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11.01.2013, 15:58 Uhr

"Costa Concordia": Rückblick auf die Katastrophe

Am 13. Januar 2012 kenterte das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" vor der Küste der italienischen Insel Giglio. Wir blicken zurück auf das spektakuläre Unglück und geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von WEB.DE Redakteur Marcel Engels

Was passierte am 13. Januar 2012?

Die "Costa Concordia", das Flaggschiff der italienischen Reederei Costa Crociere, läuft gegen 19 Uhr Ortszeit aus dem Hafen von Civitavecchia aus. Auf seiner Kreuzfahrtroute soll das Schiff die Häfen Savona, Marseille, Barcelona, Palma de Mallorca und Cagliari anlaufen, bevor es nach Civitavecchia zurückkehrt. Allerdings kollidiert die "Costa Concordia" schon nach knapp drei Stunden Fahrzeit mit einem Felsen vor der Küste der italienischen Insel Giglio.

Der Zusammenstoß mit dem Riff führt zu einem etwa 70 Meter langen Riss in der Backbordseite, durch den in kürzester Zeit fünf Abteilungen im Rumpf des Schiffs geflutet werden. Da die Stabilität der "Costa Concordia" nur bei maximal zwei unter Wasser stehenden Abteilungen gewährleistet ist, versucht der Kapitän des Schiffs, Francesco Schettino, nach eigener Aussage den Hafen der Insel Giglio anzusteuern. Dies soll die Bergung erleichtern und eine größere Katastrophe verhindern.

Allerdings ist das Schiff schon wenige Minuten nach der Kollision nicht mehr manövrierfähig und treibt in einer Schleife in Richtung des Hafens. Nach einigen Kilometern läuft die "Costa Concordia" schließlich dicht vor der Küste auf Grund und kentert. Mit etwa 65 Grad Schlagseite erreicht das Schiff um exakt 21:54 Uhr seine Endposition. Bis zum Beginn der Evakuierungsmaßnahmen dauert es aber noch über eine halbe Stunde, denn Kapitän Schettino gibt in mehreren Funksprüchen an die Küstenwache durch, die Situation unter Kontrolle zu haben.

Erst um 22:30 Uhr ertönt das Signal zur Evakuierung und die Rettungsaktion beginnt. Da die Küste nur wenige hundert Meter entfernt liegt, springen einige Passagiere von Bord und versuchen zur Insel Giglio zu schwimmen. Währenddessen bringen Rettungsboote, Hubschrauber und andere Schiffe einen Großteil der Mitreisenden von Bord. Die Aktion läuft die ganze Nacht hindurch. Gegen Mittag des Folgetages, einem Samstag, vermissen die Rettungshelfer noch etwa 50 Menschen, von denen einige erst am Sonntag Morgen gerettet werden können. Danach geht die Suche nach Überlebenden zwar noch einige Tage weiter, sie bleibt aber erfolglos.

Wie viele Opfer sind zu beklagen?

Zum Zeitpunkt des Unglücks befinden sich exakt 4.229 Menschen an Bord, ungefähr 1.000 davon sind Besatzungsmitglieder. Der Großteil der Passagiere sind Italiener, aber auch über 500 Deutsche, sowie Franzosen, Russen, Schweizer, Österreicher und US-Amerikaner reisen mit.

Ein Großteil von ihnen wird während der Rettungsmaßnahmen in der Unglücksnacht von Freitag auf Samstag per Boot oder Hubschrauber auf das nahe Festland in Sicherheit gebracht. 30 Personen erleiden Verletzungen. Im Laufe des Sonntags können noch drei Überlebende aus dem Schiffsrumpf gerettet werden. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich offiziellen Angaben zu Folge auf 32.

Welche Rolle spielte Kapitän Schettino?

Francesco Schettino, der Kapitän der "Costa Concordia", spielt eine Schlüsselrolle im Unglücksfall des Schiffs. Dem "Chaos-Kapitän", wie ihn Boulevard-Medien bald nennen, werden allerlei Versäumnisse und haarsträubende Unprofessionalität vorgeworfen. So änderte der Italiener kurzerhand den Kurs des Schiffs, um einem ehemaligen Kollegen eine Geste zu erweisen. Schettinos Plan sah vor, nahe am Haus des Freundes vorbeizufahren. Dieser Kurs führte allerdings viel zu nah an der Küste entlang, was zu der folgenschweren Kollision führte.

Zum Zeitpunkt des Unglücks befand sich zudem Domnica Cemortan, ehemalige Übersetzerin an Bord der "Costa Concordia" und vermutete Geliebte Schettinos, auf der Kommandobrücke. Vielerorts wird spekuliert, ob der Kapitän durch die unerlaubte Anwesenheit seiner blonden, jungen Bekanntschaft abgelenkt war.

Auch sein Verhalten während der Evakuierungsmaßnahmen werfen Schettino viele Beobachter vor. So soll er nicht nur viel zu spät die Küstenwache von der Havarie in Kenntnis gesetzt haben, sondern auch das Schiff zu Beginn der Rettung, entgegen aller seemännischen Gewohnheiten, verlassen haben. Dies brachte ihm in den Medien den Spitznamen "Kapitän Feigling" ein.

