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25.12.2011, 15:57 Uhr

Von Loriot bis Castorf - Das Kulturjahr 2011

Berlin (dpa) - Triumphe und Skandale, Rekorde und Niederlagen, Freude und Trauer lagen auch im vergangenen Jahr in der Kulturwelt nah beieinander.

Das Kleistjahr, der Kölner Kunstfälscherskandal, die Verhaftung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei und der Tod von Loriot gehörten zu den Topthemen in den Feuilletons. Die Nachrichtenagentur dpa erinnert an die zehn wichtigsten Ereignisse des Kulturjahres 2011:

1. DOPPELTES GEDENKEN. Das Kleistjahr rückte mit unzähligen Veranstaltungen quer durch die Republik einen der wichtigsten Vertreter der deutschen Klassik in den Mittelpunkt. Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists am 21. November erinnerten Fans in aller Welt mit einer internationalen Lesung an den Dichter. Sein Grab am Wannsee in Berlin, wo er sich 1811 mit einer Gefährtin erschossen hatte, wurde zu einer Gedenkstätte umgestaltet. Zugleich war das Jahr dem großen Klaviervirtuosen und Komponisten Franz Liszt (1811-1886) gewidmet. An über 200 Veranstaltungen zu seinem 200. Geburtsjahr vor allem in Thüringen nahmen mehr als 75 000 Menschen teil.

2. NOBEL FÜR SCHWEDEN: Von Kennern lange erwartet, aber doch überraschend erhielt der 80-jährige schwedische Dichter Tomas Tranströmer den Literaturnobelpreis. Er sei "einer der größten Poeten unserer Zeit", sagte Jury-Chef Peter Englund. In Deutschland ist der schwer kranke Tranströmer eher unbekannt. Der Hanser Verlag legte seine drei auf Deutsch erschienenen Bücher neu auf. Der Deutsche Buchpreis 2011 ging an Eugen Ruge, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal und der Georg-Büchner-Preis an Friedrich Christian Delius.

3. OSCAR FÜRS STOTTERN. Als stotternder König George VI. gewann Colin Firth den diesjährigen Oscar als bester Hauptdarsteller. Insgesamt erhielt das britische Historiendrama "The King's Speech" von Tom Hooper in Hollywood vier der wichtigsten Trophäen. Der Oscar für die beste Hauptdarstellerin ging an Natalie Portman für ihre dem Wahnsinn verfallende Tänzerin in "The Black Swan". Bei der Berlinale erhielt mit Asghar Farhadis Scheidungsdrama "Nader und Simin" erstmals ein iranischer Film den Goldenen Bären. Wermutstropfen für Kinofans: Zauberschüler Harry Potter verabschiedete sich mit dem letzten Teil seiner Erfolgsreihe von der Leinwand.

4. BÜHNE DES JAHRES: Das Schauspiel Köln unter Intendantin Karin Beier wurde erneut zum "Theater des Jahres" gekürt. Bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" räumte das Haus noch in drei weiteren Kategorien ab: Lina Beckmann wurde beste Schauspielerin, Rita Thiele beste Dramaturgin und Beiers dreiteiliger Jelinek-Abend "Das Werk/Im Bus/Ein Sturz" beste Inszenierung. Beim Hamburger Theater-Festival gab Beier mit ihrem Erfolgsstück schon mal einen Einstand: Die Hoffnungsträgerin wechselt 2013 ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg.

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5. RINGKAMPF IN BAYREUTH: Erfolgsregisseur Wim Wenders ("Pina") sagte seine geplante Verpflichtung auf den Grünen Hügel überraschend ab - und brachte damit die Wagner-Schwestern schwer in die Bredouille. Wer sollte statt seiner zum 200. Geburtstag Richard Wagners 2013 den vierteiligen "Ring der Nibelungen" inszenieren? Nach langem Tauziehen hinter den Kulissen fiel die Wahl auf den Berliner Regie-Anarcho Frank Castorf. Er hat zwar nicht viel Opernerfahrung, machte aber die Berliner Volksbühne mit seinen legendären Happenings erfolgreich zum "Kult"-Theater.

