Lügen und Täuschung sind weit verbreitet in der Welt – auch unter Kindern. Allerdings meinte schon der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert, dass Kinder natürlicherweise gut seien und ihre Lügen nur aus den harschen Lebensbedingungen erwüchsen, die ihnen Erwachsene auferlegen. Die moderne Psychologie liefert jetzt Beweise für diese Annahme. Drei- und Vierjährige, die unter einem Regiment harter Disziplin groß werden, lügen deutlich öfter als Gleichaltrige, die vergleichsweise moderat erzogen werden, berichten Victoria Talwar von der McGill University und Kang Lee von der University of Toronto in Kanada.
Für ihre Studie untersuchten die Psychologen 84 Mädchen und Jungen aus zwei Privatschulen eines westafrikanischen Landes. In einer (Schule 1 genannt) werden die Kinder noch heute nach einer Tradition gezüchtigt, die europäische Missionare ins Land brachten – mit Ohrfeigen, Kneifen und Schlägen (in öffentlichen Schulen sind derlei Gepflogenheiten, so heißt es in der Studie, inzwischen verboten). In Schule 2 strafen die Lehrer ihre Zöglinge, indem sie sie beschimpfen oder diese vor dem Rektor "antreten" müssen. Die Kinder aus beiden Schulen wurden dann einem Lügenexperiment ausgesetzt.
Dabei geht es darum, dass ein Erwachsener einem Kind in einem Raum verbietet, ein hinter ihm liegendes Spielzeug anzuschauen, nachdem er das Zimmer verlassen hat. Der hohen Versuchung geschuldet, riskieren viele Kinder nach bisherigen Erfahrungen in westlichen Ländern trotzdem einen Blick. Später werden die Mädchen und Jungen gefragt, ob sie sich an das Verbot gehalten haben. Auch über 80 Prozent der kleinen westafrikanischen Pro-banden widerstanden ihrer Neugier nicht. Aber: Nur die Hälfte dieser Kinder aus Schule 2 tischte dem ebenfalls ein-heimischen Versuchsleiter eine Lügengeschichte auf. Bei den Mädchen und Jungen aus Schule 1 waren es fast alle. Nicht minder interessant: Als der Versuchsleiter nachhakte und bohrende Fragen stellte, waren die Schwindler aus Schule 1 deutlich besser in der Lage, ihre unwahren Angaben zu recht-fertigen und zu kaschieren: Sie plapperten die korrekte Bezeichnung des Spielzeugs nicht einfach aus – so wie das die meisten Kinder aus Schule 2 taten.
Die Resultate besagen nicht nur, dass eine autoritäre Umgebung Kinder zu Unehrlichkeit verleitet, sondern dass sie auch noch ihre Fähigkeiten schärft, besonders versiert zu schwindeln. Die Drei- bis Vierjährigen aus Schule 1 konnten so überzeugend lügen wie sonst nur Sechsjährige, die in etlichen entsprechenden Studien mit dem gleichen Experiment in westlichen Ländern getestet wurden. Die unter harter Disziplin aufwachsenden Kinder, vermuten Victoria Tal-war und Kang Lee, hätten vermutlich gelernt, dass sie nichts zu verlieren haben – selbst wenn ihre Lügen entlarvt würden. Lee rät deshalb auch Eltern in unseren Breiten, auf Lügen ihrer Sprösslinge moderat zu reagieren. Harte Bestrafungen jedenfalls verfehlten ihr Ziel komplett.
Von Klaus Wilhelm
Quelle: Victoria Talwar, Kang Lee: A punitive environment fosters children’s dishonesty. Child Development, 82/6, 2011, 1751–1758
Erschienen in PSYCHOLOGIE HEUTE Juli 2012. Den kompletten Artikel finden Sie auf psychologie-heute.de.
