Ritter Sport versus Stiftung Warentest: Der sogenannte "Schokoladenstreit" geht in eine neue Runde. Schuld ist der kleine, aber weit verbreitete Aromastoff Piperonal.

Vor dem Münchner Landgericht treffen heute die Stiftung Warentest und der Schokoladenhersteller Alfred Ritter GmbH & Co. KG aufeinander. Es geht um die Kennzeichnung von Piperonal in der Ritter-Sport-Schokolade – darf das Vanille-Aroma als natürlich bezeichnet werden oder nicht?

Für beide ist das Gerichtsurteil von enormer Wichtigkeit: Weil die Verbraucher den Testurteilen der Stiftung Warentest seit Jahrzehnten einen hohen Stellenwert einräumen, wäre eine tatsächliche Produktabwertung für Ritter-Sport-Schokolade fatal. Die Stiftung Warentest selbst kämpft vor Gericht nicht nur für die korrekte Kennzeichnung von Inhaltsstoffen, sondern auch für ihre Glaubwürdigkeit bei den Konsumenten.

Darum geht es

Im November 2013 hat die Stiftung Warentest 26 verschiedene Nussschokoladen getestet, darunter auch die "Voll-Nuss" der Ritter Sport. Die Tester stuften das Produkt herab, weil der Aromastoff Piperonal verwendet wird – auf der Verpackung jedoch würde dem Verbraucher fälschlicherweise suggeriert, die Schokolade enthalte nur natürliche Inhaltsstoffe.

Am 28. November erwirkte die Firma Ritter eine einstweilige Verfügung gegen die Stiftung Warentest: Diese darf nun keine "Aussagen zur Art der Herstellung des Aromas in der Schokolade" mehr machen, ein erster Widerspruch der Stiftung Warentest wurde vom Landgericht München I abgeschmettert. Dagegen hat die Stiftung Berufung eingelegt – und ab heute wird der Fall neu aufgerollt.

Das sagt die Stiftung Warentest

Die Stiftung Warentest geht davon aus, dass das in der Ritter-Sport-Schokolade enthaltene Piperonal nicht natürlichen Ursprungs sein kann. Problematisch sieht die Stiftung in ihrem Testurteil daher vor allem die Frage, woher das Piperonal aus der Ritter-Sport-Schokolade stammt. Piperonal kann zwar natürlich gewonnen werden, doch nach Ansicht der Tester ist das nicht in industriellem Umfang möglich.

"Im bisherigen Verfahren haben Ritter Sport und der Aromenlieferant, die Symrise AG aus Holzminden, den tatsächlichen Herstellungsprozess nicht offen gelegt", kritisiert die Stiftung Warentest. "Klar ist bisher lediglich, dass die Symrise AG den Aromastoff Piperonal nicht selbst herstellt, sondern über Dritte bezieht."

Das sagt der Schokoladenhersteller Ritter Sport

Der Vorwurf der Stiftung Warentest bezüglich der falschen Kennzeichnung "entspricht aus unserer Sicht in keinster Weise den Tatsachen", schreibt hingegen Ritter Sport in seinem Blog. "Aromen werden ähnlich wie Gewürze in zahlreichen Lebensmitteln eingesetzt. Sie dienen dazu, den Geschmack abzurunden oder bestimmte Geschmacksausprägungen hervorzuheben", erklärt Dr. Hartmut Rohse, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung im Hause Ritter. Das Unternehmen verweist auf eine Garantieerklärung des Piperonal-Zulieferers Symrise AG, wonach der Rohstoff Piperonal "ausschließlich aus Pflanzen mit Hilfe ausschließlich physikalischer Methoden gewonnen" wird.

"Leider dürfen wir die Pflanze, aus der 'unser' natürliches Piperonal gewonnen wird, nicht näher benennen", erklärt die Firma Ritter auf ihrem Blog den Verbrauchern. "Denn unser Zulieferer hat ein spezielles Verfahren zur natürlichen Gewinnung und Verarbeitung des natürlichen Piperonals entwickelt, das er nicht preisgeben kann, ohne seinen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Aromenherstellern zu verlieren."

Das sagen andere Verbraucherschützer

Schon im Jahr 2008, also lange vor dem Schokoladenstreit, beschäftigten sich Verbraucherschützer mit dem Vanille-Aroma Piperonal. "Vanille gehört zu den beliebtesten, aber auch teuersten Gewürzen", sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Daher würde für Produkte wie Eis, Pudding und Vanillesauce oftmals künstliche Vanille-Aromen verwendet.

Insgesamt 290 Vanille-Produkte hat das Bundesamt im Jahr 2008 auf "eine mögliche Verbrauchertäuschung" hin untersucht, 110 wurden "aufgrund einer irreführenden Kennzeichnung" beanstandet. Denn: In 72 Produkten wurde der künstliche Aromastoff Piperonal festgestellt.