Es ist ein Hype: Viele Menschen ernähren sich glutenfrei, ohne dass sie es müssten. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland vermutlich eine große Dunkelziffer bei der Glutenunverträglichkeit - also Betroffene, die gar nicht wissen, woran sie leiden.

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"Ist das Essen glutenfrei?" Wer die Frage in Restaurants stellt, hat inzwischen deutlich bessere Chancen auf eine hilfreiche Antwort als noch vor wenigen Jahren. Und in den Supermärkten ist das Angebot der glutenfreien Produkte deutlich gewachsen.

Der Trend lenkt das Augenmerk vermehrt auf eine lange recht unbekannte Krankheit: die Zöliakie. Betroffene vertragen das Eiweiß Gluten nicht, das in Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel und weiteren Getreiden vorkommt. Verzehren sie glutenhaltige Speisen, leiden sie oft unter Übelkeit, Durchfall und Blähungen.

Müdigkeit kann Anzeichen sein

Doch die Krankheit kann sich auch durch Müdigkeit, Depressionen oder Schlafstörungen bemerkbar machen. Weil sich bei der Zöliakie der Dünndarm dauerhaft entzündet, werden Nährstoffe nicht mehr im normalen Maß vom Körper aufgenommen, es kann zu Mangelerscheinungen kommen.

Auch Pasta und regionale Produkte gehören zu den Favoriten.

Die Therapie ist simpel, aber einschränkend: Gluten meiden. Das heißt unter anderem: kein Weizenbrötchen, kein Roggenbrot, keine Nudeln aus Hartweizengrieß, kein paniertes Fleisch, keine Pizza, keine Knödel, kein Bier. "Hafer ist dagegen in Ordnung", sagt Andreas Stallmach von der Universität Jena, der die aktuelle Leitlinie zur Diagnose und Therapie der Zöliakie mit erstellt hat.

Wenig Betroffene in Deutschland

In Deutschland leben aktuell etwa 3 von 1000 Menschen mit der Diagnose - im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Zahl auffällig klein, wo eher 9 von 1000 betroffen sind. Experten sind deshalb schon länger von einer hohen Dunkelziffer in Deutschland ausgegangen.

Dies legt auch eine aktuelle Studie nahe. Ein Team um Martin Laass von der TU Dresden berichtet im "Ärzteblatt", dass Antikörper-Werte im Blut bei 0,8 Prozent von rund 12.000 untersuchten Kindern und Jugendlichen auf eine Zöliakie deuten. Erhalten hatten die Diagnose nur 0,07 Prozent. "Auf neun Kinder mit bereits bekannter Zöliakie kommen potenziell 97 neu identifizierte Kinder", schreiben die Forscher. Mit der Einschränkung, dass sie sich allein auf Blutwerte verlassen mussten. In der Praxis sind eigentlich Darmbiopsien notwendig, um die Diagnose abzusichern. Es ist also zu vermuten, dass die Zahl der jungen Zöliakie-Patienten in der Studie etwas überschätzt wurde. Doch selbst wenn man das bedenkt, bleibt die Diskrepanz zwischen entdeckten und unerkannten Fällen deutlich.

Zahl der Diagnosen steigt

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Insgesamt wird die Krankheit heute aber häufiger diagnostiziert als noch vor wenigen Jahren. "Das liegt zum einen sicher daran, dass die Krankheit bekannter geworden ist", sagt Stallmach. Ärzte denken eher daran, dass eine Zöliakie die Beschwerden auslösen könnte. Oder oft von Bauchweh Geplagte fragen selbst beim Mediziner nach den entsprechenden Tests. Wird häufiger nach einer Krankheit gesucht, wird sie auch häufiger entdeckt - die Dunkelziffer sinkt.

Laut Stallmach können Veränderungen im Lebensstil in den vergangenen Jahrzehnten auch eine Rolle spielen - darunter ein Anstieg des Weizenkonsums. Das würde bedeuten: Es gibt nicht nur weniger unentdeckte Fälle, sondern Zöliakie tritt tatsächlich häufiger auf.

Dass die Zahl der Diagnosen steigt, bestätigt auch eine kleine Untersuchung der privaten Krankenversicherung DKV, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Versicherung hat ermittelt, wie oft Patienten in den Jahren 2010 bis 2014 Rezepte eingereicht haben, auf denen die Diagnose vermerkt war. Waren es 2010 noch 1462 Versicherte, stieg die Zahl kontinuierlich an - bis zu 2276 im Jahr 2014. Die Gesamtzahl der Versicherten ist in diesem Zeitraum leicht gesunken.

Positiver Trend erkannt

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Die Versicherung sieht den Trend positiv. "Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass viele Menschen eine Glutenunverträglichkeit haben und nichts davon wissen", sagt Wolfgang Reuter von der DKV. Steigende Diagnosezahlen hießen: "Mehr Menschen können von einer glutenfreien Diät profitieren - Menschen, die vorher vielleicht Beschwerden hatten und nicht wussten, warum."

Wie kann es eigentlich dazu kommen, dass die Krankheit unerkannt bleibt, wenn sie mit akuten Beschwerden - von Durchfall bis Depression - einhergeht? Zum einen kann es lange dauern, bis ein Arzt die richtige Diagnose stellt. Betroffene müssen sich etwa mit der Angabe, sie hätten einen Reizdarm, zufriedengeben. Zum anderen zeigen nicht alle Zöliakie-Patienten Symptome, bei manchen verläuft die Erkrankung nahezu unauffällig.

Ob diese Menschen einen Vorteil davon haben, auf Gluten zu verzichten, ist noch nicht abschließend geklärt. Ein durch die Krankheit ausgelöster, lange bestehender Nährstoffmangel könne aber zum Beispiel den Knochenschwund im Alter beschleunigen, sagt Stallmach. Zudem hätten Betroffene ein gering erhöhtes Risiko, ein Lymphom (Krebs) im Darm zu entwickeln.

Was tun beim Verdacht?

Händetrockner sind Bakterienschleudern - und nicht die einzigen.

Zöliakie ist nicht die einzige Krankheit, bei der Getreide, insbesondere Weizen, Probleme bereiten kann. Dazu kommt die Weizenallergie, die sich unter anderem durch Ausschläge, juckende Augen oder Schwellungen im Mundraum bemerkbar machen kann. Und die noch sehr sperrig benannte "Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität": Betroffene haben im Zusammenhang mit Weizenkonsum ähnliche Symptome wie Zöliakie-Patienten. Blutwerte und Biopsien zeigen jedoch, dass weder diese Krankheit, noch eine Weizenallergie vorliegen. Noch gibt es keinen Test, mit dem sich dieses Leiden eindeutig identifizieren lässt - möglicherweise stecken verschiedene Ursachen dahinter.

Wer vermutet, dass er unter Zöliakie leidet, dem rät Stallmach dringend, mit einem Arzt zu sprechen und einen Antikörper-Test durchführen zu lassen, anstatt sofort dauerhaft auf glutenhaltige Lebensmittel zu verzichten. Denn der Nachweis der Krankheit ist nach längerem Glutenverzicht schwierig.

Und: Wer sich nach einer abrupten Ernährungsumstellung plötzlich besser fühlt, beweist damit nicht zwingend, dass ihm Gluten geschadet haben. Der bewusstere Umgang mit dem Essen, eine veränderte Auswahl der Speisen und das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun, können ebenso hinter dem Wohlgefühl stecken. Anders formuliert: Solche Diäten haben einen Placebo-Effekt.© SPIEGEL ONLINE