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23.06.2012, 11:06 Uhr

München im Nacktrausch - 1700 Nackedeis posieren für Fotokünstler

München (dpa) - Sie waren nackt und es wurde Licht: Fast biblisch mutet die Installation des amerikanischen Künstlers Spencer Tunick an. Mehr als tausend Menschen formieren sich für den Fotografen in München zu Kunstwerken.

Früh am Morgen, 4.30 Uhr auf dem Münchner Odeonsplatz: Bei 12 Grad lichtet sich langsam der Himmel, einige Betrunkene suchen nach dem siegreichen EM-Fußball-Viertelfinale der Deutschen gegen Griechenland ihren Heimweg, und der Kehrdienst beginnt mit der Straßenreinigung. München ist noch still, aber die Luft vibriert. Der New Yorker Fotokünstler Spencer Tunick hat alles durchdacht: "Ich arbeite gerne mit dem sanften Licht bei Sonnenaufgang - das hat etwas Apokalyptisches. Und die Stadt selbst ist leer und verträumt."

Gegen 5.00 Uhr wird das verträumte Bild ziemlich real: Hunderte von rot bemalten Nackten strömen aus dem Hofgarten auf die Ludwigstrasse. Viele jubeln laut, grölen "Ausziehen", als wollten sie sich selbst ermutigen. Wenige Minuten später lässt sich Spencer Tunick per Hebebühne zehn Meter über die Rothäute heben. Er gibt Kommandos, wie "Brillen ab und alle zusammenrücken", und aus dem aufgeregten Körperwirrwarr mutiert ein Kunstwerk. Die ersten Formationen erinnern an Arbeiter in den Flammen von Wagners Unterwelt "Nibelheim".

Hinüber zum zweiten Schauplatz laufen manche Nackte auf Händen, schlagen Rad oder hüpfen gut gelaunt. Zweites Motiv: Der feuerspeiende Drachenschlund entrollt sich aus der Feldherrnhalle auf den Odeonsplatz. Zum Finale kommen alle 1700 rot und golden Bemalten auf dem Max-Joseph-Platz vor der Oper zusammen und bilden den entscheidenden "Ring".

Alle Motive sind Elemente aus Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Die Hommage an den Musiker ist Neuland für Tunick. "Meine Aufgabe ist es, auf Wagner Bezug zu nehmen, nicht ihn zu zelebrieren", sagt er. Zum ersten Mal lässt der Künstler seine Modelle in Farben auftreten. Das Projekt stimme ihn aufgeregt: "Es ist nicht dasselbe, wie nackt zum Strand gehen, sondern man arbeitet mit an etwas, das größer ist, als man selbst", meint Tunick.

Der Künstler war von der Bayerischen Staatsoper zur Eröffnung der diesjährigen Festspiele eingeladen worden. "Sinn der Bilder von Tunick ist es, als Erweiterung zum musikalischen Programm den Mythos vom Menschen über den Körper zu erzählen", erklärt Staatsintendant Nikolaus Bachler.

Die dramatisch besetzten Wagner-Klänge gehören an diesem Morgen allerdings in die Vorstellungskraft. Bis auf die Anweisungen der rund 80 Helfer ist die Stadt still. Auch das ist Absicht des Fotokünstlers: "Die Musik bringt einen zum Weinen", sagt Tunick, der in seiner Jugend als Klarinettist selber Wagner gespielt hat. "Der Effekt von beidem wäre zu stark für mich." Lieber solle man die Musik und die Formen getrennt wahrnehmen.

Die Formen geben an diesem Samstag den Ton an. Nach dem Motto: Nudist kann jeder. Zumindest mit der nötigen Hochachtung vor zeitgenössischer Kunst à la Tunick. Die Teilnehmer in München sind großenteils begeistert. "Es war wunderbar, ein solches Erlebnis. Man kam sich gar nicht mehr nackt vor, weil alle gleich waren", sagt eine 45 Jahre alte Lehrerin. "Es war wie im Traum - total surreal. Es entstanden auf einmal Wärmekreise unter uns, obwohl anfassen am Anfang total tabu war. Echt toll", ergänzt ein 23 Jahre alter Medizinstudent. Für den Didgeridoo-Spieler Lars war es eine Überwindung: "Kurz vor dem Ausziehen hatte ich Panik, aber dann wurde die Stimmung klasse."