Die Staatsanwaltschaft Grosseto, die für den Fall zuständig ist, wirft Schettino fahrlässige Tötung, Herbeiführung eines Schiffbruchs und die Beschädigung geschützter Gebiete vor. Vom 6. Februar bis zum 5. Juli 2012 steht der Skandalkapitän unter Hausarrest, mittlerweile darf er sich zumindest in seinem Heimatort nahe Neapels frei bewegen. Die Reederei Costa Crociere gibt im Oktober 2012 bekannt, Schettino schon im Juli des Jahres entlassen zu haben.

Welche Verfahren laufen derzeit vor Gericht?

Neben Schettino wirft die Staatsanwaltschaft Grosseto noch einer Reihe anderer Personen Fehlverhalten vor. Der Erste Offizier der "Costa Concordia", Ciro Ambrosio, muss sich ebenfalls wie Schettino wegen fahrlässiger Tötung und Herbeiführung eines Schiffbruchs verantworten. Auch drei leitende Angestellte der Reederei Costa Crociere und vier weitere Bordoffiziere befinden sich im Visier der Ermittler. Im Rahmen der Untersuchungen stellte sich heraus, dass der Unglückskurs der "Costa Concordia" von anderen Schiffen der Reederei schon häufiger ohne die nötige Genehmigung befahren worden war.

Die Schiffsgesellschaft Costa Crociere nennt das Unglück in einer offiziellen Stellungnahme noch im Januar 2012 eine "bestürzende Tragödie". Um einer Sammelklage der betroffenen Passagiere zuvorzukommen, bietet die Reederei jedem Mitreisenden 11.000 Euro Entschädigung und 3.000 Euro als Reisekostenrückerstattung an. Laut Angaben des Unternehmens haben bisher zwei Drittel der Überlebenden die Geldsumme akzeptiert.

Was passiert mit der "Costa Concordia"?

Noch immer liegt das Kreuzfahrtschiff mit Schlagseite im Meer vor der Insel Giglio. Die knapp 2.500 Tonnen Treib- und Schmierstoff, die sich in den Tanks der "Costa Concordia" befanden, konnten innerhalb von gut zwei Monaten abgepumpt werden, um schwerere Folgen für die Natur der Region, die zum Walschutzgebiet des Mittelmeers gehört, zu verhindern. Die Bergung des Schiffs dauert aber immer noch an.

Der Plan der beauftragten Bergungsfirma Titan Salvage sieht vor, die "Costa Concordia" mittels aufpumpbarer Luftbehälter im Stück aufzurichten. Daraufhin will man das Schiff wieder schwimmfähig machen und zu seiner endgültigen Verschrottung abtransportieren. Das Aufrichten ist für das Frühjahr 2013 geplant, mit dem Abtransport rechnet die Bergungsfirma nicht vor 2013. Mit circa 400 Millionen Euro kostet die Bergung ungefähr 50 Millionen Euro weniger als der Bau des Schiffes.

Welche Folgen hat die Katastrophe?

Neben dem juristischen Nachspiel und der Bergung hat das Unglück auch politische Folgen. Einige Wochen nach der Havarie erlassen Italiens Gesetzgeber eine Verordnung, nach der zukünftig Schiffe ab einer bestimmten Größe einen Mindestabstand von zwei Seemeilen zu Nationalparks einhalten müssen. Die Reederei Costa Crociere leitet ebenfalls aus der Katastrophe neue Regeln und Änderungen ab. So sollen zukünftig alle Bewegungen der eigenen Schiffe in Echtzeit kontrolliert und die Notfallübungen für die Passagiere an Bord verbessert werden.

Wie geht es nun weiter?

Für den 13. Januar 2013 plant die Reederei Costa Crociere eine Gedenkfeier für die Opfer der Katastrophe auf der Insel Giglio. Dabei sorgte allerdings ein Brief für Aufsehen, den das Unternehmen an die Überlebenden des Unglücks geschickt hatte. Die Feier sei "den Familien derer gewidmet, die nicht mehr unter uns sind". Daher rät die Reederei den Überlebenden vom Besuch der Feierlichkeiten ab. Auch aus logistischen Gründen empfiehlt die Firma ihren ehemaligen Kunden, dem Event fernzubleiben. Die Insel sei nämlich laut dem Schreiben nicht darauf vorbereitet, die mehr als 4.200 Überlebenden mit ihren Familien zu empfangen.

Ein großer Felsbrocken, der sich bei der Kollision im Rumpf der "Costa Concordia" verkeilt hatte, soll im Laufe der Gedenkfeier mitsamt einer Plakette, die die Namen der Todesopfer trägt, an seiner ursprünglichen Stelle im Meer versenkt werden. Weitere Neuigkeiten zur Bergung des Kreuzfahrtriesen erwarten die Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz am 12. Januar.

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