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05.07.2012, 09:21 Uhr

Jenseits von Pink und Blau: Kinder geschlechtsneutral erziehen

Hamburg (dpa/tmn) - Mädchen tragen gerne Rosa, und Jungs spielen nur mit Baggern: Manche Eltern sind von diesen Stereotypen so genervt, dass sie ihr Kind bewusst geschlechtsneutral erziehen möchten. Das ist leichter gesagt als getan.

"Finden Jungs Bagger einfach so gut, oder weil sie gleich nach der Geburt ein Bagger-T-Shirt bekommen?", fragt eine Mutter. Eine andere ist froh, dass die beiden Töchter ihre Puppenhäuser jetzt selbst bauen: Lego hat eine Reihe extra für Mädchen auf den Markt gebracht, allerdings inklusive Kosmetiksalon und Lippenstiften. Nicht nur auf Spielplätzen, auch in der Wissenschaft wird debattiert: Zu welchen Teilen bestimmen Gene, Hormone und Erziehung die Interessen und das Verhalten von Jungs und Mädchen?

Ja, es gibt Unterschiede im Gehirn bei Jungs und Mädchen, schreibt die US-Neurowissenschaftlerin Lise Eliot in ihrem Buch "Pink Brain, Blue Brain" (rosa Gehirn - blaues Gehirn). Für ihr Werk hat sie zahlreiche Studien analysiert. Die Unterschiede seien aber gering, und das kindliche Gehirn so formbar, dass die geschlechtsspezifischen Stereotypen erst vom Umfeld mit der Zeit geprägt werden.

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"Das Geschlecht gehört in unserer Gesellschaft zu den Merkmalen, die identitätsbildend sind. Es ist für uns alle irritierend, wenn wir jemanden vor uns haben, und nicht wissen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Hannelore Faulstich-Wieland von der Universität Hamburg. Es sei für die Kinder wichtig, eine Orientierung zu haben.

Die andere Frage sei: Was verbiete ich meinem Kind? "Wenn es für ein Mädchen gerade wichtig ist, gemeinsam mit Freundinnen eine rosa Phase zu haben, sollte man das nicht verbieten. Genau das würde ich aber auch empfehlen, wenn ein Mädchen Fußball spielen will", sagt Faulstich-Wieland. Es gehe darum zu sagen: "'Du bist ein richtiges Mädchen oder ein richtiger Junge, egal für was Du Dich interessierst.' Ich denke, Eltern sollten damit locker umgehen."

Von der Spielzeugindustrie wünscht sich die Erziehungswissenschaftlerin allerdings, dass sie keine Geschlechterzuordnung bei den Spielsachen vornehmen würde, das würde den Kindern aus ihrer Sicht helfen.

Aus Unterrichtsbeobachtungen wüssten die Pädagogen: Bei unangepassten Mädchen, die nicht sozial, engagiert und inhaltlich orientiert seien, werde pädagogisch "am stärksten reagiert". "Alles was bei diesen Mädchen aus dem Rahmen fällt, wird als sehr negativ bewertet. Motorisch sehr aufgeweckte Jungs hingegen werden vor allem in der Pubertät negativ beurteilt, und schnell nur noch als Störer bezeichnet", sagt Proll.

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Einige Baustellen bleiben da also, auch bei der Berufswahl. Mädchen wählen weiterhin seltener mathematisch-technische Berufe, Jungen weniger soziale Tätigkeitsfelder, sagt Proll. Die Auswahl des Spielzeugs spiele eine Rolle bei der Prägung, sei aber nicht alleine entscheidend. "Wenn Kinder mit Technik oder Experimenten früh Erfahrungen sammeln können, steigt auch das Interesse an solch einem Beruf. Aber: Wenn ich einem Mädchen einen Werkzeugkoffer schenke, und es sieht nie eine Frau, die einen Hammer in der Hand hält, dann wird das Mädchen wahrscheinlich auch nicht damit spielen. Es kommt also auch darauf an, wie stark die Rollen in der Familie stereotypisiert sind."

