Werde ich wie meine Mutter?
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Mit üppigem Busen, schmaler Taille, rundem Po und schlanken Beinen hätte sie den Hollywood-Diven Konkurrenz machen können. Schade, dass ich davon nichts geerbt habe. Meine Haare sind alles außer dick und wellig. Meine Figur gleicht eher einer Birne, und obwohl ich nie übergewichtig war, passen meine Waden nicht in normale Stiefel. Kann ich dennoch an meiner Mutter erkennen, wie ich altern werde?
Kommt der Knitter-Look?
Heute ist meine Mama 65, sie wirkt mit der flotten Frisur, der schicken Brille und ihrer geschmackvollen Garderobe aber jünger. Sie hat wohl gute Gene, denn eigentlich ist sie eine typische Kandidatin für Falten: Sie ist blond und hellhäutig, liebt die Sonne und hat lange geraucht. Laut Uwe Wollina, Professor für Dermatologie an der Universität Dresden, sind eben genau dies die Haupt-Risikofaktoren für einen vorzeitigen Knitter-Look. Habe ich diese guten Gene auch? Denn abgesehen vom Rauchen habe ich das gleiche Risikoprofil für Falten, werde aber stets jünger geschätzt. "Man muss nicht nur auf die Mutter, sondern auch auf den Vater blicken. Die Gene für die Beschaffenheit der Haut kommen von beiden Seiten", sagt Wollina. Ein direkter Vergleich mit dem Vater ist für Frauen aber schwierig, denn Männerhaut ist dicker und altert anders. Also schaue ich mir Papas Schwester an, der ich schon immer ähnlich sah. Sie ist 60 und sieht nach wie vor klasse aus. Bingo!
Geht die Figur aus dem Leim?
Zu ihrem Bedauern trägt meine Mutter einiges Übergewicht mit sich herum. Etwa ab 40 haben sich die Kilos langsam, aber stetig, vor allem in der Körpermitte angesammelt – wie bei meinem Papa auch. Ist das also auch mein Schicksal? Professor Sabine Rudnik-Schöneborn vom Institut für Humangenetik der Uniklinik Aachen glaubt das nicht: "Natürlich gibt es genetische Einflüsse auf das Gewicht und die Statur, aber die Lebensweise in der Familie spielt die größere Rolle." Das Gewicht hängt eher davon ab, wie und was gegessen wird, ob Sport zum Alltag gehört oder nicht. "Der Faktor mit der größten Vorhersagekraft bei Kindern wie auch bei Erwachsenen ist die Zahl der Bildschirmstunden", erklärt Rudnik-Schöneborn. Je mehr man vor dem Fernseher, dem Computer und der Playstation hockt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit auseinanderzugehen. Doch die Lebensweise der Mutter kann die Figur der Nachkommen noch auf einem weiteren Weg beeinflussen – und zwar epigenetisch. Die Epigenetik besagt, dass längst nicht alle vorhandenen Gene des Menschen auch tatsächlich gelesen werden. Unser Gencode ist vielmehr wie ein Klavier, auf dem eine Melodie gespielt wird, indem einige Tasten gedrückt werden und andere Tasten eben nicht. Welche Gene tatsächlich "angespielt" werden, kann durch die Umwelt und die jeweilige Lebensweise beeinflusst werden. "So verändert die Unterversorgung des Fötus, zum Beispiel durch Hungern oder Rauchen in der Schwangerschaft, das Stress-System des Kindes", sagt Rudnik-Schöneborn. "Es wird zum guten Futterverwerter und hat damit ein höheres Risiko, dick zu werden." Diese epigenetischen Veränderungen gibt das Kind dann später auch an die eigene Nachkommenschaft weiter. Für mich kann ich festhalten: Da ich bisher nicht übergewichtig bin, ist es ab jetzt nicht mehr meinen Vorfahren anzulasten, wenn die Hosen nicht passen. Es liegt allein an mir, was ich esse und wie oft ich meinen birnenförmigen, von wem auch immer geerbten Hintern bewege.
Wann werde ich endlich geduldig?
