Die Attentäter von Paris bezogen sich auf den Islam, die Demonstranten von Pegida wollen angeblich das christliche Abendland verteidigen. Wäre die Welt ohne Religion friedlicher? Atheismusforscher Carsten Ramsel über seine Zweifel an dieser These und warum er Religion dennoch für entbehrlich hält.

Herr Ramsel, der Terroranschlag von Paris hat die Welt erschüttert. Die Täter riefen "Gott ist groß". Bei den Pegida-Demonstrationen werden christliche Werte gegen eine vermeintliche Islamisierung in Stellung gebracht. Schürt Religion Konflikte?

Carsten Ramsel: Atheistische Positionen wie sie Richard Dawkins oder Michael Schmidt-Salomon vertreten, gehen davon aus, dass Religion unvernünftig und deswegen gefährlich sei. Sicher gibt es dafür historische Beispiele. Aber es ist zu simpel gedacht, zu behaupten, es gebe eine monokausale Beziehung zwischen Religion und Gewalt. Pegida wird vor allem von starken Ressentiments gespeist gegen alles, was anders ist. Das hat nichts mit Religion zu tun. Und die Attentäter wendeten zwar aus religiösen Motiven Gewalt an, aber solche Leute sind die Ausnahme. Die meisten Muslime fanden die Anschläge von Paris genauso furchtbar wie Sie und ich.

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Die Welt wäre also nicht friedlicher, wenn sich die Menschen weniger auf Religion denn auf alternative Werte berufen würden?

Da muss ich zurückfragen: Welche religiösen Werte haben wir denn in unserer Gesellschaft noch? Die meisten Werte, auf die wir uns heute beziehen, sind säkular: Menschenrechte, das gesamte Strafgesetzbuch. Auch unsere Werte im gesellschaftlichen Zusammenleben: Wir sind nicht aus religiösen Gründen höflich zueinander. Und auch religiöse Menschen richten sich nach den gesellschaftlichen Normen.

Welche Funktion hat dann Religion noch?

Auf persönlicher Ebene werden wir immer wieder mit den Unwegsamkeiten des Lebens konfrontiert. Darauf gibt unter anderem Religion eine Antwort. Aber nicht nur sie. Eine andere Möglichkeit ist zum Beispiel die Kunst, da gibt es auch Ausdrucksformen, die dazu beitragen. Auf gesellschaftlicher Ebene diente die Religion lange für die Legitimation von Herrschaft. Aber auch hier gibt es inzwischen Alternativen. Heute wird Konsens durch eine gemeinsame Erzählung hergestellt: Wir sind alles Menschen, die friedlich zusammen leben wollen. Als Normenbegründung gibt es seit dem 19. Jahrhundert bessere Strategien als zu sagen, das steht in einem 1.400 Jahre alten Buch.

Ist Religion also überholt?

Für mich vollkommen. Sie hat lange eine Erklärung geliefert, was die Welt ist und was der Mensch. Das haben die Naturwissenschaften übernommen. Auch beim Thema Ethik brauchen wir Religion nicht mehr: Es gibt seit Immanuel Kant keine Ethik mehr, die mit religiösen Entitäten begründet wird. Was Religion auch gerne in Anspruch nimmt, ist sinnstiftend zu sein. Dazu gibt es aber viele Untersuchungen, die zeigen, dass das für Menschen drei andere Dinge sind, ob religiös oder nicht: die Familie, der Beruf und die Freizeit. Auch wenn ich mich mit theologischen Kolleginnen und Kollegen unterhalte, finde ich nichts, von dem ich sage, das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Religion.

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Warum wird an dem Konzept der Religion dennoch festgehalten?

Sie ist der Status quo. Es gibt einfach gewisse Ideen, die sich tradiert haben. Ein Grund ist sicher auch, dass die Leute religiös erzogen worden sind. Es ist eine Sache von Einübung. Wenn zum Beispiel Eltern einer Dreijährigen wiederholt erklären, der Verstorbene sei jetzt im Himmel, stehen die Chancen gut, dass sie das übernimmt.

Ist dieses Trostspenden nicht doch eine wichtige Funktion, die Religion noch hat?

Es gibt viele Menschen, die behaupten, sie spende ihnen Trost. Aber auch hier gibt es Alternativen wie die Trauerbewältigung in der Psychotherapie oder Ausdrucksmöglichkeiten in Form von der Kunst.

Nimmt die Religiosität denn ab?

Es gibt die These, dass weltweit Religiosität abnimmt, aber gleichzeitig fundamentalistische Positionen zunehmen. Für den deutschsprachigen Raum gilt: Der Einfluss der etablierten Religionsgemeinschaften nimmt stark ab und die religiösen Vorstellungen verändern sich fernab davon, zum Beispiel in Form von Esoterik. Auch die Bedeutung von Religion im Leben der einzelnen Menschen hat abgenommen.

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Stehen die Chancen auf ein friedlicheres Zusammenleben damit am Ende doch besser?

Es wäre schön, wenn ich das behaupten könnte. Nach dem Motto: Wer keine heiligen gewalttätigen Texte hat, auf die er sich berufen kann, ist friedlicher. Aber leider kommen mir dann andere Formen in den Sinn wie übertriebener Nationalismus, wo Leute antireligiös eingestellt sind, aber noch lange nicht friedliebend. Ein gewisser Prozentsatz an Menschen bliebt wohl einfach gewalttätige Idioten. Und die finden sich überall.

Dr. Carsten Ramsel ist Assistent der Professur für Empirische Religionsforschung und Theorie der interreligiösen Kommunikation an der Universität Bern. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Atheismus und Religionskritik.