Nach dem Selbstmord Robert Enkes im November 2010 stieg die Zahl der Freitode in Deutschland kurzfristig stark an: In den Wochen nach Enkes Tod legten sich viermal mehr Menschen vor einen Zug als sonst, so der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl. "Werther-Effekt" wird dieses Phänomen in der Literatur genannt, zurückgehend auf einige Fälle von Imitationssuiziden nach dem Erscheinen von Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werthers" im Jahr 1774.
Nun jedoch haben Forscher der Universität Wien herausgefunden, dass Medienberichte durchaus auch einen präventiven Effekt haben können. Ein Team des Zentrums für Public Health der Medizinischen Universität Wien konnte im Rahmen einer Studie feststellen, dass Medienberichte über Betroffene, die schwere seelische Krisensituationen konstruktiv und ohne suizidales Verhalten bewältigt hatten, eine Senkung der Suizidraten in der darauffolgenden Woche bewirkten.
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Dieser Effekt war am stärksten ausgeprägt in denjenigen Regionen, in denen die Berichte von vielen Menschen gelesen wurden. "Papageno-Effekt" nennen die Forscher um den Studienleiter Thomas Niederkrotenthaler diese Art von Suizidprävention in Anlehnung an die Kunstfigur "Papageno" aus Mozarts Zauberflöte, der nach dem Verlust seiner geliebten Papagena in letzter Minute von seinem geplanten Suizid abgebracht wird.
Die Forscher hatten in einem Zeitraum von sechs Monaten alle Berichte in den elf größten österreichischen Tageszeitungen gesammelt, in denen die Begriffe "Selbstmord", "Suizid" oder "Freitod" auftauchten. In der Woche nach Erscheinen untersuchten sie dann die Suizidhäufigkeit. Während Medienberichte oder Expertenmeinungen, die auch negative Botschaften vermittelten oder gar mit sensationsträchtigen Begriffen wie "Suizid-Welle" oder "Suizid-Epidemie" hantierten, einen eher ungünstigen Effekt hatten, konnten Artikel über die positive Bewältigung von seelischen Krisen die Suizidrate um zirka fünf Prozent senken.
Auch wenn noch weitere Studien notwendig sind, steht für Thomas Niederkrotenthaler bereits jetzt fest: "Medienberichte können nicht nur weitere Suizide auslösen, sondern auch Suizide verhindern. Diesen positiven Effekt in der Suizidberichterstattung herauszuarbeiten ist sicher eine journalistische Herausforderung, aber zweifellos von großer Bedeutung für die Suizidprävention." Aus diesem Grund hat Niederkrotenthaler mit der Wiener Werkstätte für Suizidforschung nun einen aktuellen Medienleitfaden zur Berichterstattung über Suizid konzipiert.
Darin raten die österreichischen Forscher den Medien unter anderem dazu, Krisen nicht als schicksalhafte Krankheiten mit völligem psychischen Zusammenbruch darzustellen, sondern als zeitlich begrenzte Phase tiefer Verzweiflung, die gelindert werden kann – und auch wichtige Chancen der Neuorientierung beinhaltet.
Von Ann-Ev Ustorf
Quelle: Thomas Niederkrotenthaler u.a.: The role of media reports in completed and prevented suicide – Werther versus Papageno effects. British Journal of Psychiatry, 197, 2010, 234–243
Erschienen in PSYCHOLOGIE HEUTE März 2012. Den kompletten Artikel finden Sie auf psychologie-heute.de.
20 Meinungen zu "Suizid und die Rolle der Medien"
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ohnemitalles
Montag, 20.02.2012, 13:20 Uhr ...und was soll dieses seltsame voting? schlafwandeln oder unglücksfälle, meldungen nach leserwunsch? also wenn das so ist, dann kann ich mir die sachen auch selber schreiben. -
Eulenspiegel01
Samstag, 18.02.2012, 17:19 Uhr [...] konnten Artikel über die positive Bewältigung von seelischen Krisen die Suizidrate um zirka fünf Prozent senken zu dumm nur, dass wir hier in DEUTSCHLAND sind. Und Deutschland steht unter der Herschaft des "Spiegel". Positive Informationen kann man hier vergessen. -
ichhoffeeswirdbesser
Donnerstag, 16.02.2012, 15:40 Uhr Die Berichterstattung in den Medien beeinflusst die Menschen. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis. Da wir das nun denn schon wissen, wäre es doch schön, wenn die Medien diese Macht etwas verantwortungsbewusster einsetzen würden. Das ist anscheinend ein frommer (oder besser sehr naiver) Wunsch. :-( Die Redakteure haben anscheinend zu viel Spass daran, die Meinung der Leute zu steuern. Naja, ist ja auch viel interessanter als so'n toter Computer. Bei dem weiss man nach endlich langer Zeit, wie er sich verhält. Bei der Masse ist es immer wieder spannend :-(. -
Hongo
Donnerstag, 16.02.2012, 14:55 Uhr @ Sancho, Seite 2: ^^ tja, was soll ich sagen..... ^^ -
ralfundhenry
Donnerstag, 16.02.2012, 14:39 Uhr Die "DDR" hatte die höchste Selbstmordrate in Europa, warum wohl ??? Da gab es noch keine multimediale Berieselung wie heute, da gab´s nur ein zensiertes Tagesblatt mit roten Durchhalteparolen und das war´s. Also sind die im Artikel erwähnten Studien berechtigterweise stark anzuzweifeln !!! -
camulos
Donnerstag, 16.02.2012, 14:16 Uhr ist doch logisch kommt ein artikel "...versuchte sich umzubringen... liegt mit 70 knochenbrüchen im krankenhaus und wird für immer querschnittsgelähmt sein..." wird es die "suizidversuchslust" der menschen vorrübergehend dämpfen kommt dagegen ein artikel: "wie begehe ich am erfolgreichsten suizid, die beliebtesten methoden mit erfolgsgarantie in prozent"sieht die sache anders aus die sollten sich lieber mal genauer mit den ursachen auseinandersetzen und diese misstände in der gesellschaft bekämpfen... -
lenaisabel
Donnerstag, 16.02.2012, 14:05 Uhr Schade dass es diese Art on Reportagen nicht mehr gibt. Die sollen ja nicht triggernd sondern eher eine Warnung sein, wie es nicht laufen sollte.
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