Mit dem Begriff "Zöliakie" wissen die meisten Menschen wenig anzufangen. Dabei verträgt immerhin jeder 250. Bundesbürger das Klebereiweiß Gluten und damit die meisten Getreidearten schlecht. Ein hartes Los, denn nur durch eine strikte und lebenslange Diät ist ein Alltag ohne Beschwerden möglich. Anlässlich des Welt-Zöliakie-Tages am 16. Mai erläutert Sofia Beisel von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) im Interview, woran das liegt.

Viel ist nicht immer gut. Das gilt auch für manche Lebensmittel, deren angeblich gesundheitsfördernden Ergänzungsstoffe Kunden anlocken sollen.

Frau Beisel, das Thema Glutenunverträglichkeit ist heute präsenter als noch vor ein paar Jahren. Nimmt die Zahl der Betroffenen zu oder ist vielmehr das Bewusstsein für die Krankheit gestiegen?

Sofia Beisel: Das Bewusstsein dafür ist sicherlich gestiegen. Auf der anderen Seite hat sich auch die Diagnostik stark verbessert. Früher hat man die Diagnose nur über eine Dünndarmbiopsie gestellt. Heute nutzt man Blutuntersuchungen, die sehr viel einfacher sind. Hinzu kommt, dass insbesondere im Ausland Reihenuntersuchungen durchgeführt wurden, zum Beispiel an Blutspendern, Schulkindern und dergleichen. Dabei hat man festgestellt, dass Zöliakie sehr viel häufiger vorkommt als bisher angenommen.

Viele dieser getesteten Personen haben also nur durch Zufall von ihrer Zöliakie erfahren. Bleibt Glutenunverträglichkeit häufig unerkannt?

Ja, in der Tat. Das liegt unter anderem daran, dass die Symptome sehr unterschiedlich ausfallen. Bei Kindern erkennt man die Glutenunverträglichkeit häufig aufgrund ihrer Wachstumskurven. Auch die typischen gastrointestinalen Beschwerden wie Durchfall oder Bauchschmerzen sind bei Kindern und bei Älteren häufig gegeben. Beim Rest der Betroffenen fehlen diese Symptome dagegen oft. Weil bei der Zöliakie die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm gestört ist, fallen sie stattdessen durch Eisenmangel oder beginnende Osteoporose auf. Da ist es natürlich schwierig, auf eine Zöliakie zu schließen. Durch vermehrte Aufklärung sind Ärzte fachübergreifend dafür aber sensibler geworden.

Wie sinnvoll ist eine Selbstdiagnose vor dem Hintergrund, dass die Symptome so unterschiedlich sein können?

Das ist überhaupt nicht sinnvoll. Man muss sich bewusst machen, dass bei Glutenunverträglichkeit eine lebenslange Diät nötig ist, die Einschränkungen bedeutet und Kosten verursacht. Ich denke, da ist es gerechtfertigt, eine sichere Diagnose zu haben. Wenn Erwachsene das für sich entscheiden, ist das eine Sache. Aber ich finde es nicht in Ordnung, ein Kind nur aufgrund eines Selbsttests einer lebenslangen Diät zu unterziehen. Zudem muss man ja auch andere Erkrankungen ausschließen.

Gibt es unterschiedliche Grade von Zöliakie, so dass manchen Betroffenen auch durch eine Glutenreduzierung schon geholfen ist?

Leider gibt es nur die Möglichkeit, komplett auf Gluten zu verzichten.

Also fällt die Erkrankung immer in einem ähnlich hohen Grad aus?

Bei der Diagnose stellt man schon unterschiedliche Schweregrade der Schädigungen, die die glutenhaltige Ernährung verursacht hat, fest. Entzündungsprozesse werden ausgelöst, wenn man wieder Gluten zu sich nimmt. Es dauert aber unterschiedlich lange, bis der Prozess aktiviert ist. Das heißt, jeder hat eine individuelle Toleranz gegenüber Gluten. Da man diese aber nicht bestimmen kann, kann man auch nicht sagen, dass ein bisschen Gluten nicht schadet. Studien haben gezeigt, dass die zwei Milligramm pro 100 Gramm, die per EG-Verordnung als Grenzwert festgelegt wurden, zu keinen Schädigungen führen. Darüber hinausgehende Mengen aber schon.

Auf der DZG-Internetseite wird aufgeführt, dass Gluten über versteckte Wege ins Essen gelangen kann: Auch die Zubereitung und die Auswahl des Kochgeschirrs sei entscheidend. Warum?

Es reicht ja beispielsweise schon ein Achtel Gramm Weizenmehl, um einen negativen Effekt zu haben. Bei so kleinen Mengen muss man streng darauf achten, Kontaminationen im Haushalt zu vermeiden.

Ist das nicht extrem schwierig, wenn im selben Haushalt auch glutenhaltige Nahrungsmittel verarbeitet werden?

Wir empfehlen Betroffenen, ihren Haushalt durchzuorganisieren. Bei Utensilien, die sich beispielsweise nur aufwändig reinigen lassen, macht es Sinn, sie doppelt anzuschaffen. Nur glutenfreie Ware zu kaufen, ist für viele keine Alternative, weil sie teurer ist als glutenhaltige. Die meisten haben daher Nudeln und Brot in zweifacher Ausführung zu Hause.

Worauf muss man beim Einkauf achten? Ist Gluten immer auf der Verpackung angegeben?

Auf abgepackter Ware muss Gluten deklariert werden, weil es zu den 14 Allergenen gehört, die angegeben werden müssen. Bei der Angabe "Stärke" oder "modifizierte Stärke" müssen Betroffene keine Sorge haben. Diese Begriffe sind nur erlaubt, wenn es sich um glutenfreies Ausgangsgetreide wie Mais handelt. Weizenstärke dagegen muss gekennzeichnet sein.

In Bezug auf Gluten ist bei der Lebensmittelkennzeichnung also volle Transparenz gegeben?

Da hat sich mit der Einführung der Allergen-Kennzeichnung viel getan. Es wird auch zunehmend die Auslobung "glutenfrei" verwendet. Für Grenzfälle oder Unsicherheiten bei den Betroffenen stellt die DZG jedes Jahr eine Liste glutenfreier Lebensmittel zusammen.

Frau Beisel, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.