Striptease fürs Erbgut
Sein Erbgut auf Krankheitsrisiken checken lassen, kann heute jeder. Doch was fängt man mit dem Wissen an? Das Portal openSNP fungiert als Führer durch den persönlichen Gendschungel und ermöglicht Einblicke in fremde Genome
Craig Venter war der Erste - wieder einmal. Nachdem das visionäre Enfant terrible der Gentechnikszene das menschliche Erbgut entziffert hatte, stellte als erster Mensch sein eigenes vollständiges Genom ins Netz. Dabei erfuhr die Welt unter anderem, dass Venter eine Veranlagung für blaue Augen, asoziale Verhaltensweisen und Herzerkrankungen hat.
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Inzwischen ist das Stöbern im eigenen Bauplan erschwinglich geworden: 99 Dollar kostet es beispielsweise bei dem Anbieter "23 and me", sein Erbgut auf mehr als 200 Krankheitsrisiken durchforsten zu lassen. Einfach in ein Röhrchen spucken und ab die Post. "Mit dem Ergebnis werden die Leute dann aber weitgehend alleine gelassen", berichtet Fabian Zimmer von der Universität Münster im Gespräch mit NetDoktor.de.
Gemeinsam mit zwei Kommilitonen und einem Programmierer hat der 24-jährige Biologiestudent ein Portal entwickelt, das Abhilfe schaffen soll. "openSNP" nennt es sich. SNPs - gesprochen "Snips" - sind bestimmte Varianten des Erbguts. Rund zehn Millionen solcher SNPs stecken in der menschlichen DNA. "Von vielen weiß man inzwischen, dass sie mit bestimmten Eigenschaften verknüpft sind - der Augenfarbe etwa oder auch einer Erkrankung", erklärt der Biologe.
Verstörende Ergebnisse
Stößt der Rechner bei der Auswertung des Genoms auf einen solchen SNP, wird die Erkrankung mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ausbrechen. Doch was bedeutet es, wenn ein 60-prozentiges Risiko für Parkinson in den eigenen Genen tickt? "Bei solchen Fragen kann openSNP helfen", erklärt Zimmer. Wer die Ergebnisse seiner Genanalyse hochlädt, bekommt die entsprechenden Studien angezeigt und kann das Ergebnis dann besser einordnen - zumindest sofern er gelernt hat, solche Studien zu lesen. Auch ein Austausch mit anderen, die die gleichen verdächtigen SNPs in sich tragen, ist über das Portal möglich.
"Wer sich testen lässt, sollte sich unbedingt sicher sein, das er wirklich wissen will, was er erfährt", warnt Zimmer. Denn das Surfen im Genom birgt neben große Chancen auch Risiken. "Stellen Sie sich vor, sie sind 20 und erfahren:‚Mit 50 sind sie tot'", sagt er augenzwinkernd und schiebt gleich hinterher, solche "SNP of death" seien die absolute Ausnahme. "Chorea Huntington beispielsweise." Aber auf so heikle Geschichten würden die Proben gar nicht getestet.
Unklares Risikoprofil
Enthüllt die Analyse aber beispielsweise ein hohes Infarktrisiko, lebt man im besten Fall herzgesünder. Im schlechten Fall hingegen denkt man vielleicht, es sei eh alles zu spät und lässt es richtig krachen. Sogar gute Nachrichten können sich negativ auswirken - wenn der Untersuchte sich in falsche Sicherheit wiegt. Denn noch ist nur von einem geringen Teil der SNPs überhaupt bekannt, was sie bewirken. So können trotz Entwarnung durch den Gencheck bislang unbekannte Risikogene im Erbgut schlummern. "Wir sind noch sehr weit davon entfernt, genaue Risikoprofile abgeben zu können", bestätigt Zimmer.
Dechiffriert und ausgestellt
Offenherzige Anwender können noch einen Schritt weiter gehen und ihre Erbgutdaten unter openSNP der Öffentlichkeit zugänglich machen, wie einst Craig Venter - eine Art genetischer Massenstriptease. "Wenn genug Material zusammenkommt, ist das für Forscher ein wahrer Schatz", erklärt Zimmer. Bislang haben sich nur etwas mehr als hundert Menschen diesen Schritt auf openSNP gewagt. Doch es könnten rasch mehr werden.
"Allerdings birgt das Offenlegen der Testergebnisse auch einige Gefahren", warnt der junge Biologe. Anhand der IP-Adresse könnte man die Daten zum Sender zurückverfolgen, auch wenn der Nutzer anonymisiert wurde. "Uns ist es sehr wichtig, dass Nutzer sich gut überlegen, ob sie das riskieren wollen." Je mehr die Wissenschaft in nächster Zeit an neuen Erkenntnissen über das menschliche Erbgut zutage fördert, desto gläserner würde so ein öffentlich dechiffrierter Mensch. "Solche Daten können missbraucht werden", sagt Zimmer. Auch darüber wollen die jungen Forscher eine Diskussion anstoßen.
Zimmer selbst ist längst entschlossen, sein Erbgut demnächst auch scannen zu lassen. "Das wünsche ich mir zum Geburtstag."
Zum Originalartikel bei Netdoktor.de
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1 Meinungen zu "Erbgut für alle zugänglich"
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JayBeeXX
Dienstag, 31.01.2012, 11:54 Uhr Die letzte Reportage, die darüber berichtet hatte, meinte auch, die Zuverlässigkeit des Verfahrens halte sich in Grenzen und bezeichnete diesen Mummenschanz als glatte Abzocke! Net.doctor braucht wieder clicks für seine Werbepartner...
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