Schon in frühen Jahren wollen die Kinder herausfinden, wie sich Jungs und Mädchen unterscheiden. "Die Identitätsbildung beginnt schon im Kleinkindalter, da geht es zunächst einmal um das Ich und die Abgrenzung von anderen", sagt Karin Jacob vom SOS-Familienzentrum Berlin. "Ich glaube, dass wir offener geworden sind und es mehr Freiheiten gibt. Ich denke aber auch, dass die Geschlechter immer noch sehr unterschiedlich erzogen werden. Auch die Spielzeugindustrie mit ihren getrennten Spielwelten kann nur so erfolgreich sein, weil sie etwas in uns als Eltern trifft", sagt Jacob, die Vorstandsmitglied in der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung ist.

Literatur:

Lise Eliot: Wie verschieden sind sie?: Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen (im Original: "Pink Brain, Blue Brain"). Berlin Verlag, 19,90 Euro, ISBN-13: 978-3827005724

Alle News vom: 5. Juli 2012 Zur Übersicht: Gesundheit

33 Meinungen zu "Wenn der Sohn mit Barbie spielt"

  • Anti0815er
    Freitag, 06.07.2012, 11:19 Uhr
    Man sollte in erster Linie das Kind selbst entscheiden lassen, aber man sollte dem Kind schon einen Rahmen vorgeben, in dem es sich bewegen kann. Und man sollte auf Vielseitigkeit achten, schon um dem Kind möglichst viele Alternativen, die später zu Perspektiven werden, aufzuzeigen. Bewußt geschlechtsneutral erziehen - also im Sinne einer gewollten Neutralität - halte ich für falsch und gefährlich. Erziehung bedeutet letztendlich nichts anderes, als das Kind auf das Leben vorzubereiten. Und das Leben - unser menschliches Leben - ist nicht geschlechtsneutral! Wir sind keine Zwitterwesen. Und wir sind und bleiben Induviduen, auch in einer Partnerschaft. Mädchen und Jungen sollte man so erziehen, dass sie später als Mann und Frau möglichst gut miteinander umgehen können. Nur dann werden sie eine tragfähige Partnerschaft bilden, aus der dann auch wieder Kinder hervorgehen, usw. Wenn ein Junge nicht lernt, ein Fahrrad zu reparieren, stehen die Chancen "gut", dass er später kaum einen Nagel in die Wand bekommt und seine Freundin wird es ihm "danken". Wenn ein Mädchen nicht lernt, sich hübsch zu machen, wird sie später wie gewollt aber nicht gekonnt herumlaufen und ihr Freund wird es ihr "danken". Denn jedes Mädchen, welches selbst dazu erzogen wurde, auch einen Nagel in die Wand zu bekommen, wird einmal an dem Punkt ankommen, an dem sie zu ihrem Freund im Zweifelsfall sagen wird "das kann ja ich sogar als Frau". Und jeder Junge, welcher selbst dazu erzogen wurde, nicht wie ein Yeti herumzulaufen, wird einmal an dem Punkt ankommen, an dem er zu seiner Freundin im Zweifelsfall sagen wird "da habe ja ich eine bessere Frisur als Du und ich bin ein Mann". Damit meine ich nicht, dass Mädchen dazu erzogen werden sollen, später selbst keinen Nagel in die Wand zu bekommen, oder Jungen dazu erzogen werden sollen, später ungepflegt herumzulaufen! Mann und Frau unterscheiden sich nicht nur allein durch das Geschlecht, sondern auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Anforderungen und die sind von Zeit zu Zeit verschieden. So haben die sog. "Trümmerfrauen" nach dem zweiten Weltkrieg sehr deutlich bewiesen, dass Frauen auch erfolgreich sog. "Männerarbeit" erledigen können. Aber... aber nachdem diese Zeit vorbei und die Männer wieder da waren, haben