(ska) - FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle wird von einer "Stern"-Journalistin vorgeworfen, er habe sich ihr gegenüber anzüglich verhalten. Der Bericht schlägt hohe Wellen, bei Twitter schreiben Frauen unter dem Hashtag #aufschrei über ihre alltäglichen Erfahrungen mit chauvinistischen Übergriffen. Jetzt meldet sich auch Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer zu Wort.

Unter #aufschrei twittern Frauen über sexistische Erfahrungen im Alltag.

Schwarzer engagiert sich bereits seit den 1970er Jahre in der Frauenbewegung und hat verschiedenste Stadien der Sexismus-Diskussionen erlebt. In der aktuellen Debatte sieht sie jedoch einen neuen Faktor: "Das beklagte sexistische Verhalten disqualifiziert endlich auch den Mann", schreibt die Frauenrechtlerin auf ihrem Blog.

"Stern"-Journalistin Laura Himmelreich hat die Avancen von Rainer Brüderle publik gemacht. Laut Schwarzer ist sie das Abbild einer neuen Frauengeneration, die sich "geile Blicke und sabbernde Anmache" nicht mehr gefallen lassen will: Nicht der kurze Rock sei schuld an Anmachsprüchen und sexistischem Verhalten, sondern nun werde der Mann angeprangert. "Journalistinnen, die ja unter einem besonders starken Anpassungsdruck stehen, können es jetzt wagen, mit ihren einschlägigen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen", so Schwarzer.

Die Schmerzgrenze ist erreicht

Wie drängend das Thema ist, zeigt sich derzeit vor allem im Netz. Schon den ganzen Tag erzählen Frauen auf Twitter unter #aufschrei von sexistischen Erfahrungen im Alltag. Schwarzer sieht darin ein klares Zeichen, dass die meisten Frauen nun "genug runtergeschluckt" hätten.

Über Brüderle selbst fällt Schwarzer ein vernichtendes Urteil. Himmelreichs Porträt über den FDP-Fraktionschef setze laut Schwarzer einen Schlussstrich unter dessen politische Karriere: "FDP-Chef Brüderle ist kein Politiker mit Zukunft mehr, sondern ein Mann von gestern."

Den Vorwurf einiger FDP-Politiker, hinter dem Zeitpunkt der Veröffentlichung von Himmelreichs Artikel stecke politisches Kalkül, ist für Schwarzer nicht haltbar. Sie sieht drei Gründe für den gewählten Termin: Zum einen sei Brüderles Verhalten wohl so üblich gewesen, dass es keinen Extra-Artikel gerechtfertigt hätte. Zum anderen dürfe mit der Sache dennoch nicht hinter dem Berg gehalten werden. Und natürlich habe auch die Aktualität der Personalie des FDP-Politikers Brüderle eine Rolle gespielt.

Der FDP-Abgeordnete Rainer Stinner hatte im "Deutschlandfunk" gesagt, er halte "es für völlig unprofessionell und abwegig", dass die Journalistin "nach einem Jahr diese Belästigung auskramt". Es sei zudem bemerkenswert, dass der Artikel genau zu dem Zeitpunkt erscheine, an dem "derjenige, von dem sie sich belästigt gefühlt hat, einen neue herausragende Position in der FDP einnimmt".