Es ist eine Horrorvision: Terroristen gelingt der Zutritt in ein Atomkraftwerk, sie zünden eine Bombe oder erpressen nukleares Material. Ein solches Szenario galt bislang als unwahrscheinlich. Doch Sicherheitsleute sind nach den Brüsseler Anschlägen alarmiert.

In Deutschland sind derzeit noch acht Atomkraftwerke in Betrieb. In jeder Anlage haben nach Angaben der Betreiber im Schnitt 500 Menschen täglich Zutritt auf das Kraftwerksgelände. Hinzu kommen Drittfirmen und Lieferanten. Ermittlungen im Zuge der Anschläge in Brüssel brachten nun ans Licht: Die Terrorzelle spionierte offenbar auch einen Atomforscher aus. Kernkraftwerke rücken möglicherweise immer stärker ins Blickfeld von Terroristen.

Wie sicher sind Atomkraftwerke vor Terrorbedrohungen?

Das ist schwer zu sagen, weil Details zu Sicherheitslagen oft als vertraulich gelten und unter Verschluss gehalten werden. Ein Stresstest der Reaktorsicherheitskommission hatte 2011 in der Folge der Atomkatastrophe von Fukushima ergeben, dass ältere Anlagen bei einem gezielt herbeigeführten Flugzeugabsturz einen geringeren Schutz bieten als neuere.

Nach einer neuen Einschätzung der Umweltorganisation BUND sind die deutschen Atomkraftwerke weiterhin nicht ausreichend gegen Terrorangriffe geschützt. Die vorgesehene Vernebelung der Gebäude, die gezielte Angriffe aus der Luft verhindern soll, schütze die Reaktoren nur minimal.

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Können sich islamistische Terroristen getarnt als Mitarbeiter auf ein Kraftwerksgelände schmuggeln?

Das ist eine Frage, die seit den Brüsseler Terroranschlägen stark in den Fokus gerückt ist und Ermittler und Fachleute aufgeschreckt hat. So hat ein Dschihadist als Mitarbeiter einer externen Dienstleistungsfirma im Hochsicherheitsbereich des belgischen Kernkraftwerks Doel gearbeitet, bevor er als IS-Kämpfer nach Syrien reiste und dort starb.

Zudem soll die Brüsseler Terrorzelle belgischen Medienberichten zufolge hinter einem Spionageangriff gegen einen Atomforscher stecken, der im belgischen Nuklearforschungszentrum "CEN" in Mol arbeitet. Warum der Wissenschaftler ausspioniert wurde ist unklar. Eine Theorie lautet, dass von ihm radioaktives Material für eine sogenannte schmutzigen Bombe erpresst werden sollte.

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Wie werden deutsche Atomkraftwerke intern geschützt?

Hierzu gibt es klare Vorgaben durch das Atomgesetz, die die Betreiber von Kernkraftwerken strikt einhalten müssen. Zuständig für die Aufsicht sind die Länderministerien. "Wir haben strenge Auflagen und legen die Maßnahmen fest", betont eine Sprecherin des Düsseldorfer Wirtschaftsministeriums. Die wichtigste Vorkehrung ist die atomrechtliche Zuverlässigkeitsüberprüfung (AtZüV) der Beschäftigten.

Danach muss sich das Kernkraftwerkspersonal in der Regel alle fünf Jahre einem solchen Sicherheitstest unterziehen. "Dies wird aber dynamisch gehandhabt", sagte eine Sprecherin der Eon Kraftwerk in Hannover. Die Frist könne auf Veranlassung der zuständigen Ministeriums auch kürzer sein.

Erst nach Abschluss der vollständigen Überprüfung werde das Atomkraftwerk von der zuständigen Behörde über das Ergebnis unterrichtet, heißt es ergänzend aus dem Bundesumweltministerium. Besteht kein Zweifel an der Zuverlässigkeit des Beschäftigten, erhält dieser Zutritt zu den für seine jeweilige Tätigkeit notwendigen Bereichen.

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Wer führt die Prüfungen durch?

In einem dreistufigen Verfahren prüfen die Länderministerien die betroffenen Beschäftigten bei Betreibern und externen Firmen nach sicherheitsrelevanten Kriterien, je nachdem in welchem Bereich sie in einem AKW beschäftigt sind oder sein werden. Der Sicherheitscheck erfolgt anhand von Daten aus Kriminalakten, des Verfassungsschutzes oder auch des militärischen Abschirmdienstes. Eine Geheimschutz-Überprüfung erfolgt nur bei Mitarbeitern, die Zugang zu vertraulichen Informationen haben.

In Nordrhein-Westfalen werden im Schnitt jährlich rund 1500 Mitarbeiter aus der Kernforschungsanlage Jülich, dem Atommüll-Zwischenlager Ahaus oder der Urananreicherungsanlage von Urenco in Gronau auf Zuverlässigkeit überprüft. Dabei fallen in der Regel nur wenige Bewerber durch.

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Wie schätzen die Kernkraftbetreiber die Sicherheitslage ein?

Die Energieriesen "Eon" und "RWE" beurteilen sie positiv: "Kerntechnische Anlagen zählen zu den am besten geschützten Industrieobjekten in Deutschland und verfügen über ein umfassendes Sicherungs- und Schutzkonzept", betont eine Eon-Sprecherin. Die Maßnahmen würden regelmäßig überprüft. Das wird auch im Bundesumweltministerium so gesehen: Die deutschen Atomkraftwerke seien umfassend gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter, zu denen auch Terrorangriffe zählen, geschützt.© dpa