Limburg (dpa) - Wolfgang Duchscherer hält ein Foto in der Hand. Es zeigt den Blick, den er von der Terrasse seines Hauses an der Lahn hat: ein Fluss, der Campingplatz gegenüber und mächtige Betonpfeiler.

Sie gehören zur Lahntalbrücke, die 500 Meter entfernt den Verkehr auf der Autobahn 3 zwischen Köln und Frankfurt leitet. Mit Filzstift hat der Rentner auf dem Foto vier rechteckige Klötze an die Brücke gemalt. Denn so, befürchtet er, könnte sie in einigen Jahren aussehen - zumindest, wenn es nach den Plänen von Albert Egenolf geht. Der Geschäftsmann träumt von Wohnungen und Büros in rund 60 Metern Höhe auf der Autobahnbrücke nach deren Stilllegung.

Nach den Plänen des Architekturbüros "M 1:1" könnten vier Türme mit einer Nutzfläche von je rund 7000 Quadratmetern an den Brückenpfeilern befestigt werden und so dem Bund zehn Millionen Euro Abrisskosten ersparen.

"Das vergewaltigt die Landschaft", sagt Duchscherer. Er wolle "alles tun", um die Bebauung zu verhindern, und hat bereits gegen die Brückenbebauung unterschrieben. 1285 Unterschriften hat der Grünen-Stadtverordnete Leo Vanecek für eine Bürgerinitiative gegen die Bebauung übergeben, weitere sollen folgen. "Die Zahl erscheint nicht groß, aber zu Beginn haben die Leute gesagt: Das ist so unsinnig, das hat sich bald erledigt."

Die Limburger Stadtverordneten haben den Magistrat aufgefordert, einen Grundsatzbeschluss vorzubereiten, über den noch in diesem Jahr abgestimmt werden soll. Sie wollen der Idee eine Chance geben, wenn der Geschäftsmann ihre Bedingungen erfüllen kann. So muss Egenolf unter anderem einen "angemessenen" Sicherungsfonds nachweisen. Mit dem Fonds soll ein Brückenabriss finanziert werden, wenn das Projekt scheitert. Eigentlich sollte das Bauwerk bis April 2017 abgerissen werden, nur wenige Meter weiter entsteht schon eine neue Autobahnbrücke. Das Verfahren für den Brückenabriss liegt erst einmal auf Eis. Laut Egenolf verlaufen die Überlassungsverhandlungen für die Brücke mit dem Bundesverkehrsministerium "positiv".

Vanecek will als Stadtverordneter gegen eine Brückenbebauung stimmen. "So ein Monstrum passt nicht in eine kleinräumige Stadt wie Limburg, zum Lahntal und zur Altstadt", sagt er. Trotzdem habe er aufgehört, mit dem Geschäftsmann zu argumentieren: "Der Luftaustausch im Lahntalkessel, die Verkehrsanbindung, die Statik der Brücke, die Wohnqualität - egal, welches Argument man anführt, Egenolf hat immer etwas dagegenzuhalten." Für Vanecek sind das vor allem Scheinargumente. Seiner Meinung nach kippt die Stimmung in der Stadt. Er fühle sich berechtigt zu sagen: "Wir Bürger sind dagegen."

Albert Egenolf lässt sich davon nicht beirren. Bürgerinitiativen? "Das sind Gruppen, die ich bislang noch nicht überzeugen konnte", sagt der 65-Jährige. Das Projekt sieht er auf "einem guten Weg". In vier bis fünf Jahren will er es umgesetzt haben. Um die Bürger mehr einzubeziehen, hat er jetzt einen Gestaltungswettbewerb ausgelobt. Sein neues Konzept sieht Konstruktionen aus Stahl und Glas vor. "Ich habe bereits eine Handvoll Investoren für Büros, Hotels und Wohnungen", sagt Egenolf. Konkrete Namen will er aber nicht nennen.

Und genau diese Unklarheit ist das Problem: "Wenn wir wüssten, da wartet nur jemand im Hintergrund auf eine Entscheidung in der Politik, wäre die Sache viel einfacher", sagt Christopher Dietz, Vorsitzender der CDU-Fraktion. Schließlich würde ein "Ja" der Stadt viel bringen: Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen. Wenn der Investor den Forderungskatalog der Stadtverordneten erfüllen könne, "kann das Projekt Limburg voranbringen", sagt er. Dietz spricht von einem "Leuchtturm", der das Interesse auf Limburg lenke. Trotzdem gibt er zu: Die Zustimmung in seiner Fraktion bröckelt.

Sollten die Stadtverordneten für eine Bebauung stimmen, will Vanecek "das Vorhaben mit Bürgerbegehren und Bürgerentscheid kippen", sagt er. Konkret heißt das: Er muss binnen acht Wochen nach der Entscheidung von zehn Prozent der wahlberechtigten Limburger Unterschriften gegen das Projekt sammeln - nach Angaben der Stadtverwaltung sind das rund 2400 Bürger. In der Abstimmung ist dann eine Mehrheit mit Stimmen von mindestens 25 Prozent aller Wahlberechtigten gegen den Beschluss der Stadtverordneten nötig.

Wolfgang Duchscherer hat dem Projekt auf seiner Terrasse schon den Rücken gekehrt. So blickt er - genau wie es für die künftigen Brückenbewohner geplant ist, auf den Dom an der Lahn - aber nur aus zehn Metern Höhe.© dpa