Weiterhin kommen Zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland. Die Zustände an der deutsch-österreichischen Grenze sind teils extrem chaotisch. Nun werden Sorgen laut, dass die Asylsuchenden Infektionskrankheiten mitbringen könnten. Was ist an diesen Befürchtungen dran? Wir haben nachgefragt.

Deutschland diskutiert, verhandelt und streitet über die Flüchtlingskrise. Während Bund, Länder und Europäische Union (EU) nach einer Lösung suchen, kommen weiter Zehntausende Flüchtlinge nach Österreich und Deutschland. Eifrig wird dabei Verantwortung weitergereicht. Bayern wirft Österreich vor, die aus Slowenien kommenden Flüchtlinge einfach weiterzuleiten. Die Regierung in Wien fordert umgekehrt von Deutschland, mehr Hilfsbedürftige aufzunehmen.

Flüchtlinge bringen keine ansteckenden Krankheiten mit

De Maizière: Anzahl der afghanischen Asylbewerber inakzeptabel.

Es ist schwer, dabei den Überblick zu behalten. Das gilt vor allem für Bundespolizisten und Helfer des Roten Kreuzes oder diverser Flüchtlingsorganisationen vor Ort. Wiederholt ist von Ängsten zu hören oder zu lesen, dass mit den Flüchtlingen angeblich Krankheiten wie Tuberkulose über die Grenze kämen. Ist das gerechtfertigt? Nein, so das Robert-Koch-Institut (RKI) auf Nachfrage unserer Redaktion. Das RKI ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -vorbeugung. Und just jenes Bundesinstitut schätzt die Möglichkeit "des Imports von hierzulande seltenen Infektionskrankheiten durch Asylsuchende aktuell als gering ein".

Asylsuchende sind grundsätzlich durch die gleichen Infektionskrankheiten gefährdet wie die ansässige Bevölkerung, heißt es in einem eigens erarbeiteten Frage-Antwort-Katalog auf der Homepage des RKI. Asylsuchende, ergo auch Flüchtlinge, seien aber empfänglicher gegenüber Infektionen. Das habe verschiedene Gründe: die anstrengende Reise, ein oft fehlender Impfschutz oder die Enge in vielen Aufnahmeeinrichtungen. Daraus folgt: Die Gefahr für Flüchtlinge, sich mit Infektionskrankheiten hierzulande anzustecken, ist viel größer als jene, dass diese durch die Asylsuchenden mitgebracht werden.

Lage an Österreichs Grenze spitzt sich zu. Dramatischer Appell.

Das RKI verweist auf jahrelang erhobene Meldedaten aus Aufnahmeeinrichtungen, wonach sich über 90 Prozent der Erkrankten erst in Deutschland angesteckt haben. Das Institut fasst zusammen: "Die Asylsuchenden sind eher eine gefährdete Gruppe als eine Gruppe, von der für andere eine Gefahr ausgeht." Für die Allgemeinbevölkerung gebe es deshalb keine erhöhte Infektionsgefahr. Gleichzeitig versucht das Bundesinstitut in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesundheit vorzubeugen – und gab deshalb Empfehlungen für die Helfer heraus. Komme es in Flüchtlingsunterkünften zu Ausbrüchen, sei erste Priorität, die Infektionsquelle zu ermitteln, zu behandeln sowie Kontrolle und Hygienemaßnahmen anzupassen.

Impfschutz ist wichtig

Von Ausbrüchen ist bisher nichts bekannt. Dennoch oder gerade deshalb sei Vorsicht geboten, heißt es. Die sogenannte Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt je nach Alter der Asylsuchenden Schutzimpfungen gegen Tetanus, Keuchhusten, Diphtherie, Kinderlähmung, Hepatitis B, Masern, Mumps, Röteln und bei Schwangeren gegen Influenza. Da genannte Erkrankungen meist nur bei engem Kontakt übertragbar sind, sollen auch die Helfer Impfungen dagegen vorweisen oder gegebenenfalls nachholen. So hofft die Politik, eventuelle Gefahren kleinzuhalten. Das Vorurteil, dass Flüchtlinge eine Gesundheitsgefahr seien, ist nach Angaben des RKI aber entkräftet.