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26.03.2013, 12:19 Uhr

Fall Kampusch: Die Verschwörungstheorien

Der spektakuläre Fall des österreichischen Entführungsopfers Natascha Kampusch beschäftigt Menschen in aller Welt - doch nicht nur aufgrund der Unfassbarkeit des Verbrechens. Immer wieder machen verschiedene Verschwörungstheorien die Runde, von denen eine nun neue Nahrung von offizieller Seite bekommen hat. Wir dokumentieren die Ungereimtheiten rund um den Fall.

Nach der Flucht von Natascha Kampusch aus ihren Verlies tötete sich ihr Entführer Wolfgang Priklopil laut immer noch offizieller Lesart selbst - diese These galt jedoch seit längerer Zeit als stark fraglich. Nun stellt offenbar erstmals ein Gutachten die bisher angenommene Todesursache des Entführers in Abrede. Hatte er zumindest bei seinem Selbstmord einen Helfer oder wurde er gar ermordet? Aufgrund der Verletzungen, der Position der Leiche und der Funktionsweise eines Zuges sei es "unmöglich, dass Priklopil Selbstmord begangen hat", sagte Karl Kröll der "Österreich"-Zeitung. Kröll ist der Bruder des unter seltsamen Umständen verstorbenen Hauptermittlers in dem Fall. Seine Aussage stützt sich auf ein neues Sachverständigen-Gutachten, das diese Woche veröffentlicht werden soll.

Hatte Priklopil Mittäter?

Natascha Kampusch selbst hat Theorien von Mittätern bislang immer als Hirngespinste bezeichnet. Seit Jahren glauben allerdings viele Menschen, dass der Entführer Wolfgang Priklopil Helfer oder Mitwisser gehabt haben muss. Priklopil hatte die zehnjährige Natascha Kampusch 1998 entführt und acht Jahre in seinem Haus bei Wien in einem aufwendig gebauten Kellerverlies gefangen gehalten - allein schon der Bau dieses Keller dürfte allein kaum zu leisten gewesen zu sein. Eine junge Zeugin, die die Entführung beobachtet hatte, sprach später von zwei Tätern. Ein Mann mit kurz geschorenen Haaren habe die ganze Zeit hinter dem Steuer des Fahrzeugs gesessen, während der Beifahrer - der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil - das Mädchen in den Wagen zerrte. Bis heute rückt die Augenzeugin kein Stück von ihrer Darstellung des Tathergangs ab.

Mysteriöser Selbstmord des Chefermittlers

Im Juni 2010 wurde der Polizeioberst und Leiter der "SOKO Kampusch", Franz Kröll, tot auf der Veranda seiner Wohnung gefunden. Kröll hatte sich augenscheinlich mit einer alten Dienstwaffe in den Kopf geschossen. Sein Freitod wirft aber bis heute Fragen auf - es ist sogar von Mord die Rede. Die Theorie: Franz Kröll stand angeblich vor der Lösung des Entführungsfalls und musste sterben, weil er zu viel wusste. Einiges mutet tatsächlich eigentümlich an: So hatte Kröll offenbar vor seinem Suizid in mehreren E-Mails an seine Kollegen angedeutet, in seinen Ermittlungen im Fall Kampusch massiv behindert zu werden. Auch der Bruder des Chefermittlers, Karl Kröll, glaubt bis heute nicht an einen Freitod.

Kampusch als Beute eines Kinderporno-Rings?

Es war Natascha Kampusch selbst, die den Verdacht eines Porno-Rings als Drahtzieher der Entführung ins Spiel brachte. Bei einer Vernehmung sagte sie, Priklopil habe ihr schon im weißen Kastenwagen gesagt, dass er sie an "andere" übergeben wolle. Waren damit etwa eine Wiener Sex-Shop-Besitzerin oder ein ranghoher Offizier der österreichischen Armee gemeint? Fest steht, dass Priklopils enger Vertrauter Ernst H. während Nataschas Gefangenschaft intensiven Kontakt mit diesen Personen aus der Pornoszene pflegte - das belegen Rufdatenrückerfassungen sichergestellter Mobiltelefone. Weiter verfolgt wurde diese Spur jedoch nicht, obwohl gegen besagten Milizoffizier bereits Ende 2008 wegen des Verdachts der Kinderpornografie ermittelt wurde.

Polizist sucht auf eigene Faust nach Kampusch-Tochter

Im Februar 2012 wurde bekannt, dass ein österreichischer Polizei-Inspektor in einer Volksschule verdeckt ermittelt hatte, um auf die Spur einer angeblichen Tochter von Natascha Kampusch und ihrem Entführer zu kommen. Gerüchte um eine Liebschaft zwischen Kampusch und ihrem Peiniger hatte es bereits seit Längerem gegeben. "Es ist völlig absurd", sagte das Opfer in einem TV-Interview zu derartigen Mutmaßungen. "Bei der Vorstellung, dass es Menschen gibt, die solche Fantasien haben, wird mir richtig schlecht."

Der inzwischen suspendierte Polizist Josef Winkler dürfte Geld für seine Nachforschungen angenommen haben. Er hatte versucht, an die DNA-Probe einer achtjährigen Volksschülerin zu kommen. Dafür erhielt er demnach einen fünfstelligen Eurobetrag. Der mutmaßliche Auftraggeber: Karl Kröll, Bruder des verstorbenen Chefermittlers in der Causa Kampusch. Seine Motive bleiben jedoch genauso im Dunkeln wie die Wahrheit in dem wohl spektakulärsten Kriminalfalls der österreichischen Geschichte.

Ermittlungspannen ohne Ende

Vielleicht sollen die zahlreichen Ermittlungspannen unter den Tisch gekehrt werden? Laut Johann Rzeszut, ehemals Präsident des Obersten Gerichtshofs Wien und Mitglied der Kampusch-Evaluierungskommission, gab es insgesamt 27 "fachlich plausibel nicht zu erklärende Besonderheiten des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens". So sollen etwa Zeugen nicht verhört, Hinweisen nicht nachgegangen und zahlreiche Spuren am Tatort nicht gesichert worden sein. Besonders heftig: Priklopils Freund Ernst H., der zu diesem Zeitpunkt als Mittäter verdächtig war, konnte noch während der Spurensicherung unbehelligt Gegenstände aus Priklopils Haus entfernen.

Doch auch von bewussten Ermittlungsbehinderungen war die Rede: Verschiedenen Medienberichten zufolge soll Polizisten beispielsweise von ranghoher Stelle unmissverständlich nahegelegt worden sein, die Untersuchungen rasch einzustellen. Der Evaluierungskommission soll zudem die Einsicht in wichtige Akten verwehrt worden sein.

Kampusch will die Spekulationen beenden

Kampusch selbst hatte in einem langen Fernsehinterview um Ruhe gebeten und sich gegen die zahlreichen Verschwörungstheorien gewehrt. Weder habe es weitere Täter neben dem Entführer oder gar einen Kinderpornoring gegeben, noch sei sie schwanger gewesen, sagte sie. Die Debatten in den österreichischen Medien nannte sie "empörend".

Alle News vom: 26. März 2013 Zur Übersicht: Nachrichten
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