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27.01.2013, 16:11 Uhr

Rüstung statt Büßerhemd - Brüderle klappt das Visier herunter

Düsseldorf (dpa) - "Die FDP darf nicht verlernen, sich freuen zu können!" Wer am Sonntag glaubte, dieser Einleitungssatz von Rainer Brüderle sei der Auftakt zu seiner Auseinandersetzung mit unangenehmen Sexismus-Schlagzeilen, irrte.

Zwar präsentierte sich der designierte FDP-Frontmann für die Bundestagswahl beim Neujahrsempfang der NRW-FDP wortgewaltig und lautstark wie immer - allerdings nicht zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Die von 90 Prozent der Deutschen in einer repräsentativen Umfrage geforderte   Entschuldigung bei der Journalistin, die sich von Brüderle angemacht fühlte, blieb aus.

Die Rolle des Verteidigers übernahm in Düsseldorf der geübteste FDP-Politiker in Sachen Krisenmanagement, der langjährige Ex-Parteichef Guido Westerwelle. "Ich weiß, was das heißt, allen Attacken ausgesetzt zu sein", kam der Außenminister gleich auf den Punkt.

Ohne Brüderle und die Sexismus-Affäre zu erwähnen, forderte er die Parteifreunde auf, jetzt die Reihen zu schließen und in die Offensive zu gehen: "Selbstbewusstsein ist jetzt gefragt. Kein gebückter Gang, gerades Kreuz."

Von den mehr als 1400 Gästen des Neujahrsempfangs von FDP-Hoffnungsträger Christian Lindner erntet der Außenminister dankbaren Applaus. Auch Brüderle wird umjubelt, kritische Stimmen sucht man im Saal vergebens. "Übertrieben" finden Parteifreunde die Sexismus-Debatte; andere wollen sich "jetzt noch kein Urteil bilden".

Doch der, der wissen muss, was er vor einem Jahr genau zu einer Journalistin an einer Bar gesagt haben soll, schweigt weiter eisern und bleibt vor keiner Kamera stehen. Pikant, dass er sich in seiner kraftvoll vorgetragenen Rede ausgerechnet mit grünen "Tugendwächtern" auseinandersetzt. "Was mir ganz besonders zunehmend auf den Keks geht, sind diese selbsternannten Tugend-Jakobiner", schimpft Brüderle, feixt über politisch korrekte Ernährung oder Zeitung und zieht, wie beabsichtigt, die Lacher auf seine Seite.

Klar ist aber auch: Solange er zu den Vorwürfen schweigt, werden die Medien ihm auf den Fersen folgen und andere Themen werden überlagert. Eine Erfahrung, die unter anderem Peer Steinbrück (SPD) mit der Diskussion über seine Honorare gemacht hat oder Ex-Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) mit dem Schweigen über seine politische Zukunft im Falle eines Wahlsieges in NRW.

Lindner hält sich ebenfalls bedeckt. Beim Empfang begrüßt er Brüderle als "Freund, zu dem wir stehen". Kein Wort über die Sexismus-Debatte. Auch er setzt auf das Prinzip "Angriff ist die beste Verteidigung" und geht in seiner launigen Rede lieber mit den Fettnäpfen des SPD-Spitzenkandidaten ins Gericht statt auf Fehler des eigenen Frontmanns einzugehen.

Auch über seine eigene politische Zukunft sagt der vorsichtige Stratege vor den Parteifreunden nichts. Lindner wird für den vorgezogenen Bundesparteitag im März als Vizeparteichef gehandelt. Für seine Umgebung keine Überraschung, sondern für den Vorsitzenden des größten Landesverbands eher zu erwarten, heißt es.

Sollte Brüderle die Sexismus-Affäre als Spitzenkandidat nicht überstehen, würde der Ruf nach Lindner wieder lauter. Doch der 34-Jährige will noch nicht an die Spitze und unterstützt - wohl auch deshalb - den Altgedienten.

Auch hier ist es Westerwelle, der das heiße Eisen aufnimmt und Lindner als Mann der Zukunft lobt - "geistreich, engagiert und mit starkem Kompass". Brüderle hatte sich selbst zuvor unter dem Gelächter der Parteifreunde charakterisiert als Politiker "in der mittleren Phase meines Lebens". FDP-Lichtgestalt Hans-Dietrich Genscher (85), der gerade mit Lindner an einem gemeinsamen Buch arbeitet, zeigte sich tief beeindruckt über so viel kraftstrotzendes Selbstbewusstsein. Westerwelle verriet über seinen Sitznachbarn: "Hans-Dietrich Genscher flüsterte mir ins Ohr: Das macht Mut."

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