Auch meine Persönlichkeit hat wenig mit der meiner Mutter gemeinsam. Sie ist geduldig, abwartend und kaum jemals wütend. Ich bin eher aktionistisch und neugierig. Ich musste mir Gelassenheit erst mühsam erarbeiten. Sie ist eher chaotisch, aber fleißig zupackend. Ich brauche Ordnung, kann jedoch lange, sehr lange über ungeputzte Fenster hinwegsehen. In vielem bin ich wie mein Vater. Zeigt sich hier das Diktat der Gene? Würde der Charakter vor allem durch die Umwelt geformt, müsste ich doch mehr von meiner Mutter haben, oder? "Wie groß der Anteil von Genetik und Umwelt für die Entwicklung der Persönlichkeit ist, sieht man an adoptierten Kindern", sagt der Persönlichkeitsforscher Professor Jens Asendorpf von der Humboldt-Universität Berlin. Der Einfluss der Genetik ist bei der Intelligenz am deutlichsten. Etwas schwächer ist er bei den so genannten Big Five der Persönlichkeit: 1. Extraversion, 2. Offenheit, 3. Verträglichkeit, 4. Gewissenhaftigkeit und 5. Neurotizismus. Wer formte meine Persönlichkeit? Extrovertierte Menschen sind gesellig, gesprächig, heiter und optimistisch. Schau an, da zeigt sich doch das Erbe meiner Mutter. Erreicht man in Tests hohe Werte für Offenheit, ist man eher wissbegierig, fantasievoll, experimentierfreudig und unkonventionell. Wer wiederum bei Verträglichkeit punktet, ist hilfsbereit und vertrauensvoll statt egozentrisch und misstrauisch. Gewissenhaftigkeit lässt sorgfältig, effektiv und zuverlässig handeln. Neurotizismus schließlich beschert den Betroffenen öfter, stärker und dauerhafter Gefühle von Angst, Anspannung und Unsicherheit. "Unter Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten ist die Scheidungsquote am höchsten", sagt Persönlichkeitsforscher Asendorpf. Wer diesen Wesenszug erbt, der muss also auch mit dem erhöhten Scheidungsrisiko leben. Deswegen sind Trennungen bei Menschen aus Scheidungsfamilien öfter als beim Durchschnitt festzustellen.
Die Big Five erklären laut dem Experten etwa die Hälfte der individuellen Persönlichkeit. Neben dem Gen-Mix, den Mutter und Vater weitergeben, schaffen die beiden durch ihre Art zu sein und zu leben auch eine spezielle Umwelt für ihr Kind. "Gene und Umwelt bilden jeweils einen Rahmen, deren Überschneidungsbereich vorgibt, welche Entwicklungen für einen Menschen möglich sind", sagt Asendorpf. "Doch viele füllen selbst in dem Bereich ihrer Möglichkeiten zeitlebens lediglich eine kleine Ecke aus." Die von den Eltern geschaffene Umgebung beeinflusst besonders die Werte, Haltungen und religiösen Ansichten der Nachkommen – falls diese nicht zu ungewöhnlich sind. Denn je extremer die Eltern sind, desto mehr tendieren die Kinder dazu, sich im jeweiligen Bereich "normal" zu verhalten. Nun sind meine Eltern keineswegs extrem, allerdings teilen wir trotzdem meistens nicht dieselben Ansichten. Da fehlen also noch ein paar Teile im Puzzle.
Wie hat Mama mich geprägt?
