Haben Menschen die Endstation ihres Lebens erreicht, fällt die Bilanz manchmal bedrückend aus: Vieles würden sie anders machen, hätten sie noch einmal die Chance dazu. Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod ist es dafür häufig zu spät. Das Wissen der Sterbenden um die wirklich wesentlichen Dinge ist jedoch ein Vermächtnis an alle, die ihre Lebenszeit nutzen wollen, ohne das Ende bereits vor Augen zu haben.

Naht der Tod, blättert alles Unechte ab, man wirft einen unverstellten Blick auf das eigene Leben. Aus der Rückschau lassen sich nicht immer positive Schlüsse ziehen. Mitunter hat man verpasst, rechtzeitig die Bedingungen dafür zu schaffen. In "Hätte ich doch… Von den Sterbenden lernen, was im Leben wirklich zählt" erzählt die Journalistin und Sterbebegleiterin Doris Tropper von sieben Begegnungen mit sterbenden Menschen - vom zehnjährigen Kind bis zur 85-jährigen Frau. Von allen konnte die Autorin wichtige Erkenntnisse für ihr eigenes Leben gewinnen und gibt diese in ihrem Buch weiter.

Was lehren uns die Sterbenden? Leben – Lieben – Lachen

"Ich wünschte, ich hätte den Alltagstrott öfter durchbrochen!"

Viele Menschen wünschen sich ein ruhiges Leben ohne große Ausreißer. Doch am Ende steht mitunter die bittere Erkenntnis, nur vor sich hin gelebt, keine richtigen Höhepunkte erlebt zu haben. In dieser Hinsicht können wir uns viel von Kindern abschauen. Sie leben im Hier und Jetzt und denken nicht an morgen. Vor allem die Begegnung mit Kati, einem zehnjährigen Mädchen, das kurze Zeit später an Krebs starb, machte Doris Tropper bewusst: Das Leben lässt sich sinnvoller gestalten, wenn man sich nicht ständig Sorgen um die Zukunft macht. Kati lebte trotz ihrer schweren Erkrankung jeden Tag so genussvoll wie möglich. Mit ihrer spontanen Art war sie der Autorin ein großes Vorbild. "Manche Menschen werden sehr alt, haben aber nur vor sich hin gelebt, ohne Höhepunkte oder besondere Erlebnisse, andere wiederum leben nur kurz und machen trotzdem die Erfahrungen eines reichen Lebens."

"Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Zeit mit meiner Arbeit und meiner Karriere vergeudet!"

Herr Friedrich, ein 54-jähriger Unternehmer, litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs und hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Er wollte seine Familie nicht mehr sehen, nur seine Sekretärin und Doris Tropper durften ihn besuchen. Er hatte sein Leben für den Betrieb geopfert, die Beziehung zu seinen Kindern und seiner Frau war erkaltet. Herr Friedrich starb, ohne diese Dinge zum Positiven verändern zu können. "Die großen Veränderungen im Leben brauchen genügend Zeit und setzen ausreichend Kraft voraus". Immer wieder sollten wir uns daher die Frage stellen, welche Bereiche die wichtigsten in unserem Leben sind. Schnell schleichen sich Dinge in unseren Alltag, für die wir Zeit opfern, obwohl sie unwesentlich sind. Macht uns ein prall gefüllter Terminkalender, der unseren Status symbolisiert, glücklich? Oder der Partner? Die Kinder? Doris Tropper rät, sich des Öfteren auf die eigenen Prioritäten zu besinnen und sein Leben nach ihnen auszurichten.

Doris Troppers Buch "Hätte ich doch… Von den Sterbenden lernen, was im Leben wirklich zählt" ist ab 14. November 2012 im Handel erhältlich.

"Wo sind meine Träume hingekommen?"

Neue Lebensziele erreicht man mitunter auf äußerst verschlungenen Wegen. Bevor wir davor zurückscheuen, sollten wir uns klar machen, dass genau diese Herausforderungen das Leben spannend machen. Wer keine Abenteuer erlebt, hat am Ende seines Lebens vielleicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Die krebskranke Ingeborg fühlte sich Zeit ihres Lebens von ihrer depressiven Mutter bevormundet. Sie hatte sich nie dagegen gewehrt, hatte sich in Berufs- und Partnerwahl den Wünschen der Mutter untergeordnet. Erst auf ihrem Sterbebett gelang es ihr, sich Selbstständigkeit zu erkämpfen und einige der Ziele durchzusetzen, die ihr wichtig waren. Trotzdem bedauerte Ingeborg, ihre Träume nicht schon früher verfolgt zu haben: "Ich hätte mutiger sein müssen und mir mehr zutrauen sollen!" Nach Ansicht von Doris Tropper sei diese Erkenntnis Ingeborgs größtes Vermächtnis an die Lebenden: "das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, um Veränderungen herbeizuführen."

