriellen Tierhaltung beispielsweise Stickstoff, Nitrat und Phosphor in die Böden und ins Grundwasser und in in Küstennähen Regionen auch ins Meer, wo sie zu Artensterben führen", argumentiert Rieke Petter von der Albert-Schweitzer-Stiftung. "Schließlich werden für die Gewinnung von Weideflächen und die Schaffung von Anbauflächen für Tierfutter riesige Waldareale gerodet, deren Erhalt für das Weltklima enorm wichtig ist."

Das Argument, Veganer würden teure und aufwändige Importe von Obst und Gemüse steigern, lässt die Expertin nicht gelten. "Viele Produzenten von Fleischalternativen verwenden nur Soja aus nachhaltigem, europäischem Anbau, sodass für dieses kein Regenwald gefährdet wird. Massen-Importe von Obst und Gemüse können durch den Verzehr von saisonalen, regional angebauten Produkten vermieden werden."

Fazit: Fleischkonsum muss bewusster werden

Im großen Fleischatlas der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung wird ein wichtiges Fazit gezogen: "Fleischkonsum muss kein Klima- und Umweltkiller sein. Im Gegenteil. Wenn Tiere auf Weiden artgerecht und in passender Zahl gehalten werden, kann das sogar vorteilhaft für Klima und Umwelt sein." Die Voraussetzung hierfür wäre ein Umdenken bei den Verbrauchern – weg vom billigen, massenhaften Fleischkonsum und hin zu regionalen und saisonalen Produkten.

Und der Wandel ist möglich, zumindest in Deutschland. Dies belegt der Fleischatlas auch. "Entgegen der Behauptung, dass sich die Gewohnheiten beim Fleischkonsum nicht ändern werden, gibt es inzwischen viele Menschen, die es nicht als Verzicht empfinden, kein oder wenig Fleisch zu essen, und die eine gesunde Ernährung und einen verantwortungsvollen Konsum als modernen Lebensstil empfinden."