"Stärkt die Abwehrkräfte", "Gut für die Knochen", "So wichtig wie das tägliche Glas Milch": Viele Produkte schmücken sich mit Gesundheitsversprechen (sogenannten Health Claims), die dem potenziellen Käufer einen Gesundheitsnutzen suggerieren. Viele Hersteller nutzen dabei Schlupflöcher - und halten Verbraucher regelrecht zum Narren.

Der Kinder-Fruchtquark "Monsterbacke" enthält umgerechnet acht Stück Würfelzucker. Und trotzdem ist er laut Hersteller "so wichtig wie das tägliche Glas Milch". Dieser Widerspruch stößt nicht nur der Wettbewerbszentrale, sondern auch Verbraucherschützern auf.

Zwar nutzt Ehrmann den Slogan mittlerweile nicht mehr. Trotzdem muss der Bundesgerichtshof (BGH) klären, ob das Unternehmen mit dieser Werbung nicht zu weit gegangen ist, ein Urteil wird im Februar 2015 erwartet.

Erlaubt sind laut der Health-Claims-Verordnung* aus dem Jahr 2006 nur solche Gesundheitsversprechen, deren Wahrheitsgehalt wissenschaftlich belegt ist. Leider bieten sich Lebensmittelherstellern unzählige Schlupflöcher.

Etwa 200 Health Claims zugelassen

Möchte ein Unternehmen sein Milchprodukt, das von Natur aus Kalzium enthält, als besonders gesund darstellen, darf es aufs Etikett schreiben: "Kalzium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt." Das ist eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache und damit einer von insgesamt etwa 200 zugelassenen Health Claims.

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Doch mit dem Wortlaut nehmen es viele Hersteller nicht so genau. Aus der sperrigen Beamtensprache wird schnell eine eingängigere Phrase wie "Gut für die Knochen". Und obwohl ein Health Claim, der sich auf eine Zutat (in diesem Fall Kalzium) bezieht, nicht für das ganze Produkt verwendet werden darf, kommt gerade das sehr häufig vor – wie auch der Fall von "Monsterbacke" zeigt.

Sei vier Jahren wird über die Frage gestritten: Hat der Joghurthersteller Ehrmann die Verbraucher getäuscht, indem er für seinen Kinder-Fruchtquark mit "So wichtig wie das tägliche Glas Milch!" geworben hat? Geklagt hatte die Wettbewerbszentrale, die den Slogan als "irreführend" bezeichnete.

Während ein Glas Milch nämlich etwa drei Prozent natürlichen Milchzucker enthält, stecken im Kinder-Fruchtquark ganze 13 Prozent Zucker. Dass dieses Produkt also nicht so gesund ist wie Milch, im Grunde sogar eine Süßigkeit darstellt, erschließt sich dem Verbraucher allerdings erst durch das präzise Studium der Inhaltsstoffe.

"Kennzeichnungsregeln sind teilweise zu lasch"

Nicht nur Gesundheitsversprechen ("Stärkt die Abwehr"), sondern auch Angaben bezüglich des Nährwerts sind in der Health-Claims-Verordnung geregelt. Ein Produkt darf beispielsweise als "fettarm" beworben werden, wenn es weniger als 3 Gramm Fett pro 100 Gramm enthält. Fettarm – also gesünder! Oder nicht? Dass weniger Fett auch weniger Geschmack bedeutet und Hersteller das oft mit Zucker, Salz oder Zusatzstoffen ausgleichen, lässt sich abermals erst bei einem genauen Blick auf die Zutatenliste erkennen.

Nach Ansicht von Andrea Schauff, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Hessen, nutzen Hersteller auch die teilweise laschen Kennzeichnungsregeln aus: "So kann sich zum Beispiel ein Toastbrot aus Auszugsmehl 'Ballaststoffquelle' nennen, denn schon bei einem Ballaststoffgehalt von 3 Gramm pro 100 Gramm ist die Aussage legal. Und sogar Nussschokolade könnte sich mit dem Claim 'Ballaststoffquelle' schmücken."

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Health Claims nutzen dem Verbraucher nicht

Schauff ist daher der Ansicht, dass die EU-Verordnung nicht den Verbrauchern hilft, sondern der Industrie: "Häufig prangen die Claims auf Produkten, die im Rahmen einer gesunden Ernährung nicht empfehlenswert sind. Damit nützen die Claims in erster Linie der Lebensmittelbranche und sind häufig nicht im Sinne der Verbraucher."

Auch Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation "Foodwatch" kritisierte anlässlich des Falles "Monsterbacke" bereits im April 2014: "Für die Lebensmittelhersteller geht das einträgliche Geschäftsmodell mit Gesundheitsversprechen weiter: Sie mischen einfach billige Vitamine oder Mineralstoffe in Soft Drinks, Süßigkeiten oder Wurst und vermarkten diese dann mit Gesundheitswerbung."

*Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, auch Health-Claims-Verordnung genannt.