Erneut schlechte Noten für die Lebensmittelüberwachung in Deutschland: Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat die Lebensmittelkontrollen als ineffektiv kritisiert. Verbraucher kämen zudem kaum an Informationen.

Berlin (dpa) - Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat erneut die Lebensmittelüberwachung in Deutschland kritisiert. Die derzeitigen Lebensmittelkontrollen reichten nicht aus und Informationen über Beanstandungen seien für Bürger kaum zu bekommen, heißt es in einem Bericht, den die Organisation am Donnerstag in Berlin vorstellte.

"Die Politik schützt die Schmuddelbetriebe besser als die Verbraucher", sagte Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Seit Jahren werde in Deutschland bei Kontrollen jeder vierte Lebensmittelbetrieb und fast jede fünfte Fleischprobe beanstandet, ohne dass Verbraucher die Namen von Unternehmen und Produkten erfahren würden. Stattdessen gebe es im Ringen um ein bundesweit einheitliches Gesetz ein "Zuständigkeits-Ping-Pong" zwischen Bund und Ländern.

Darüberhinaus funktioniere das neue Verbraucherinformationsgesetz kaum: Von 54 Anfragen zu Ergebnissen und Beanstandungen, die Foodwatch in Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gestellt hatte, seien nur sieben komplett und kostenfrei beantwortet worden. Stattdessen machten einzelne Behörden immense Aufwandsentschädigungen geltend. "Hätten wir alle Anträge vollständig weiterverfolgt, hätte das zusammen genommen etwa 174 000 Euro gekostet", heißt es in dem Bericht.

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Frechste Werbelüge gewählt

Jedes Jahr zeichnet die Verbraucherorganisation Foodwatch Produkte, die mit falschen Versprechungen werben, mit dem Goldenen Windbeutel aus. Die Verbraucher haben abgestimmt. Den "Goldenen Windbeutel" 2012 geht an Capri Sonne.

Auch mit der gesetzlich vorgeschriebenen Veröffentlichung von Grenzwertüberschreitungen bei Schadstoffen und Verstößen über der Bußgeldgrenze von 350 Euro sei es nicht weit her: Fast alle Bundesländer haben die Veröffentlichungen wegen zahlreicher Klagen aus der Wirtschaft ausgesetzt. Auch seien die Infos im Internet für Bürger kaum aufzufinden.

Verbraucher bleiben auf der Strecke

Verbraucher erfahren allenfalls bei großen Lebensmittelskandalen, welches Unternehmen betroffen ist - und das oft auch erst im Nachhinein, wenn die Ware längst gegessen oder vom Markt genommen ist. Die Regel ist, dass Beanstandungen bei Lebensmittelkontrollen nicht namentlich bekanntwerden, so der Vorwurf von Foodwatch. Auffälligkeiten bei den Kontrollen würden im Jahresbericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ohne Namen des beanstandeten Betriebs oder Herstellers veröffentlicht, beklagt die Organisation. Entsprechend wenig könne gegen schlechte Hygiene und Verstöße bei der Deklaration erreicht werden. Anfragen im Rahmen des Verbraucherinformationsgesetzes (VIG) "sind in der Regel langwierig und kompliziert, drohende hohe Gebühren wirken abschreckend", kritisiert Foodwatch.

Aktuell bekanntgewordene Gesundheitsgefahren durch Lebensmittel veröffentlichen die Bundesländer oder das BVL derzeit auf der Seite lebensmittelwarnung.de. Gewarnt wird dort zum Beispiel, wenn ein Carpaccio mit Keimen verunreinigt ist oder Glasstücke in Brötchen gelandet sind. Sich selbst an dieses Portal wenden können Verbraucher aber nicht.

Wer den Verdacht hat, dass ein Lebensmittel nicht in Ordnung ist, sollte sich an die örtliche Lebensmittelüberwachungsbehörde wenden. Das ist laut BVL je nach Bundesland etwa das Veterinäramt oder das Amt für Lebensmittelüberwachung. Dort können Verbraucher auch nach Gesundheitsgefahren fragen.

Verbraucher, die allgemeine Fragen zu Lebensmitteln und deren Verpackung haben, können sich telefonisch oder schriftlich beim "Verbraucherlotsen" erkundigen. Der Service wird von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums betrieben und beantwortet zum Beispiel die Frage, woran sich eine Mogelpackung erkennen lässt.

Wer sich durch die Aufmachung oder Kennzeichnung eines Lebensmittels getäuscht fühlt, kann das Produkt über ein Onlineformular auf dem Portal lebensmittelklarheit.de melden. Betrieben wird die Seite vom den Verbraucherzentralen und deren Bundesverband vzbv. Die Verbraucherschützer prüfen die Meldung und bitten den Hersteller um Stellungnahme, der dazu sieben Tage Zeit hat. Danach wird die Meldung mit einer Einschätzung der Lebensmittelexperten und der Stellungnahme des Herstellers veröffentlicht und wenn nötig aktualisiert.

Auf lebensmittelklarheit.de können Verbraucher auch nachsehen, ob es bereits Beschwerden zu einem bestimmten oder ähnlichen Produkt gab, erläutert Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen. Konkrete Fragen könnten sie auch an ein Expertenforum richten.

Wer etwas an der Füllmenge eines Produkts zu bemängeln hat, wendet sich am besten direkt an das für seine Region zuständige Eichamt. Denn die Füllmenge muss dem Portal lebensmittelklarheit.de zufolge labortechnisch überprüft werden, und das ist Aufgabe der Behörde. Eine Übersicht der Standorte findet sich unter eichamt.de.
© dpa