Einen besonderen Einfluss der Mutter auf die Persönlichkeit des Kindes untersucht die Bindungsforschung. Deren Ergebnisse erlauben sogar einen Blick in die Zukunft: "Mit einem speziellen Interview kann man ermitteln, wie die Bindung zwischen einer Schwangeren und ihrer Mutter war und dadurch vorhersagen, wie sich die Bindung zwischen ihr und ihrem eigenen Kind entwickeln wird", erklärt Dr. Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Eine sichere Bindung hat einen großen Einfluss auf das Selbstbewusstsein, auf Freundschaften und Beziehungen. Sie entsteht dann, wenn die Mutter feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und zum Beispiel seinen Hunger erkennt und stillt, bevor es brüllt. "Ich habe dich immer einfach so nach Gefühl gefüttert", sagte mir meine Mutter einmal zu dem damals weit verbreiteten Irrglauben, dass man Babys auch ruhig mal schreien lassen sollte, wenn sie gestillt werden wollen. Und ganz offensichtlich lag sie damit intuitiv absolut richtig. Sicher gebundene Kinder erkennen die Forscher daran, dass sie sich trauen, etwas zu erkunden. Und falls dabei etwas schiefgeht, beruhigen sie sich auf dem Schoß der Mutter bald wieder. Dagegen zeigen unsicher gebundene Kinder entweder gar keine negativen Gefühle und meiden die Nähe der Mutter oder klammern sich übertrieben jammernd an sie, ohne dass sie die körperliche Nähe entspannen würde.
Diese Zusammenhänge gelten nicht nur für Mütter, sondern für jeden, der die hauptsächliche Versorgung des Neugeborenen übernimmt. Später kommen weitere Bezugspersonen ins Spiel. Es geht bei einer sicheren Bindung auch nicht nur um die Bedürfnisse des Babys, sondern stets um eine dem Alter des Kindes angemessene Balance zwischen Halt und dem Zulassen von Autonomie. Diese anspruchsvolle Aufgabe kostet Kraft. "Hat jemand wegen Geldsorgen oder einer Krankheit existenzielle Ängste, ist es schwer, die nötige Feinfühligkeit aufzubringen", sagt Becker-Stoll. Doch so schwer es einem auch fallen mag, gegen die eigenen Prägungen anzugehen: Niemand ist dazu verdammt, die Fehler der Eltern auszubaden – oder selbst nachzumachen. Dies bestätigt auch meine Familiengeschichte. Die Mutter meiner Mutter hat bei ihren Eltern keinerlei sichere Bindungen erfahren. Trotzdem ist es meiner Oma gelungen, ihrer Tochter, meiner Mutter, ein liebevolles Zuhause zu schaffen.
Warum wurde ich, was ich bin?
Die positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung ziehen sich durch das ganze Leben. Liebevolle Fürsorge und Ermunterung schaffen ein Fundament von grundsätzlichem Vertrauen in das Gute, der Gewissheit, liebenswert zu sein und mit den eigenen Handlungen etwas bewirken oder sich helfen lassen zu können. Diese Selbstwirksamkeit, so der Fachbegriff, ermöglicht es, etwas anzustreben und aus eigener Kraft zu ändern, statt still unter den Umständen zu leiden. Sie wird immer dann gestärkt, wenn den Kindern der Freiraum gelassen wird, sich Herausforderungen zu suchen und selbst etwas auszuprobieren. Vermutlich liegt darin auch die Wurzel, warum ich einen anderen Lebensweg gegangen bin als meine Eltern und andere Interessen und Ansichten entwickeln konnte. So hat meine Mutter entschieden, dass ich nicht mit fast 6 Jahren in die Schule musste, sondern ein Jahr länger spielen durfte. Ich konnte mit Freundinnen durch Wälder toben, Bäche erforschen und auf Spielplätzen die Belastbarkeit von Schaukeln testen. Auf meinen Streifzügen hatte ich alle Freiheit, mich zu entfalten. "Du warst schon früh eine richtig kleine Persönlichkeit", sagt meine Mutter oft zu mir. Ich habe diesen Satz lange als nett gemeinte Umschreibung für meinen ausgeprägten Dickkopf verstanden. Doch heute zeigt er mir ihre Fähigkeit, mich sein zu lassen, wie ich bin – ohne dass in meiner Erziehung Laisser-faire herrschte. Es war wohl der Mix aus Freiheit, Halt und Akzeptanz, der mich zu einer Frau machte, die sich nicht so leicht zufriedengibt.
Wohin geht meine Reise?