sich die Frauen in Mehrheit ganz von selbst dazu entschlossen, lieber wieder im Büro, als auf dem Bau zu arbeiten. Eine bewußt geschlechtsneutrale Erziehung wird dem späteren Erwachsenen m. E. keine größeren Alternativen aufzeigen, oder ihm einen besseren Weitblick ermöglichen. Ich denke, dass dieser Mensch vom eigenen Empfinden her zwischen den Stühlen sitzen wird, weil er sich nicht entscheiden kann, eine Rolle zu übernehmen, weder in der Familie, noch in der Gesellschaft. Er wurde ja neutral erzogen und somit wird er keine gewichtete Meinung haben, sondern nur eine Meinung wie Gummi. Diese Eigenschaft zeichnet unzuverlässige Menschen aus, egal ob Mann oder Frau. Spätestens, wenn Arbeitsteilung in einer Partnerschaft ansteht, werden die neutral Erzogenen erstmal diskutieren, wer was zu machen hat, während die natürlich Erzogenen die Arbeit schon erledigt haben und ihre gemeinsame Freizeit geniesen. Sollte einer der beiden dazu erzogen wurden sein, gar nicht mitzuarbeiten, hätte man dies mit einer geschlechtsneutralen Erziehung auch nicht verhindern können, schließlich gibt es "Pantoffelhelden" genauso wie "Paschas" und "Küchenfeen" genauso wie "Dominas". Natürlich können auch diese eine Partnerschaft eingehen. Die Paschas mit den Küchenfeen und die Pantoffelhelden mit den Dominas. Die erste Form der Partnerschaft ist jene, aus der sich die moderne Frau befreit hat und die zweite Form der Partnerschaft ist jene, aus der sich der moderne Mann noch befreien wird. Beide Formen sich schlichtweg Schwachsinn. Geschlechtsneutral zu erziehen ist nicht die Lösung. Dies bringt Männer und Frauen hervor, die sich in keinerlei Rolle/Verantwortung sehen, sich daher nicht fügen können/wollen (mangelnde Kompromißbereitschaft) und am Ende eher Gefahr laufen, beziehungsunfähig zu sein. Einfach modern und tolerant zu erziehen halte ich für besser.
  • ichhoffeeswirdbesser
    Freitag, 06.07.2012, 10:54 Uhr
    Ich bin dafür, dass Menschen ohne ressentiments erzogen werden. Aber da wir unseren Nachwuchs nie nur selber erziehen gibt es immer das Problem der anderen. Wenn die da nicht mit ziehen, dann gibt es Probleme. Wenn das Kind etwas "nicht massentaugliches" will, so genügt es nicht es ihm zu erlauben, sondern es müsste dem Kind auch vermittelt werden wie es das den anderen gegenüber vertritt und daran hapert es leider allzu oft. Darum wählen viele lieber den einfachen Weg dem Kind nur das zu erlauben, was massentauglich ist. Und diese Kinder kritisieren dann das nicht massentaugliche der anderen, weil sie es selber nicht dürfen. Sicher haben einige Eltern auch "Angst, dass ihre Kinder evtl. Homosexuell werden" wenn sie sich mit "dem Falschen" beschäftigen. Das würde aber bedingen, dass Homosexualität anerzogen ist. Das glaube ich nicht und selbst wenn es so wäre, so bekommt man Menschen etwas nicht "aberzogen" indem man ihnen den Umgang mit etwas verbietet. Wenn ein Mensch Hommsexuell ist, dann ist das eben so. Was ist daran schlimm? Dass man dann potentiell keine Enkel bekommt? Also 1. kann das auch bei Heterosexuellen passieren, 2. Hat man (meiner Meinung nach) gegenüber seinen Kindern keinen Anspruch auf irgendetwas (Wer das anders sieht, der sollte sich überlegen, ob er aus den richtigen Gründen seine Kinder bekommen hat). @ sachsenstolz73: Wenn ich jetzt schon wieder lese, dass wiederum jemand anders schuld ist (die Industrie), dann könnt ich kot.... Wer zwingt und denn immer das zu Kaufen, was uns vorgesetzt wird? Sind wir nicht Herr unseres Willen? Nicht immer den anderen den schwarzen Peter zuschieben, sondern selber handeln.