Als Dankeschön für den knapp dreistündige Einsatz bekommt jeder Teilnehmer einen Abzug von dem Bild, für das er posiert hat. "Ich bin glücklich, in Deutschland zu arbeiten", sagt Tunick abschließend. "Heute ist der Körper unter eine strenge Zensur gestellt, aber mein Wunsch ist es, dass die Leute durch diese Arbeit in Zukunft etwas versinnlicht werden."

Seit 1992 lockt es weltweit Menschen an die Schauplätze des Kunstfotografen. Tausende wollen Produkt seiner Fantasie sein. So hat Tunick bereits Körper im Toten Meer dümpeln lassen, um gegen den Wasserverbrauch zu demonstrieren. Ein andermal stellte er Hunderte splitternackt auf einen Schweizer Gletscher zum Thema Klimawandel.

Alle News vom: 23. Juni 2012 Zur Übersicht: Lifestyle

164 Meinungen zu "München im Nacktrausch"

  • Idiot123
    Dienstag, 18.09.2012, 13:08 Uhr
    Porno für alle??
  • Rennsemmel1
    Dienstag, 26.06.2012, 15:22 Uhr
    Für Irre ist alles normal................
  • Rennsemmel1
    Montag, 25.06.2012, 16:39 Uhr
    Allekommen nackt und dumm zur Welt. Allerding scheint mir , lernen viele nichts dazu..............
  • Biber
    Montag, 25.06.2012, 11:15 Uhr
    Übrigens erinert mich das Verhalten eiiger Kritiker hier an den Witz vom Mann beim Psychiater: Der malt beim Assosationstest einen Kreis und legt den dem Patienten vor: "An was denken sie dabei?" "An nackte Frauen!" Dann zeichnet er ein Quadrat - gleiche Frage - gleiche Antwort. Dasselbe mit einem Dreieck. Darauf der Psychiater: "Sie scheinen ein Problem mit nackten Frauen zu haben." "ICH ? Wieso ICH ? SIE malen doch die ganzen Sauereien !?"
  • Biber
    Montag, 25.06.2012, 11:04 Uhr
    @ DerBoeseWatz S. 19) Danke ! Einer der besten Beiträge zu diesem Thema ! Und genau deshalb (weil im Alltag unterschwellig alles von Sex und den vermeintlichen Schönheitsidealen bestimmt wird) können die Aufreger hier nicht mehr anders und eben nicht völlig unbefangen denken Ist genau wie bei der Lebensmittleindustrie: Der Geschmack wurde durch die völlig verbildet. Udie Raucher finden dass frische Luft so merkwürdig riecht ...
  • Biber
    Montag, 25.06.2012, 10:56 Uhr
    Zun Einen: Offensichtlich hatten und haben ja tausende Spaß daran (auch später an den Bildern) und haben alle freiwillig damit zu tun. Den anderen ist kein Schaden entstanden - also was solls ??? Diejenigen, die sich über Sex, Nacktheit und unbefangenes Stillen aufregen sind sicher in der Retorte auf "anständige Art" produziert worden, schon im Schutzanzug auf die Welt gekommen und mit "Soylent Green" ernährt worden. @ Prior: Erst wollte ich mich ja über deinen Stuß aufregen, aber dann fiel mir dein Nick auf ... passt ! Und @ isido: Ach weisst du, manche "entblössen" sich in angezogenem Zustad (!) viel unanständiger und sind eine Zumutung, z. B. wenn sie nur den Mund aufmachen. Dagegen ist Nacktheit nun wirklich das kleiner "Übel" Und Schamgefühl würde ich mir mal bei ganz anderen Gelegenheiten wünschen ! Z. B. bei Bankern und Politikern, wenn sie das Volk verarschen oder glauben machen, dass Krieg die Lösung der Probleme ist ...
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