Münster (dpa) - Die niedrigen Grippe-Impfraten in Deutschland sind für Stephan Ludwig ein Erziehungs- und Aufklärungsproblem. Im Interview erklärt der Virologe, warum die Bundesrepublik beim Impfen immer noch in Ost und West geteilt ist.

Wann werden Grippe-Viren ausgerottet sein?

Ludwig: Nie. Was bei Pocken funktioniert hat, ist bei Grippe-Viren nicht möglich. Sie gelten als nicht ausrottbar, denn sie haben weltweit als Lebensgrundlage ein großes Reservoir in wildlebenden Wasservögeln.

An was wird denn dann geforscht?

Ludwig: Durch Mutationen gibt es immer wieder neue Erreger, wie jetzt aktuell das sehr gefährliche Virus vom Subtyp H7N9, das in Asien aufgetaucht ist. Dieses Virus ist ähnlich gefährlich wie der als Vogelgrippe 2006 bekanntgewordenen H5N1-Erreger.

Bei Mutationen können die Forscher also immer nur reagieren?

Ludwig: Um eben nicht mehr nur reagieren zu müssen, vollzieht die Forschung gerade einen Paradigmenwechsel. Bislang wurden Grippeviren durch Mutationen sehr schnell resistent gegen die am Virus angreifenden Grippemedikamente. Jetzt versuchen wir einen anderen Weg. Wir schauen uns an, in welchem Umfeld das Virus lebt. Anders als Bakterien ist das Grippevirus auf das Umfeld einer menschlichen Zelle angewiesen. Unser Ansatz ist, Teile der Zelle zu nutzen, um dem Virus keine Lebensgrundlage zu bieten. Dabei sollte die Zelle natürlich selbst nicht geschädigt werden.

Wie weit sind Sie bei der Forschung?

Ludwig: Wir sind mit einem ersten Wirkstoff bei den klinischen Studien in der Phase II, bis zur Marktreife aber dauert es noch einige Jahre.

Was machen Grippe-Kranke generell falsch?

Ludwig: Sie sollten auf jeden Fall zum Arzt gehen und sich richtig auskurieren. Wer zum Beispiel zu früh wieder arbeitet, riskiert, sich Komplikationen wie eine Lungen-Entzündung oder einen entzündeten Herzmuskel einzufangen. Viele der Grippe-Toten sterben nicht direkt durch das Virus, sondern an Folgeerkrankungen.

Und wer zu früh wieder unter die Leute geht, steckt andere an?

Ludwig: Nein, das ist nicht das Problem. Die hochansteckende Phase haben Patienten, kurz bevor sie bei sich die Grippe-Symptome bemerken.

Und wie weiß ich, ob es nur ein grippaler Infekt ist oder eine richtige Grippe?

Ludwig: Wer sich nicht nur einen Schnupfen eingefangen hat, sondern schlimme Grippe-Symptome verspürt, stellt diese Frage nicht. Der weiß sofort Bescheid.

Und trotzdem gibt es in Deutschland viele Impfkritiker. Zu Recht?

Ludwig: Nein. Impfungen sind eine der größten Errungenschaften der Medizinischen Forschung des letzten Jahrhunderts und die Grippeimpfung ist effektiv, sicher und immer noch die beste Möglichkeit, sich vor einer Grippeinfektion zu schützen. Und dies gilt nicht nur für die Risikogruppen.

Dennoch ist die Impfrate in Deutschland niedrig.

Ludwig: Sie liegt bei 40 bis 45 Prozent, weit entfernt von der von der Weltgesundheitsorganisation angestrebten Rate von 75 Prozent. Die Niederlande erreichen das locker. Auch gibt es klare Unterschiede zwischen Ost und West in Deutschland. Selbst in Berlin lässt sich dieser Unterschied am ehemaligen Mauerverlauf erkennen. Diese Zahlen sagen, dass das Problem der niedrigen Impfraten keine medizinische Begründung hat, sondern ein Erziehungs- und Aufklärungsproblem ist.

Warum kommen die Grippenwellen immer im Herbst und Winter?

Ludwig: Das trifft so ja nur auf Europa zu. In Asien tritt die Grippe durchgehend auf. Deshalb gibt es für den Zeitpunkt in Europa nur Vermutungen, aber keine durch Studien belegten Fakten. Wir gehen davon aus, dass wir bei kühlem Wetter anfälliger für Infektionen sind. Und wir bewegen uns im Herbst und Winter öfter in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen auf engem Raum. Da steigt dann die Ansteckungsgefahr.

Zur Person

Prof. Dr. Stephan Ludwig, geboren 1962 in Gießen, forscht als Molekularbiologe und Virologe an der Uni Münster. Seit 2008 ist er Sprecher und Koordinator eines vom Forschungsministerium des Bundes geförderten Verbundes zur Influenzaforschung.© dpa