"Mein Leben hat doch einen Sinn gehabt!"

Melanie war eine 20-jährige Studentin, die seit Jahren an Magersucht litt. Am Ende wog sie knapp 34 Kilo bei einer Körpergröße von fast 1,70 Meter. Von Familie und Freunden zog sie sich während ihrer tödlichen Krankheit immer weiter zurück. Stattdessen sehnte sie sich nach einer liebevollen Partnerschaft. Sie hatte nie einen Freund gehabt, nie die erste Liebe erlebt. Melanie starb, ohne jemals von einem Jungen geküsst worden zu sein. Viele wichtige Lebenserfahrungen hat sie nie gemacht. In Momenten, in denen Sterbende verzweifelt und voller Angst sind, hadern sie oft mit dem Sinn ihres Lebens. "Jedes Leben, und sei es auch noch so kurz, hat einen Sinn und eine Bedeutung." Diese Sinnfrage muss jeder für sich selbst beantworten - "selbst dann, wenn wir uns noch so klein und bedeutungslos fühlen."

"Ich hätte ihr viel öfter sagen müssen, wie sehr ich sie liebe!"

Viele Sterbende haben es verpasst, geliebten Menschen ihre Wünsche zu offenbaren. In den letzten Lebensmomenten können diese unaufgearbeiteten Bedürfnisse wieder zu Tage treten, unverheilte Wunden brechen auf. Die meisten wünschen sich dann, sie wären damals über ihren Schatten gesprungen. Denn häufig ist es am Lebensende zu spät, um Beziehungen zu verändern. Stehen wir mitten im Leben, vergessen wir in der Alltagshektik leicht, dass wir unsere Freundschaften und Partnerschaft pflegen müssen, damit sie Bestand haben. Wir verdrängen den Gedanken, doch auch für uns kann jede Stunde unsere letzte sein. Ein guter Grund, die Zeit zu nutzen: "Wir Zurückbleibenden sind umgeben von Menschen, die wir lieben. Sagen wir es ihnen – heute noch!"

"Warum bin ich nicht schon früher von ihm weggegangen?"

Nicht immer umgeben wir uns mit Menschen, die wir lieben. Herr Friedrich und Ingeborg beispielsweise verharrten jeweils einen großen Teil ihres Lebens in unglücklichen Beziehungen. Beide bereuten auf ihrem Sterbebett, diese Partnerschaften nicht früher beendet zu haben. Selbst auf der Schwelle zum Tod ist es dafür nicht zu spät. "Angehörige werden auf eine harte Probe gestellt, wenn Sterbende plötzlich sehr klar und direkt das aussprechen, was sie ein ganzes Leben lang gedacht, aber nie gesagt haben, und sie sich plötzlich aus den Fesseln einer Ehe oder Beziehung befreien." Wenn es sich sogar im letzten Kapitel des Lebens lohnt, sich aus unglücklichen Beziehungen zu befreien, ist ein Neubeginn für diejenigen, die mittendrin stecken, umso lohnenswerter.

"Ich hätte sie um Verzeihung bitten müssen!"

Auf dem Sterbebett von Schuldgefühlen geplagt zu werden, ist eine schreckliche Vorstellung. Leider schleppen wir viele negative Gefühle wie Kränkungen und Abneigungen unser Leben lang mit uns herum, weil wir deren Aufarbeitung scheuen. Je früher wir uns davon befreien können, desto mehr haben wir von unserem restlichen Leben. "Im Verzeihen liegt eine ganz große Kraft der Erlösung, was wiederum bedeutet, dass der sterbende Mensch loslassen kann und wir, die wir im Leben zurückbleiben, von Schuld und Last befreit werden."

"So herzlich und unbeschwert habe ich früher nie lachen können!"

"Wer glaubt, dass sterbende Menschen angesichts des bevorstehenden Todes nichts zu lachen hätten, irrt", schreibt Tropper. Doch es ist schade, wenn wir erst auf dem Sterbebett lernen, unbeschwert und fröhlich zu sein - weil wir nichts mehr zu verlieren haben. In jeder Lebenssituation könne man versuchen, über sich selbst zu lachen und sich nicht so ernst zu nehmen, meint die Autorin. "Wir sollten es den Kindern nachmachen und öfter ganz spontan und situationsbezogen lachen. Wem das nicht gelingt, der sollte wenigstens lächeln."

Statt den Gedanken an den Tod zu verscheuchen, können wir ihn für unser Leben nutzen. Doris Tropper nennt dies "abschiedlich leben", was bedeutet, "jeden Tag so zu (er)leben, als sei er der letzte im Leben."