16 Meinungen zu "Harte Erziehung, lügende Kids"
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Mimi44
Donnerstag, 24.01.2013, 16:45 Uhr Ich frage mich in welcher Weise diese Studie representativ ist ? Da werden zwei Schulen in einem Land mit zusammen 84 Kindern getestet aber das soll dann für die ganze Welt gelten ? Gut zu wissen. -
lotteisttot
Donnerstag, 19.07.2012, 11:38 Uhr tschuldigung an alle korrekturleser: da ist mir ein bisschen das deutsch durcheinander geraten. es soll natürlich heissen : ich gehe mit, wenn man fordert " keine schläge " ! -
lotteisttot
Donnerstag, 19.07.2012, 11:35 Uhr also ich kann nur sagen, dass ich zu 99,6% immer die wahrheit sage ( macht man sich nur freunde damit ) - und ich hatte auch eine autoritäre erziehung. ich arbeite heute in der berufsausbildung in berlin - ganz ehrlich, nicht allen jugendlichen, aber der mehrheit hätte ne autoritäre erziehung gut getan. aber heutzutage muss ja alles spass machen. was keinen spass macht - da kann ja der kleine in seiner entwicklung eingeschränkt werden. wir leben in einer leistungsgesellschaft - und der einzige bereich, wo keine leistung gefordert wird ( zumindest in berlin ) ist die schule. dann kommen die jungen menschen in den job. und sind ganz baff, dass man auch mal 4 stunden am stück arbeiten muss. ich gehe mit, wenn man fordert keine schläge. aber autoritäre erziehung is in ordnung. und meine kinder erziehe ich autoritär. ich liebe meine kinder über alles, aber trotzdem bin ich ( zumindest solange, wie sie noch klein sind ) der bestimmer. zumal ich jeden tag erlebe, wie das ergebnis der kuschelpädagogik in der realität aussieht. -
Banoy
Mittwoch, 27.06.2012, 10:10 Uhr Schläge sind kein Erziehungsmittel, sondern Ausdruck eigener Überforderung, Hilflosigkeit, Wut. Schläge sind zutiefst demütigend für das Kind, es fühlt sich hilf- und schutzlos, und das vermittelt durch die Personen, von deren Zuwendung seine Existenz abhängt. Was soll ein Kind denn durch Schläge lernen? Doch nur, wie schrecklich es ist, machtlos zu sein, und dass es überlebenswichtig ist, Macht über andere Menschen zu gewinnen und zu behalten. Narürlich kann es diese Erfahrung auch ohne Schläge machen, aber schädlich ist es in jedem Fall. Schläge führen nicht dazu, dass notwendige Grenzen vom Kind respektiert und eingehalten werden, sondern nur, dass es zum Lügner und "Heimlichtuer" erzogen wird. Oberflächlich passt es sich an, aber nicht aus Überzeugung oder dem Wunsch zu kooperieren, sondern aus Angst vor Bestrafung. Das kann natürlich für die Eltern sehr praktisch sein, bis irgendwann mal die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Der Umgang mit Kindern führt einen nicht selten an die eigenen Grenzen, und ich habe Verständnis für jeden, der in einer angespannten Situation sein Kind etwas "härter anpackt" als er es eigentlich wollte. Aber man sollte für dieses Verhalten keine billige Rechtfertigung suchen, sondern sich dafür entschuldigen und dazu stehen, dass es schlichtweg falsch ist. -
Micorina
Mittwoch, 20.06.2012, 16:55 Uhr wer Respekt hat vor seinen Kindern hat, der kriegt auch Respekt zurück; actio=reactio, ich will auch kein Kind, das ohne zu denken, immer das tut was Jemand sagt. Es soll mir genau sagen, was es will und warum, so wie ich ihm auch sage warum ich etwas nicht möchte. Dann kann man mit Sicherheit in den meisten Fällen einen Kompromiss finden. -
Alinghi
Montag, 18.06.2012, 14:49 Uhr @ Gabriele "Allerdings meine ich, das genau das den Eltern der jetzigen anti-autoritären Erziehung (was auch immer das dafür dazu sein sollte) nicht geschadet hätte.... _____ Das Problem ist, dass ihr "anti-autoritär" mit "Ignoranz" und "Desinteresse" verwechselt. Wenn sich Eltern nicht um ihr Kind kümmern, sich nicht mit ihm beschäftigen, es als Mensch nicht ernst nehmen und ihm alles durchgehen lassen, dann hat das nichts mit antiautoritär zu tun.
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