Meinen bisherigen Lebensweg verstehe ich jetzt zwar besser, aber was bringt die Zukunft? Und könnte jemand, der unfreiwillig auf dem besten Weg ist, wie die eigenen Eltern zu werden, noch umkehren? Der Psychologe Professor Franz Neyer von der Universität Jena, der sich mit der Persönlichkeitsentwicklung im Erwachsenenalter beschäftigt, beschwichtigt: Die Pubertät abgehakt zu haben heißt nicht, sich fortan auf festen Gleisen ohne Weichen zu bewegen. Tatsächlich erhält die Persönlichkeit im jungen Erwachsenenalter durch Änderungen der Lebenssituation noch mal einen Schub. "Zwischen 20 und 30 können Menschen heute viel experimentieren", sagt Neyer. "Das bietet die Möglichkeit, den Lebensstil zu finden, der am besten passt." Einen großen Einfluss hat auch die Liebe. Neyer: "Entscheidend ist allerdings weder der erste Freund noch der erste Sex, sondern die erste längere Beziehung und die zweite auch noch."
Wie individuelle Erfahrungen Menschen prägen, beschreibt der Göttinger Hirnforscher Professor Gerald Hüther in seinem Buch "Was wir sind und wer wir sein könnten" (S. Fischer Verlag, um 19 Euro). Es sind nie allein die Ereignisse, die das Hirn formen. Es kommt vielmehr darauf an, welchen Umständen man während des Ereignisses Beachtung schenkt. Verknüpft mit Bewertungen bestimmt dies, wie Geschehnisse auf den Menschen wirken. Wird man etwa bei einer Verabredung versetzt, kann man das als Chance sehen und die Zeit für sich nutzen oder beleidigt sein. Solche Sichtweisen beeinflussen die Ausschüttung von Botenstoffen und so die Funktion des Hirns und langfristig seine Struktur. Experten sprechen von "nutzungsabhängiger Plastizität".
Wird Mama wie Oma?
Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt für Hüther darin, Bewertungen zu vermeiden und eine kindliche Neugier und Begeisterungsfähigkeit zu behalten. Zu einer solchen Haltung kann man kommen, indem man sich bewusst immer wieder auf unbekanntes Terrain begibt und Begegnungen mit Menschen sucht, die selbst neugierig und begeisterungsfähig sind. Das steckt an! Die Erlebnisse verändern die Individualität zusehends. "Die höchste Stabilität erreicht die Persönlichkeit dann mit ungefähr 50. Danach werden die Karten durch Einschnitte wie Krankheiten oder Todesfälle neu gemischt", erklärt Neyer. "Man kann sich seine Wesensart also nicht aussuchen, ist Genetik, Erziehung und der eigenen Geschichte aber auch in einem höheren Alter nicht einfach ausgeliefert." Ich bestimme also mit, ob ich werde wie meine Mutter – was das auch heißt, weil diese sich selbst ja weiterentwickeln kann. Was mag wohl aus ihr noch werden? Ich finde, sie wird ihrer Großmutter immer ähnlicher. Die habe ich noch kennengelernt. Sie war selbst mit 90 eine echt coole Frau: gütig, weise und auf ihre Art wunderschön. Passt schon.
2 Meinungen zu "Werde ich wie meine Mutter?"
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Jockelche
Dienstag, 07.02.2012, 17:07 Uhr Ellenlanges Getexte, verschriftetes Geschwafel. Ich überflog es nur. Was will uns dieser Mammuttext an Neuigkeiten, an Informationen mitteilen? Ich fand jedenfalls keine. -
TuckerCase
Montag, 09.01.2012, 15:44 Uhr bitte gmx, beendet eure kooperation mit mens health... es ist peinlich... ich gebe zu, ich habe aus unterhaltender neugierde auf den artikel geklickt... als erstes das ominöse "mens health" gelesen und dann keine sekunde zeit mehr mit diesem artikel verschwendet... würde mich nicht wundern, wenn darin auch noch zwei oder drei tipps sind a la "so können sie länger, so hat sie einen bessere höhepunkt und so kriegen sie ihre traumfrau und ihre mutter ins bett (@thema)"... und dann steht der artikel noch unter "gesundheit/krankheiten" anstatt unter unterhaltung... fehlt nur noch ein idiot, der den nonsense in der kneipe verbreitet und sagt "dooooch, das stimmt, ehrlich, das stand bei gmx unter "krankheiten... " ich würde es einigen zutrauen...
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