Kaum ist es ein bisschen herbstlicher, scheint die ganze Republik zu schniefen. Die Grippe hat Hochsaison. Oder ist es doch ein grippaler Infekt? Wir sprachen mit Dr. Claus Unger vom Gesundheitsamt in Stuttgart über Grippe, Impfung und wirksamen Schutz.

Es herrscht Begriffsverwirrung: Was ist ein grippaler Infekt?

Claus Unger: Grippaler Infekt ist ein umgangssprachlich verwendeter Sammelbegriff, der nicht zwischen anderen Atemwegsinfekten und der echten Grippe, der Influenza, unterscheidet. Viruserkrankungen machen rund 90 Prozent der Atemwegsinfektionen aus.

Laut Medienberichten ist jetzt der genau richtige Zeitpunkt für eine Grippeschutz-Impfung, stimmt das?

Claus Unger: Die Schutzimpfungen gegen die Grippe laufen jetzt gerade an. Oktober und November sind die Monate, für die eine Impfung von der ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts empfohlen wird. Wenn man sich aber etwas später impfen lässt, ist das auch nicht schlecht, weil die Impfwirkung länger anhält. Die Dauer einer Influenzawelle ist schwer vorauszusehen. In der vergangenen Saison ging sie sogar bis März. Dann ist meistens die Impfwirkung schon etwas nachlassend.

Eine Impfung hat erstmal eine positive Wirkung. Aber welchen Risiken setzen sich Patienten bei einer Impfung aus?

Claus Unger: Der übliche Impfstoff gegen die Influenza ist ein inaktivierter, ein sogenannter Tot-Impfstoff. Er kann an der Impfstelle Schwellungen, Schmerzen oder Rötungen verursachen. Aber das Präparat wird generell gut vertragen.

Sollte sich jeder impfen lassen oder sollten bestimmte Personengruppen vorsichtig sein?

Claus Unger: Es gibt keine Gruppen, die ausgeschlossen sind. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, dass sich alle Menschen über 60 Jahre impfen lassen sollten. Das gilt auch für Schwangere, weil sie durch eine Erkrankung stark belastet werden könnten. Auch Menschen mit einer schweren Grunderkrankung sollten sich impfen lassen. Dabei geht es vor allem um Krankheiten, die das Immunsystem unterdrücken oder schwächen. Es geht konkret um Diabetiker, Asthmatiker, Patienten, die unter Tumorerkrankungen leiden, oder Rheumapatienten. Außerdem sollten sich auch Betreuer und medizinisches Personal impfen lassen.

Und wie ist es mit Menschen, die unter einer Atemwegserkrankung leiden?

Claus Unger: Das kommt darauf an. Bei Fieber mit über 38 Grad ist von einer Impfung abzuraten. Aber bei den meisten grippalen Infekten geht es nur um eine etwas erhöhte Temperatur. Da ist es kein Problem, aber man muss natürlich den Einzelfall betrachten und dann entscheiden.

Wie kann man sich vor einem grippalen Infekt schützen?

Claus Unger: Wer erkrankt ist, sollte in die Ellenbeuge husten, damit andere Menschen nicht die vielen Tröpfchen abbekommen, die man aushustet. Man muss sich im klaren sein, dass ein Hustenstoß eines kräftigen Erwachsenen eine Reichweite von bis zu acht Metern hat. Das hat eine enorme Wirkung. Man sollte nicht in die Hand husten, weil man diese vielleicht zur Begrüßung jemandem hinreicht oder die Erreger über die Hand anders verteilt. Wenn man nicht betroffen ist, macht es Sinn, sich von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten. Wenn jemand hustet, sollte man sich darüber hinaus wegsetzen. Außerdem ist Händehygiene wichtig: Das Waschen mit Seife ist im Allgemeinen ausreichend.

Gibt es weitere Tipps, um einer Erkrankung vorzubeugen?

Claus Unger: Es ist günstig, an die frische Luft zu gehen und sich regelmäßig zu bewegen. Das stärkt das Immunsystem. Aber Leistungssport ist nicht förderlich. Man sollte sich außerdem abwechslungsreich ernähren mit vielen Vitaminen und Spurenelementen. Einseitige Ernährung ist schlecht, weil dann dem Körper meist Stoffe fehlen, die das Immunsystem braucht.

Wenn ich schon einen grippalen Infekt habe, was kann ich machen, um wieder gesund zu werden?

Claus Unger: Körperliche Schonung ist sinnvoll. Aber man sollte auch von anderen Abstand halten, die man anstecken könnte. Fieber senken würde ich nur, wenn das Fieber über 39 Grad liegt. Aber in der Regel ist Fieber mit geringen Temperaturen nicht schlecht, weil das eine Schutzmaßnahme des Körpers ist. Dadurch wird der Stoffwechsel hochgefahren und die Infektabwehr verbessert. Rauchen verzögert die Heilung, also sind Zigaretten tabu.

Dr. Claus Unger ist Leiter des Sachgebiets "Allgemeiner Infektionsschutz" im Stuttgarter Gesundheitsamt.