  • SieBille85
    Freitag, 06.07.2012, 09:42 Uhr
    wenn Mädchen Fussball spielen wollen etc. und umgekehrt ist das vollkommen in Ordnung. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von evidenten Studien, die zeigen, dass beispielsweise geschlechtstypisches Spielverhalten eben NICHT ein rein soziales, gesellschaftliches Phänomen ist, von daher ist eine Erziehung unter ideologischen Scheuklappen auch grundverkehrt. Man sollte vielmehr auf die expliziten, individuellen Bedürfnisse des Kindes achten.
  • sachsenstolz73
    Freitag, 06.07.2012, 08:31 Uhr
    Sagt das nicht den Eltern sagt es der Industrie, geht doch mal einkaufen? Die Klamotten ist einfach grauenhaft. Spielzeug online bestellen ist manchmal schwer sow wie die in Kategorien eingeteilt sind. Habe Junge und Mädchen , Sie spielt lieber Fussball und er entwirft Klamotten für Ihre Monster High Puppen, das ist ein Beispiel. Mein Sohn wurde mal nicht vom Kumpel zum Geburtstag eingeladen weil das Thema Fussball war,aber mal allein zum basteln und malen sollte er kommen (da es sonst peinlich ist wenn die anderen es merken das der Kumpel auch gern malt). Da ist mir der Kragen geplatzt und hab das der Mutter (die übrigens Lehrerin ist) mitgeteilt. Und ehrlich ist das ein Thema was nicht wirklich wichtig ist, wichtig ist das Kinder Kinder sein dürfen, entdecken, probieren und Erfahrungen sammeln und sich so entwickeln das man später zu sich sagen einen guten "Job". gemacht.
  • Engel70
    Donnerstag, 05.07.2012, 17:26 Uhr
    Ich halte es für unmöglich, irgendetwas sinnvolles dazu zu sagen. Die völlig sinnlose Unterscheidung der Leute in Männlein und Weiblein ist gesellschaftlich so tief verankert, dass es sinnloses Orakeln ist, was wäre, wenn es nicht so wäre. Dabei wird bei Mädchen und Jungen bereits die Basis zur Diskriminierung gelegt. Du bist nicht Mensch in unserer Gesellschaft, sondern du bist Mann oder Frau. Wer sich auf der Grenze bewegt, verursacht nur Ärger. Bei jedem fremden Menschen, den ich auf der Straße höflich ansprechen will, muss ich erst eine Geschlechtsbestimmung anhand des Aussehens und meiner Vorurteile vornehmen. Worum? ("Herr... - äh - Frau?") Ich will die doch nicht alle befruchten! Geschlecht und sexuelle Orientierung interessieren mich nur bei ganz wenigen Menschen, nämlich bei denen, mit denen ich Sex habe. Angefangen bei Frauen- und Männertoiletten, ebenso bei Gemeinschaftsumkleiden: Mir ist das sowas von Schnuppe, ob ich mich einem Mann oder einer Frau beim Umziehen zeige, schließlich können sie sowieso noch schwul oder lesbisch sein. Wer soll da vor was geschützt werden? Wieso ist Barbie bei den einen okay und den anderen nicht? Ich dachte, wir sind jene Kultur, die die Freiheit des Individuums bei der persönlichen Entwicklung und Lebensgestaltung ganz besonders achtet - und keine religiösen Extremisten mit starrem Kasten-System (keine Frauen am Altar!). Geschlecht und sexuelle Orientierung sind sowas von Privatsache, privater geht es nicht!
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