Die Amerikaner sind stolz auf ihr keimfreies Chlorhühnchen, hierzulande verbindet man mit Verbraucherschutz etwas ganz anderes. Das Freihandelsabkommen TTIP soll diese Vorstellungen miteinander in Einklang bringen. Was das für die Qualität unserer Lebensmittel bedeuten könnte, macht vielen Angst. Gentechnik, Klonsteak und Co.: Das sind die größten Aufreger.

Die Verhandlungen finden im Geheimen statt. In der Öffentlichkeit wird die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) der EU mit den USA umso heftiger diskutiert. Besonderes Aufregerthema: Lebensmittel.

Das Ziel von TTIP ist die Vereinfachung des Handels zwischen der EU und den USA. Die europäische Bevölkerung fürchtet das Freihandelsabkommen. Schließlich könnte die Angleichung an US-Standards die Qualität und Sicherheit der Lebensmittel hierzulande gefährden. Das sind die größten Befürchtungen:

TTIP gefährdet regionale Spezialitäten. Ist das wirklich so schlimm?

Chlorhühnchen

Auf frischem Geflügelfleisch befinden sich mitunter Keime wie Salmonellen oder Campylobacter, die beim Menschen Magen-Darm-Erkrankungen auslösen. Um diese Keime abzutöten, wird Geflügel in der EU mit heißem Wasser abgesprüht. In den USA geht man aggressiver vor: Die gerupften Hühnchen baden nach der Schlachtung in chlorhaltigen Substanzen. In der EU ist das Verfahren nicht zugelassen.

Das ändert sich vielleicht durch TTIP. In der EU setzt man auf ein ganzheitliches Hygienekonzept: Jeder Produktionsschritt muss hygienisch einwandfrei sein. Dieses Prinzip ist laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung allerdings nur bedingt erfolgreich. Daher werde auch in der EU der Einsatz von Stoffen wie Chlordioxid und Peroxysäure, die antimikrobiell wirken, diskutiert. Dieses Verfahren dürfe andere Hygienemaßnahmen nicht ersetzen, könne sie aber ergänzen.

Bisher fehlen allerdings ausreichende Informationen über Resistenzbildung, Umweltverträglichkeit und unerwünschte gesundheitliche Effekte.

Gentechnisch veränderte Lebensmittel

Etwa zwei Drittel der Deutschen lehnen gentechnisch veränderte Lebensmittel ab, zeigt eine GfK-Umfrage vom Februar 2014. In den USA müssen gentechnisch veränderte Lebensmittel nicht gekennzeichnet werden, in der EU ist eine Kennzeichnung Pflicht. Sie diene der Transparenz und Entscheidungsfreiheit, schreibt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Ziele, die das Freihandelsabkommen nicht beeinträchtigen dürfe. Die USA werden das nur schwer akzeptieren: Sie befürchten durch die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in der EU Nachteile bei der Vermarktung.

Eine Mehrheit stellt sich gegen TTIP. Das müssen Sie zum Thema wissen.

Klon-Steak

In den USA ist das Klonen von Tieren ein gängiges Verfahren: Zuchttiere mit optimalen genetischen Eigenschaften werden geklont, ihre Nachfahren für die Produktion von Milch und Fleisch eingesetzt. In der EU ist das Klonen von Tieren verboten, der Import des Fleisches von Nachkommen geklonter Tiere jedoch erlaubt. Solche Produkte müssen nicht extra gekennzeichnet werden. Damit landet Klon-Fleisch auch ohne TTIP schon heute auf unseren Tellern.

Billig-Fleisch aus den USA

Aufgrund geringerer Umweltauflagen kann Fleisch in den USA bis zu 80 Prozent günstiger hergestellt werden. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) vom November 2014 zeichnet nach, dass europäische Anbieter ein Absenken der Standards auf US-Niveau fordern könnten, um Wettbewerbsnachteile zu eliminieren. Dies ginge nicht nur zu Lasten der Umwelt, sondern auch des Qualitätsniveaus bei Fleischwaren.

Antibiotika-Wahn

In der EU steht die massive Verwendung von Antibiotika in der Nutzviehzucht zunehmend in der Kritik. Experten warnen schon lange vor der drohenden Resistenzbildung bei Bakterien und dem Wirkungsverfall von Antibiotika in der Humanmedizin.

In den USA wird die Verwendung von Antibiotika in der Tiermast nicht offiziell reguliert.

Billige Kopien europäischer Spezialitäten

Viele regionale Spezialitäten sind in der EU geschützt. Kölsch, schwäbische Maultaschen oder die Nürnberger Rostbratwurst dürfen sich nur mit einem entsprechenden EU-Siegel so nennen.

Bundesagrarminister Christian Schmidt hatte Anfang Januar für Entrüstung gesorgt, als er im "Spiegel" erklärte: "Wenn wir die Chancen eines freien Handels mit dem riesigen amerikanischen Markt nutzen wollen, können wir nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen." Die EU-Kommission reagierte und versprach, dass regionale Spezialitäten auch mit TTIP weiterhin geschützt bleiben.

Bereits jetzt stammen die meisten Bestandteile regionaler Spezialitäten allerdings nicht aus der Region, lediglich einzelne Produktionsschritte finden dort statt.

Sterben der bäuerlichen Strukturen

Kleinen Bauern droht durch TTIP eine gigantische Konkurrenz durch US-Großkonzerne. 99 Prozent der Schlachttiere in den USA werden in sogenannten Feedlots, riesigen Mästanlagen, groß. In manchen Betrieben werden so bis zu 500.000 Rinder pro Jahr schlachtreif gemästet.

Die ausgeprägte Industrialisierung in der Tierhaltung macht die USA zum weltgrößten Produzenten von Geflügel- und Rindfleischerzeugnissen. Den europäischen Markt konnten sie aufgrund der strengen EU-Lebensmittelstandards nicht erobern. TTIP soll das ändern. Inwiefern sich die USA und Europa annähern, wird wohl erst Ende 2015 klarer. Dann sollen die geheimen Gespräche abgeschlossen sein.