Frankfurt/Main (dpa) - Als die Wehen einsetzten, lebte die Flüchtlingsfrau aus Afghanistan erst wenige Tage in der Frankfurter Notunterkunft. In der Klink musste Hilfe organisiert werden, etwa für die Betreuung der älteren Kinder und für die Suche nach einer Wohnung für die Zeit nach der Geburt.

Nicht immer sind die Fälle der "Babylotsen" so dramatisch - aber mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen wird ihre Arbeit noch wichtiger. Ende nächsten Jahres soll Frankfurt die erste deutsche Großstadt sein, in der das in Hamburg entwickelte Konzept der Babylotsen flächendeckend umgesetzt wird, hofft Stefan Schäfer vom Kinderschutzbund.

Die drei größten Geburtskliniken der Stadt machen schon mit - das Bürgerhospital und das Klinikum Höchst seit einem Jahr, die Uniklinik hat sich gerade angeschlossen. Damit erreicht das Programm laut Kinderschutzbund inzwischen 7200 der jährlich 11 500 Geburten in der Stadt. Die verbliebenen fünf kleineren Häuser sollen 2016 folgen.

Anne Mellinger (29) war von Anfang an dabei. In Höchst berät sie Frauen rund um die Geburt. Wo ist der nächste Kinderarzt? Wann muss ich das gemeinsame Sorgerecht beantragen? Wer hilft mir, mit kleinem Einkommen eine größere Wohnung zu finden? Zwischen 8 und 15 Gespräche dieser Art führt Mellinger, die früher Erzieherin war und soziale Arbeit studiert hat, pro Woche.

Sechs Babylotsen gibt es derzeit in Frankfurt, je zwei pro Klinik. Sie sind beim Kinderschutzbund angestellt, haben aber Büros in den drei Kliniken. Das Geld kommt von verschiedenen Stiftungen. Das Programm wurde 2007 von der Hamburger Stiftung "See You" entwickelt. Inzwischen haben mehrere Städte die Idee übernommen - neben Hamburg und Frankfurt auch Kliniken in Berlin, Münster und Wilhelmshaven.

Nicht immer ist es mit einer Adresse oder einer Telefonnummer getan. Wenn die Frage lautet "Wie organisiere ich nach einem Kaiserschnitt den Alltag mit einem Neugeborenem und größeren Kindern?", suchen die Babylotsen eine Haushaltshilfe. Aber nicht alle Probleme können sie lösen. "Es wäre schön, wenn es mehr Hebammensprechstunden gäbe, wo Mütter Hilfe finden, zum Beispiel bei Problemen mit dem Stillen. Denn viele finden keine Hebamme, die sie zu Hause betreut", sagt Mellinger.

Abgesehen davon mangelt es nicht an Angeboten für junge Familien: 500 "Frühe Hilfen" kann Frankfurts Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) aufzählen. Das Problem ist, sagt Schäfer, "dass oft gerade die Familien, die den größten Bedarf haben, nicht von sich aus den Weg in die Beratungsstellen finden. Daher ist ein systematisches und frühzeitiges Screening dringend nötig."

Bei rund 25 Prozent der Gebärenden gebe es "Gesprächsbedarf", sagt Projektleiterin Nicola Küpelikilinc nach Auswertung der Daten des Pilotjahres in Frankfurt. Zwei Drittel nähmen das Gesprächsangebot an. "Es ist das ganze Spektrum: Es gibt in einer Großstadt wie Frankfurt viele Frauen, die nach der Geburt sagen: "Ich weiß nicht, wo ich jetzt hin soll." Es gibt aber auch Bankerinnen, die zugezogen sind, viel arbeiten und kein soziales Netz haben."

Für die Kliniken seien die Babylotsen "eine unglaubliche Hilfe", sagt Prof. Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfe am Universitätsklinikum. Die Uniklinik habe den höchsten Anteil an Frühchen in ganz Hessen. Gerade wenn das Kind zu früh komme, seien die Eltern oft besonders verunsichert. Sonja Pilz vom Klinikum Höchst sagt, das ganze Team sei sensibler geworden, seit die Babylotsen an Bord seien. "Wir gucken jetzt anders hin", berichtet die Oberärztin.

Erst in der vergangenen Woche sei ihnen eine Frau aufgefallen, die "unheimlich ängstlich" war. Es stellte sich heraus, dass sie an einer Angsterkrankung litt, zudem alleinerziehend und mit der bevorstehenden Mutterschaft komplett überfordert war - die Babylotsin vermittelte einen Psychotherapeuten und organisierte Unterstützung für die Zeit nach der Geburt.© dpa