6. AI WEIWEI UND KUNST IN CHINA: Die Verhaftung des bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstlers Ai Weiwei durch das Pekinger Regime schlug auch in Deutschland hohe Wellen. Erst nach 81 Tagen wurde der Regimekritiker unter strengen Auflagen in Hausarrest "entlassen", die Behörden fordern umgerechnet 1,7 Millionen Euro Steuernachzahlung von ihm. Die deutsche Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking, eigentlich als Highlight des Kulturjahres gedacht, geriet in die Kritik. Schaut Deutschland dem Umgang chinesischer Behörden mit Dissidenten tatenlos zu? Forderungen, die hochkarätige Mammutschau aus Protest zu schließen, blieben ungehört - sie läuft noch bis 31. März 2012.

7. MILLIONEN MIT KUNSTFÄLSCHUNG. Der Skandal um den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi erschütterte die Szene bis ins Mark - wohl auch, weil er so ungeschminkt die Kehrseite des seit Jahren andauernden Kunsthypes zeigte. Der "Fälscherfürst" hatte mit seiner Frau und zwei Komplizen über Jahre hinweg mit Fälschungen von Avantgarde-Künstlern fast zehn Millionen Euro ergaunert. Das Urteil fiel gleichwohl milde aus. Im Gegenzug für sein Geständnis erhielt Drahtzieher Beltracchi nur sechs Jahre Haft. "Lenken Sie Ihr Talent in legale Bahnen", empfahl ihm der Richter zum Abschluss.

8. RUN AUF RENAISSANCE. Schönste Frau des Jahres war für die Kunstwelt Leonardo da Vincis "Dame mit dem Hermelin". Das rätselhafte Gemälde einer jungen Frau um 1490 krönte die hochkarätige Ausstellung "Gesichter der Renaissance" im Berliner Bode-Museum, die rund 150 Meisterwerke der italienischen Porträtkunst versammelte. In knapp drei Monaten kamen 250 000 Besucher. Die letzten Wochen war die "Dame" allerdings schon nach London abgereist: Dort ist sie noch bis Februar in der spektakulären Da-Vinci-Ausstellung in der National Gallery zu sehen.

9. HÄNGEPARTIE UM MAMMUTPROJEKTE. Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses, das größte Kulturprojekt Deutschlands in diesem Jahrhundert, ist endgültig beschlossene Sache. Insgesamt sind für das geplante Kunst- und Kulturzentrum jetzt 590 Millionen Euro veranschlagt. Nach der von der Bundesregierung 2010 verordneten Sparpause sollen die Bauarbeiten 2014 beginnen und bis 2019 abgeschlossen sein. Der Bau der Hamburger Elbphilharmonie liegt dagegen wegen des Streits zwischen Stadt und Baukonzern weiter auf Eis. Eröffnung ist frühestens 2014. Die Kosten für den Steuerzahler sind von 77 Millionen auf mindestens 323 Millionen Euro explodiert.

10. TOTE DES JAHRES: Die letzte Hollywood-Diva und Deutschlands größter Komiker: Mit Liz Taylor und Loriot sind zwei Jahrhundertfiguren auf immer von der Bühne abgetreten. Die dreifache Oscar-Preisträgerin Taylor starb nach einem Leben voller Höhen und Tiefen mit 79 Jahren in Los Angeles. Vicco von Bülow alias Loriot erlag mit 87 Jahren am Starnberger See seiner Altersschwäche. "Er hat uns das Lachen beigebracht, vor allem das Lachen über uns selber", sagte stellvertretend für Millionen die Präsidentin der Deutschen Filmakademie, Iris Berben.

Weitere Tote waren Filmproduzent Bernd Eichinger (61), Darsteller Heinz Bennent (90), Schauspielerin Rosel Zech (69, "Mutter Oberin") und der Maler Bernhard Heisig (86). Sicher haben auch sie einst über Loriots wunderbaren Humor gelacht - etwa über die Liebeserklärung mit der hartnäckigen Nudel am Mund oder über das Badewannen-Duell mit der Gummi-Ente. "Lieber Gott, viel Spaß!", war die Schlagzeile einer ganzseitigen Traueranzeige für Loriot.

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