Bad Aibling/Berlin (dpa) - Ein fehlgeleiteter Notruf hat womöglich zu dem schweren Zugunglück im oberbayerischen Bad Aibling mit elf Toten beigetragen.

Der Fahrdienstleiter habe nach den bisherigen Ermittlungen zuerst ein falsches Signal gesendet - und dann in der Hektik wohl die Tasten zweier verschiedener Warnrufe verwechselt, berichtete die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Das wollte die Staatsanwaltschaft zwar so konkret nicht bestätigen. Doch auch die Ermittler prüfen derzeit mögliche Fehlerquellen beim Notruf: Eine Fehlbedienung sei Gegenstand der Ermittlungen und der Begutachtung durch den Sachverständigen, teilte die Anklagebehörde in Traunstein am Dienstag mit. Es gelte insbesondere zu klären, weshalb und unter welchen Umständen beide Züge auf die eingleisige Strecke geschickt wurden und warum das Unglück nach der folgenschweren Fehlentscheidung nicht noch vermieden werden konnte.

Anhaltspunkte für rein technische Ursachen bei Gleis- oder Signalanlagen oder in den kollidierenden Zügen hätten sich nicht ergeben, erklärte die Anklagebehörde. "Deshalb steht nach wie vor menschliches Versagen etwa des zuständigen Fahrdienstleisters im Mittelpunkt der Ermittlungen."

Der Mann hatte den bisherigen Erkenntnissen zufolge die eingleisige Strecke für zwei Züge gleichzeitig freigegeben. "Der Fahrdienstleiter hat, als er seinen ersten Irrtum bemerkte, einen ersten Warn-Funkspruch an die beiden Lokführer schicken wollen", sagte Innenminister Herrmann der "Bild"-Zeitung. Dabei habe er die falsche Taste gedrückt und anstelle der Lokführer andere Fahrdienstleiter alarmiert. "Daraufhin schickte der Fahrdienstleiter einen zweiten Funkspruch an die Lokführer. Diesmal drückte er die richtige Taste, aber da war es schon zu spät", sagte Herrmann. Sein Ministerium wollte dazu keine Stellung nehmen.

Die "Bild"-Zeitung schreibt unter Berufung auf einen Experten, die beiden Tasten für die unterschiedlichen Notrufe lägen nebeneinander. Die Deutsche Bahn AG nahm dazu nicht Stellung. "Wir werden uns zu den laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht äußern und warten ab, bis Ermittlungsergebnisse vorliegen", sagte ein Sprecher.

Herrmann zog ein bitteres Fazit: "Wäre der erste Funkspruch bei den Lokführern angekommen, hätte das Unglück womöglich noch verhindert werden können. Das ist ganz besonders tragisch." Nun laufe es auf eine Anklage des Fahrdienstleiters wegen fahrlässiger Tötung hinaus. "Es sind mittlerweile auch alle technischen Defekte ausgeschlossen: Die Züge waren technisch völlig in Ordnung, inklusive der Bremsen. Das Funknetz hat funktioniert, ebenso alle Stellwerk-Funktionen."

Bei dem Frontalzusammenstoß zweier Regionalzüge auf der Strecke von Holzkirchen nach Rosenheim starben am 9. Februar elf Menschen, 85 Passagiere wurden teils lebensgefährlich verletzt. Das Bahnunglück gilt als eines der schwersten in der Geschichte der Bundesrepublik.© dpa