Berlin (dpa) - An sein Silvester vorm Brandenburger Tor hat Jagdeep aus Indien große Erwartungen: "Ich freue mich vor allem auf die gute Berliner Electro-Musik", erzählt der Masterstudent euphorisch, kurz bevor das Bühnenprogramm startet.

Stattdessen gibt es dann auf Deutschlands größter Open-Air-Silvesterparty ein paar Stunden vor Mitternacht vor allem: Schunkeln, Deutschpop und Musik aus den Charts. Auf der zwei Kilometer langen Feiermeile fiebern Hunderttausende gemeinsam dem Jahreswechsel entgegen. Später will die wiedervereinigte 90er-Boyband Caught in the Act den Silvester-Countdown einläuten.

Gegen Nieselregen und Kälte wappnen sich die Feiernden mit heißem Caipirinha, Essen wie Schwein am Spieß und ausgefallenen Kopfbedeckungen. Aus der Menge ragen bunte Katzenohren und pink changierende Cowboyhüte. An einem Stand mit Accessoires verkaufen sich aber schnöde Handschuhe und Wollsocken besser. "Hier sind viele Touristen unterwegs. Die unterschätzen die Kälte", erklärt ein Verkäufer.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind nach den Anschlägen in Paris verschärft.

Und tatsächlich - von Farsi über Japanisch und Arabisch sind alle möglichen Sprachen zu hören. "Ich will Silvester vor den anderen Amerikanern feiern", erzählt Hector aus den USA leicht beschwipst. Der 19-jährige Djihad und seine zwei Freunde sprechen ebenfalls nur Englisch, sind aber keine Touristen - sondern Flüchtlinge aus Syrien. Seit vier Monaten leben sie in Deutschland. "Hier feiern viele Flüchtlinge", erzählt Djihad.

Die Party kam zwar langsamer in Fahrt als an Silvester 2014. Aber gegen 20.00 Uhr rieten die Veranstalter den Leuten, zu Hause zu bleiben - das Gelände sei fast voll. Lange Warteschlangen gab es an den Eingängen zuvor nicht. Die 600 Sicherheitsleute kontrollierten die Feierwilligen wie am Fließband: zuerst die Taschen nach Feuerwerkskörpern und möglichen Waffen absuchen, dann abtasten.

Die Kontrollen gehören zum Sicherheitskonzept, das nach den Anschlägen von Paris und den Terrorplänen in Belgien verschärft wurde. Mehr Polizisten sind im Einsatz. Erstmals sind auf dem Gelände große Taschen und Rucksäcke verboten. Viele Besucher hätten sich von ihrem Gepäck ohne Aufhebens getrennt, erzählt ein Wachmann. Große Müllcontainer stehen dafür bereit. Andere hätten versucht, sich mit ihren Taschen an den Kontrollen vorbeizudrängeln.

Zwei junge Männer aus Südfrankreich sind von den Sicherheitsmaßnahmen nicht sonderlich beeindruckt. "In Frankreich gäbe es auf jeden Fall viel mehr Wachleute", sagt Guillaume mit einem Glühwein in der Hand. Nicht einmal Maschinengewehre trügen die Polizisten hier. Sicherheit fühle sich anders an. Auch der Essener Wolfgang Meyer sagt: "Da ist immer was im Hinterkopf. Aber man darf sich von sowas nicht beeindrucken lassen." Er schwelgt lieber in Erinnerungen an seinen Berlinbesuch zum Jahrtausendwechsel. Damals war er frisch verliebt - jetzt ist er verheiratet und trägt Paillettenhut-Partnerlook mit Frau und Sohn.© dpa